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Das Image neu anstreichen

Roman Geiselhart ist seit 2016 Obermeister der Maler- und Lackiererinnung. Sein Großvater Anton Geiselhart gründete den Malerbetrieb 1934, dann übernahm Vater Hansjörg Geiselhart. Auch der Sohnemann selbst machte nach der Waldorfschule eine Malerausbildung, unterbrach die Berufslaufbahn dann für den Zivildienst. Danach setzte er ein BWL-Studium, eine Diplomarbeit übers elterliche Unternehmen und den Malermeister obendrauf.

29.06.2018

Von TEXT: Kathrin Kammerer|FOTOS: Horst Haas

Roman Geiselhart leitet seinen Malerbetrieb seit 20 Jahren. Er wünscht sich, dass das Image des Malerberufs aufpoliert wird.

Seit Ende 1998 leitet Roman Geiselhart das Pfullinger Traditionsunternehmen. Wir haben mit ihm über Fachkräftemangel in seiner Branche, Ursachen und mögliche Lösungen gesprochen.

WIP: Alle reden vom Fachkräftemangel. Was bedeutet das konkret, auf die Malerbranche heruntergebrochen?

Roman Geiselhart: Für uns bedeutet das zunächst: Wenn wir auf klassischem Weg in der lokalen Presse eine Personalanzeige schalten tendiert die Bewerbezahl gegen Null. Vor zehn Jahren kamen auf eine Anzeige noch 50 Bewerbungen.

Lesen die Leute also weniger Zeitung?

Die lesen schon noch Zeitung. Aber der Markt ist praktisch leergefegt. Wer ausgebildet ist und ein paar Jahre Berufserfahrung hat, der bleibt in der Regel in seinem Unternehmen. Der wechselt höchstens, wenn er sich weiterentwickeln will, im alten Betrieb dazu aber keine Möglichkeit hat.

Uns fehlen die Azubis. Die Zahl hat sich in den letzten 15 Jahren praktisch halbiert: Im Jahr 2000 waren es deutschlandweit noch mehr als 46000, 2015 waren es nur noch knapp über 21000.

Was ist ihre Personalstrategie angesichts des Mangels?

Wir setzen auf selbst ausgebildete Fachkräfte: die wissen, wie unser Unternehmen tickt, die kommen mit unserer Unternehmenskultur klar. Bei Quereinsteigern haben wir eher schlechte Erfahrungen gemacht. Die sind in 50 Prozent der Fälle nach einem Jahr wieder weg.

Wie viele Ausbildungsplätze bieten Sie an und wie viele sind besetzt?

Wir haben Platz für insgesamt 15 Azubis in allen drei Jahrgängen zusammen. Das sind in der Regel ein kaufmännischer Azubi, sonst Maler, Stuckateure und manchmal auch Gerüstbauer. Im Moment haben wir neun Auszubildende. Da wäre also auch bei uns noch Luft nach oben.

Durch ihre Funktion als Obermeister haben Sie ja auch Einblick in kleinere Betriebe. Wie ist die Azubi-Lage da?

Die haben auf Grund ihrer Unbekanntheit und wegen der mangelnden Perspektiven, die sie den Azubis bieten können, noch größere Probleme. Wer in einem klassischen Zweimann-Betrieb eine Ausbildung macht, der weiß: Das einzige, das ich erreichen kann, ist nachher vielleicht als Geselle übernommen zu werden.

Diese Kleinbetriebe sagen ganz klar, dass sie gar keine Bewerbungen mehr auf die ausgeschriebenen Azubi-Stellen bekommen.

Wie kommen die dann an neue Mitarbeiter?

Die müssen tatsächlich selbst los gehen und für sich werben, sich in der Verwandschaft und unter Freunden nach neuen Lehrlingen umschauen. Und so fischen die sich noch den einen oder anderen erfolgreich heraus.

Wäre es langfristig nicht eine Perspektive für kleinere Betriebe, sich zusammen zu schließen?

