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Streuobst-Infozentrum

Das Paradies braucht Pflege

Landschaftspflege Das Pausa-Quartier wird immer belebter: Seit gestern ist das Streuobst-Infozentrum geöffnet. Es soll zeigen, wie wichtig die Kulturlandschaft ist, und die Besucher mit allen Sinnen unterhalten.

09.07.2018

Von Gabi Schweizer

Marcus Hölz und Maria Schropp teilen sich den Paradies-Schlüssel: Die Geschäftsführer der Arbeit in Selbsthilfe und des Verein Schwäbisches Streuobstparadies sind Hausherr/in im neuen Streuobst-Infozentrum samt Café. Die Idee, es in der Pausa anzusiedeln, hatte Landrat Joachim Walter (links), der Vereinsvorsitzende und Mössinger Oberbürgermeister Michael Bulander (daneben) zog mit. Bild: Rippmann

Was tun, wenn man ein Museum übers Streuobst gestalten soll in einer Stadt, die mittendrin liegt im Schwäbischen Streuobstparadies? Wenn die Besucher also nur ein paarhundert Meter vor die Tür gehen müssen, um das Original zu sehen? Vor diesem Problem stand Peter Neudert vom Büro Impuls-Design, als er die ehemalige Pausa-Schlosserei und Autowerkstatt in ein Streuobst-Infozentrum unwandeln sollte. „Deshalb“, erzählte er gestern vor zahlreichen Interessierten bei der Eröffnungsfeier, „haben wir nicht versucht, die Natur nachzubilden.“

Sehr schematisch sind die fünf künstlichen Bäume, die den Besuchern mit allen Sinnen das Schwäbische Streuobstparadies erschließen sollen – über Texte, Bilder, Hör- und Riechstationen. Überall gibt es Schubladen aufzuziehen, Schränke zu öffnen, Geschichten zu hören und an einem Baum sogar virtuelle Äpfel zu ernten. Ein alter Birnbaum erzählt, wie er einst gepflanzt und als lebenswichtiges Gut gehegt wurde, ehe er in Vergessenheit geriet und immer mehr verwilderte. Fünf besonders häufige Vogelarten zwitschern auf Knopfdruck. Wer mag, kann die Melodien nachpfeifen und auf Übereinstimmung testen lassen.

80 Prozent schaffte Maria Schropp, die Geschäftsführerin des Vereins Schwäbisches Streuobstparadies. Wer das mal probiert hat, geht hinterher viel aufmerksamer durch die Natur, ist sie überzeugt. Und darum geht es ja bei dem Infozentrum. Man wolle, sagte Mössingens Oberbürgermeister Michael Bulander „das Bewusstsein für unseren außergewöhnlichen Landschaftsraum schärfen“ – und dafür, wie wichtig es ist, ihn zu erhalten. Zudem werde der Verein Schwäbisches Streuobstparadies, dem Bulander vorsteht, „greifbar und erlebbar“. Die Premiumwanderwege der Region führen daran vorbei, etliche Radrouten ebenso.

Vor einigen Wochen ist bereits das Pausa-Café in der ehemaligen Kantine eröffnet worden, das die AiS (Arbeit in Selbsthilfe) betreibt. Wer die Erzeugnisse heimischer Streuobstwiesen testen möchte, findet auf der Speisekarte viel Regionales. Mit Café und Infozentrum, im selben Gebäude und räumlich ineinander übergehend, hat die Stadt eine Nutzung für einen weiteren Teil der denkmalgeschützten Pausa gefunden.

Inklusion, Denkmalschutz, Landschaftspflege: Dass unter einem Dach so viel zusammenkommt, lobte (nicht nur) Landrat Joachim Walter in seinem Grußwort an die „lieben Paradiesbewohner“. Er selbst hatte Bulander die Idee angetragen, die Pausa könne zum „Schaufenster“ des Vereins werden. Jetzt sei es ein Vorzeigeprojekt, Bulander selbst sprach von einem „Leuchtfeuer“. „Da ist der Hinterhof zur guten Stube geworden“, findet Landrat Walter. An Joachim Hauck, Ministerialdirigent des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, richtete er eine Investitionsempfehlung: „Greifen Sie herzhaft in die Geldbörse, wenn es darum geht, das Zentrum weiter zu fördern.“

Hauck freilich hielt sich, trotz allen Lobs, mit festen Zusagen zurück. Die Frage indes, ob ein solches Infozentrum nötig sei, könne er ganz klar mit Ja beantworten. Für die Pflege der Streuobstwiesen „muss man Menschen begeistern“.

