Pandemie

Delta-Mutante erobert Südwesten

In Großbritannien steigen die Fallzahlen wegen der aus Indien stammenden Variante des Coronavirus. In Baden-Württemberg ist sie schon angekommen, die Zahl der Infektionen nimmt zu.

18.06.2021

Von David Nau

Quelle: Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg; Montage: Scherer / imago images/ Rüdiger Wölk

Die Corona-Fallzahlen sinken, die Menschen drängt es an die Badeseen und in die Biergärten. Während sich hierzulande mit der Sommerhitze das Gefühl breitmacht, dass das Virus immer weniger Auswirkungen auf unser alltägliches Leben hat, steigen die Fallzahlen in Großbritannien wieder deutlich. Zuletzt wurden wieder knapp 80 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche gemeldet, die Regierung von Premierminister Boris Johnson hat deswegen geplante Lockerungen verschoben.

Als Ursache für die steigenden Infektionszahlen gilt die Delta-Variante des Coronavirus. Sie ist zuerst in Indien festgestellt worden und macht in Großbritannien inzwischen den Großteil der Neuinfektionen aus.

Auch in Baden-Württemberg ist die Mutationen angekommen. So mussten nach einem Coronaausbruch in der Kita in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) alle Kinder sowie deren Betreuer und Kontaktpersonen in Quarantäne, da in einem Fall die Delta-Variante bestätigt wurde.

Auch im Landkreis Heidenheim breitet sich die Mutation aus. Nach Angaben des Landesgesundheitsamts gibt es dort mehr als 80 bestätigte Fälle. Bislang wurde die indische Variante in 34 der 44 Stadt- und Landkreise im Südwesten registiert.

„Wir gehen von einer deutlichen Zunahme von Infektionen mit der Delta-Variante in den kommenden Wochen aus“, sagt der Leiter des Landesgesundheitsamts, Gottfried Roller. Nach Angaben des Amtes machte die Delta-Variante am Mittwoch 3,19 Prozent der Neuinfektionen des vergangenen 14 Tage aus. Eine Woche zuvor waren es noch nur 0,48 Prozent gewesen.

Der Anteil der Delta-Variante hat sich also innerhalb einer Woche mehr als versechsfacht – allerdings noch auf niedrigem Niveau. Deswegen sieht Roller „zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinen Grund zur Besorgnis“.

Menschen stehen in Großbritannien an für einen Corona-Test. Auf der Insel gibt es wegen der Delta-Variante wieder mehr Neuinfektionen. Foto: Peter Byrne/dpa

Noch gebe es keine größeren Cluster oder Ausbruchsgeschehen, bei denen gehäuft schwere Krankheitsverläufe zu beobachten seien wie in Großbritannien, sagt Roller. „Die Saison spielt uns in die Hände.“

„Wir sollten die Lage in Großbritannien genau im Auge behalten, da eine ähnliche Entwicklung auch so bei uns stattfinden könnte“, sagt dagegen Hartmut Hengel. Der Professor leitet das Institut für Virologie an der Uni Freiburg und ist überzeugt, dass die Delta-Variante auch hierzulande dominieren wird.

Es sei denkbar, dass es im Herbst eine vierte Welle in Deutschland gebe, sagt Hengel: „Ein Anlass zur Sorge ist, dass die Delta-Variante eine höhere Übertragbarkeit hat. Sie ist etwa um 50 bis 60 Prozent ansteckender als die Alpha-Variante.“

„Entscheidend ist, wie wir mit der Durchimpfung in Baden-Württemberg voran kommen“, sagt Roller. Daten aus Großbritannien zeigen, dass vor allem die Zweitimpfung eine wichtige Rolle spielt. Eine Studie von Public Health England kommt zu dem Ergebnis, dass die Wirkung der Impfstoffe gegen die Delta-Variante bei nur einer Impfdosis deutlich verringert ist.

„Wir müssen beim Impfen Fortschritte machen und den vulnerablen Teil der Bevölkerung bevorzugt impfen“, sagt auch Hengel. Er hält die Aufhebung der Priorisierung für „voreilig“. „Ich würde mir wünschen, dass die Politik wieder eine Priorisierung einführt.“

Die Aufhebung der Maskenpflicht in den Schulen findet Roller trotz der Ausbreitung der Delta-Variante „folgerichtig“, weil sie an klare Bedingungen geknüpft sei – und weil in sechs Wochen ohnehin die Sommerferien beginnen. „Ich gehe nicht davon aus, dass sich die Delta-Variante in diesen sechs Wochen exponentiell ausbreiten wird.“

Auch der Virologe Hengel kann die Lockerung in den baden-württembergischen Schulen nachvollziehen: „Wenn wir über die Schulen sprechen, müssen wir uns klarmachen, dass Schüler ein sehr niedriges Erkrankungsrisiko haben.“

Elternbeirat fordert „logische Teststrategie“

Der Landeselternbeirat macht sich mit Blick auf die Schulen keine allzu großen Sorgen ­wegen der Delta-­Variante. „Das Hauptproblem für Kinder ist nicht die Ansteckungsgefahr, sondern der fehlende geregelte Schulbetrieb“, sagt der Vorsitzende ­Michael Mittelstaedt.

Mittelstaedt befürchtet, dass bei einem Anstieg der Variante die Schulen wieder geschlossen werden könnten und fordert eine „logische Teststrategie“. „Es kann nicht sein, dass es noch immer Schulen gibt, die mittwochs zum ersten Mal testen.“ Zudem fordert er, dass das Land das Testkonzept auf PCR-Gruppentests umstellt. „Antigentests generieren bei niedrigen Fallzahlen viele falschpositive Tests.“

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Erstellt:
18. Juni 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Juni 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2021, 06:00 Uhr

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