Superspreader

Das Virus kommt mit dem Demo-Bus

Ein wissenschaftliche Studie zeigt stark steigende Infektionen nach Corona-Protesten in Großstädten.

10.02.2021

Von ANDRé BOCHOW

Eine Demo der „Querdenker“ in München. Foto: Matthias Balk/dpa

Berlin. Zwischen 16 000 und 21 000 Covid-19-Infektionen hätten vor Weihnachten verhindert werden können, wenn die zwei großen „Querdenker“-Demonstrationen im November 2020 abgesagt worden wären. Zu diesem Schluss kommt zumindest eine aktuelle Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim und der Humboldt-Universität Berlin.

In Berlin und Leipzig waren seinerzeit Zehntausende auf die Straße gegangen, um gegen die Corona-Politik der Bundesregierung zu protestieren. Bei den Demonstrationen wurden dabei nicht nur Verschwörungsmythen und Angst vor Impfungen verbreitet, sondern es wurden die wegen der Pandemiebekämpfung eingeführten Hygieneregeln weitgehend missachtet. So trugen zum Beispiel viele Demonstranten keine Gesichtsmasken, und der vorgeschriebene Abstand von 1,50 Meter wurde ignoriert.

Zu Hilfe kam den Wissenschaftlern die Tatsache, dass die Teilnehmer der Corona-Demonstrationen seit einiger Zeit ein Netzwerk von Busunternehmen zum Transport an die Demo-Orte nutzen. Untersucht wurde daraufhin das Infektionsgeschehen in denjenigen Kreisen, zu denen Busverbindungen zu den Veranstaltungen am 7. November in Leipzig und am 18. November in Berlin bestanden. Das Ergebnis: In den entsprechenden Landkreisen stieg die 7-Tage-Inzidenz um 40. Das heißt, es steckten sich 40 Menschen pro 100 000 Einwohner in einer Woche mehr an als es ohne die Demonstrationsteilnahme der Fall gewesen wäre. Zum Vergleich: Am 16. November betrug die durchschnittliche Gesamtinzidenz über ganz Deutschland gerechnet 143. Erst in den vergangenen Monaten ist sie auf deutlich unter 80 gesunken.

Die beiden untersuchten Demonstrationen würden damit zu den sogenannten „Superspreader-Events“ gehören, also zu Ereignissen, bei denen sich besonders viele Menschen anstecken. Mit Blick auf die Demonstrationen im November meint der Co-Autor der vorliegenden Studie, Martin Lange, „eine mobile Minderheit, die sich nicht an geltende Hygieneregeln hält, kann ein erhebliches Risiko für andere Personen darstellen“.

Die „Querdenken“-Bewegung hat nach einer selbstverordneten „Demo-Pause“ ihre Aktivitäten wieder aufgenommen. Allerdings veranstaltet sie derzeit vor allem Auto-Korsos statt Demonstrationen. André Bochow

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Erstellt:
10. Februar 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
10. Februar 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2021, 06:00 Uhr

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