Viele sind schon große Fans. „Jedes Bild, jedes Exponat, jedes Vogelzwitschern kommt irgendwo her“, betonte Geschäftsführerin Schropp. Es gebe einen „Pool an hilfsbereiten und tollen Menschen“. Eine dieser Personen ist die Fotografin Angela Hammer. Ihre Gomaringer Streuobstwiesen wachsen wandfüllend. Farbig allerdings durften sie nur teilweise bleiben. Des Denkmalschutzes wegen mussten sie nach oben hin mit Schwarz-Weiß-Tönen auskommen, um dem alten Industriegebäude mit seinem nüchternen Charme gerecht zu werden. Aus demselben Grund hat die Stadt
es  bisher  nicht geschafft, Markisen durchzusetzen. Wie es einem Streuobst-Pfleger beim Mähen
an einem heißen Sommertag ergeht, konnten die Gäste deutlich nachfühlen.

3,12 Millionen – so der aktuelle Stand, die Schlussrechnung fehlt noch – hat die Sanierung des Gebäudes gekostet. Ohne Fördergelder „wäre es nicht zu stemmen gewesen“, machte Bulander deutlich. Knifflig war die Sanierung allemal, wie Baubürgermeister Martin Gönner berichtete. Zwar sei die Substanz sehr gut erhalten gewesen. Ab 1954 errichtet, musste das Manfred Lehmbruck-Gebäude bis zum jetzigen Umbau nie renoviert werden. Allenfalls der markanten Stahl-Glas-Front hatte Rost zugesetzt. Jedoch stecke viel Geld und Denkarbeit in der Gebäudetechnik. Für den planenden Architekten Andreas Mehl und das bauleitende Architekturbüro Ernst² bedeuteten die Denkmal-Auflagen, dass sie Kabel verstecken mussten, ohne eine Zwischendecke einziehen zu können, und das Haus dämmen, ohne die Fassade einzupacken.In ästhetischer Hinsicht kam Lehmbruck der jetzigen Nutzung entgegen. „Wie kann ich einfach bauen und doch Atmosphäre schaffen?“ So umriss Gönner dessen Konzept. Der Bauhaus-Schüler habe mehrere Museen gebaut.

Andreas Mehl betonte die Bedeutung der Pausa „für die Stadt und weit darüber hinaus. Welches Potenzial auf diesem Areal noch schlummert, können wir schon erahnen.“ Bogenhalle, Verwaltungsgebäude und Kesselhaus sind noch nicht renoviert. Letzteres haben die Planer schon mitgedacht: Falls darin eines Tages ein Textil- oder Pausamuseum entsteht, wären die jetzt gebauten Toiletten von dort aus zugänglich.

Möglicherweise wird auch der ob seiner Kahlheit immer wieder kritisierte Vorplatz noch irgendwie gestaltet. Aber ohne Eile, wie Gönner betonte: „Wir wollen alle vier Jahreszeiten mal drübergehen lassen.“ Das Areal steht unter Ensembleschutz. Laut Denkmalamt muss die Sichtbeziehung zur Tonnenhalle erhalten bleiben. Dass der Platz sich zum Feiern eignet, hatte das Pausa-Café am Vorabend getestet. Bei Musik und Cocktails saßen Gäste bis zum späten Abend draußen. Am Sonntag musizierte dann sehr schön ein Bläserquintett der Jugendmusikschule.

Ein Gemeinschaftsprojekt

Im 2012 gegründeten Verein Schwäbisches Streuobstparadies haben sich sechs Landkreise zusammengetan sowie Städte, Gemeinden, Vereine, Initiativen, Bildungseinrichtungen und Betriebe. Seine Geschäftsstelle hat er in Bad Urach und nun mit dem Infozentrum seine wichtigste öffentliche Anlaufstelle in Mössingen. Sie wird zu den Öffnungszeiten des Pausa-Cafés zugänglich sein. Die Ausstellung kostete 270 000 Euro, von denen das Land 90 000 übernahm. Weitere 125 000 kamen vom Landkreis Tübingen und jeweils 5000 von den restlichen fünf Kreisen. Geschäftsführerin Maria Schropp warb in ihrer Eröffnungsrede um weitere Sponsoren, zumal pro Jahr zwischen 25 000 und 30 000 Euro für Unterhalt und Miete zusammenkommen müssen. Die „Obstwerkstatt“ können auch Externe für Veranstaltungen mieten. Eigentümerin des Gebäudes ist die Stadt.

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Erstellt:
9. Juli 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Juli 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Juli 2018, 01:00 Uhr

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