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Kino

„Der Firnis ist sehr brüchig“

Der Schauspieler Ulrich Noethen über Christian Schwochows Neuverfilmung des Romans „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz.

01.10.2019

Von DIETER OSSWALD

Tobias Moretti (links) als Maler Max Ludwig Nansen und Ulrich Noethen als Polizist Jens Ole Jepsen in einer Szene von Christian Schwochows Film „Deutschstunde.“ Foto: WildBunch/dpa

Berlin. Nach dem Roman von Siegfried Lenz hat Christian Schwochow nun „Deutschstunde“ neu verfilmt. Ulrich Noethen spielt darin den autoritären Landpolizisten Jens Ole Jepsen, der seinem langjährigen Freund Max Ludwig Nansen das Malverbot der Nazis überbringt.

Herr Noethen, wo sehen Sie die Aktualität der „Deutschstunde“ für heute?

Ulrich Noethen : In der Zeitlosigkeit seines Stoffes. Die „Deutschstunde“ handelt von Pflichtbewusstsein und zwar in einer pervertierten Form, die dazu führt, dass persönliche und gesellschaftliche Beziehungen zerrüttet, vergiftet und zerstört werden. Das geschieht als Folge von faschistischen, rassistischen Zuständen. Die Parallelen zur heutigen Zeit mag sich jeder selbst erklären.

Ist diese Aktualität ein entscheidender Faktor für Sie oder genügt Ihnen der Stoff als Klassiker?

Ich bin Zeitzeuge und bekomme Entwicklungen mit. Und ich möchte mithelfen, die Erinnerung an Geschehenes wach zu halten. Und Vergangenheit und Gegenwart sinnvoll zusammenfügen. Das empfinde ich als starke Aufgaben. Gleichzeitig bin ich jemand, der seinen Beruf gerne ausüben möchte. Deswegen war es mir sehr wichtig, erneut mit Regisseur Christian Schwochow und solch hervorragenden Kollegen zu arbeiten. Das sind ganz egoistische Gründe, aber dann macht ein Projekt – zusätzlich zur inneren Befriedigung – einfach auch Spaß.

Können Sie sich noch erinnern, als Sie den Roman zum ersten Mal gelesen haben?

Wir hatten „Deutschstunde“ nicht im Schulunterricht, aber zu jener Zeit habe ich den Roman entdeckt. Zu Siegfried Lenz kam ich über „So zärtlich war Suleyken“. Aus diesem mehr humoristisch-anekdotenhaften Stoff bin in die „Deutschstunde“ gerutscht. Spannend fand ich dort das Lokalkolorit und die Schilderung der Typen. Diese literarische Auseinandersetzung eines Ich-Erzählers mit seiner Vergangenheit kannte ich so noch nicht.

Wie fühlt man sich, wenn man einen Typen spielt, der auch das eigene Kind schlägt? Alles Schauspiel-Routine oder nimmt einen das doch ein bisschen mit?

Den Zuschauern geht das vermutlich mehr an die Nieren als mir. Für mich ist das zunächst einfach eine schauspielerische Aufgabe, die es technisch in den Griff zu bekommen gilt: Wie macht man das, ohne dass einer der Beteiligten dabei zu Schaden kommt. Insofern erschüttert mich so eine Szene beim Spielen gar nicht so sehr. Aber nach Drehschluss gehen mir solche Szenen doch noch nach.

Benötigen Sie Schnittmengen mit Ihren Figuren?

Natürlich hat eine Figur immer mit mir zu tun und berührt mich irgendwie. Wie sie auch mit anderen Menschen zu tun hat. Ich glaube, dass Menschen zu unglaublichen Dingen fähig sind. Der Firnis von Kultur, Erziehung und Menschlichkeit ist sehr dünn und brüchig. Ich finde es eine größere Herausforderung, Menschen zu verstehen als sie zu verurteilen. Das heißt nicht, dass ich ihr Handeln billige, aber man sollte mit einem menschlichen Auge auf den Unmenschen schauen. Sie geben gern den Durchschnittstypen vor der Kamera.

Was macht den Spießer reizvoll?

In den zurückliegenden Jahren durfte ich eine Reihe von ganz starken und überhaupt nicht durchschnittlichen Menschen spielen. Und wenn ich Allerwelts-Typen spielen kann, dann um so besser. Ich finde es jedenfalls nicht ehrenrührig. Und bei der Verwendung des Begriffes „Spießer“ wäre ich inzwischen sehr vorsichtig. Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen!

Was sehen Sie als die wichtigste Qualität für den Schauspiel-Beruf?

Das kann ich nicht beantworten. Ehrlich gesagt bin ich immer noch der Meinung: Eigentlich weiß ich nicht genau, wie's geht! Das lässt es für mich spannend bleiben. Wenn ich genau wüsste, worauf es ankommt, dann könnte ich vermutlich einpacken.

Es gibt eine Debatte, mit dem Maler im Roman werde Emil Nolde ein Denkmal gesetzt, der als überzeugter Nazi galt. War das auch Thema bei der Verfilmung?

Wir hatten das im Blick, aber es war für uns kein großes Thema. Denn klar war: Lenz hat nicht Nolde gemeint und beschrieben, sondern hat Teile aus seiner Biografie als Anregung genommen. Auch wenn das Bild von Nolde in weiten Kreisen später stark von der „Deutschstunde“ geprägt wurde, handelt es sich bei der Figur nicht um Nolde. Zudem erzählen wir die Figur im Film noch einmal anders als es Lenz im Roman tut. Es geht um das Parabelhafte der Freundschaft zweier Männer. Der eine ist einem diktatorischen Unrechts-System verpflichtet, der andere seiner Kunst. Und beide versuchen den Jungen für sich zu instrumentalisieren.

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Erstellt:
1. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
1. Oktober 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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