Nein, das funktioniert in der Regel nicht. Weil die kleinen Betriebe untereinander regional sehr darauf bedacht sind, Distanz zu bewahren.

Ein Maler-Azubi bekommt ab August im 1. Lehrjahr 620 Euro brutto, im 2. Lehrjahr 685 Euro und im 3. Lehrjahr 850 Euro. Da wurde aufgestockt in den letzten Jahren. Nichtsdestotrotz: Liegt’s nicht auch am Gehalt, dass immer weniger junge Leute Maler werden wollen?

Das ist tatsächlich ein Argument, das von vielen Betrieben gebracht wird: Wir haben keine Lehrlinge, weil wir ein so geringes Lehrgeld zahlen. Das spielt sicher auch eine Rolle. Aber nicht die größte. Außerdem bleibt es dem Chef frei, dem Lehrling mehr zu zahlen.

Wenn’s nicht am Geld liegt – an was dann?

Die Kinder der „Generation Z“ (zwischen 1995 und 2010 geboren) wurden befragt, was ihnen wichtig ist im Beruf. An erster Stelle steht ganz klar: Sie wollen mitbestimmen bei ihrer Arbeit. Dann kommen flexible Arbeitszeiten und eigenverantwortliches Arbeiten. Und dann erst kommt das Gehalt. Das Geld ist heute nicht mehr der erste Punkt.

Aber mitbestimmen und eigenveranstwortlich arbeiten kann man als Maler doch. Leidet der Beruf vielleicht generell unter einem schlechten Ruf?

Ja, mit unserem Beruf sind wir in puncto Anerkennung bei jungen Leuten ziemlich weit unten. Schon lange. Früher, als wir noch mehr Bewerbungen hatten, kam oft folgender Fall rein: Da hatte ein Bewerber zwei Mechatroniker-Praktika gemacht und wollte dann Maler werden. Maler als letzte Lösung für alle, die nichts anderes kriegen.

Das ist schade, denn der Beruf bietet so viel Abwechslung, wie kaum ein anderer. Man kann sich am Ende des Tages hinstellen und stolz sagen: Das hab’ ich heute geschafft. Aber das wird von den Betrieben und den Innungen leider oft nicht verstanden. Die können die Erfüllung, die man in diesem Beruf finden kann, nicht rüberbringen.

Schlechtes Image der Betriebe also als Grund für die Halbierung der Maler-Azubi-Zahlen?

Natürlich nicht nur. Der ganze Markt entwickelt sich in eine falsche Richtung. Firmen finden keine Fachkräfte und greifen auf Subunternehmer und Leiharbeiter aus dem Ausland zurück. Das sind dann die Maler, welche die jungen Menschen erleben: Verschmierte Malerhose, verschmiertes Shirt, Rucksack, wartet auf den Bus, dreht sich eine Zigarette, trinkt ein Dosenbier. Dann sagt das Kind zur Mutter: Was sind denn das für dreckige Leute? Das ist übrigens ein alter Gesellenspruch von früher. Und dann sagt die Mutter: Ach, das sind die Maler.

Meine Leute sehen Sie so gut wie nie. Die hocken in einem sauberen VW-Bus mit einem sauberen Shirt, ordentlich beschriftet. Die fallen gar nicht auf.

Ist das schlechte Bild vom Maler tatsächlich so verbreitet?

Auch die Maler selbst stellen sich leider viel zu oft unter den Scheffel. Wenn Sie einen Vorarbeiter von mir fragen, was sein Kind später werden soll, dann sagt der: Alles, bloß kein Maler. Eigentlich hat der rießigen Spaß an seinem Beruf, sonst würde der das ja keine 30 Jahre schon machen. Aber da fehlt die Anerkennung.

Was ist also Ihre Lösung? Wie kommen Sie langfristig wieder an mehr Azubis?

Steter Tropfen hölt den Stein, Fahne hochhalten, berichten, was man tut und wie man es tut. Das Maler-Handwerk hat eine Perspektive, denn es wird immer Häuser geben und die wird man immer bearbeiten müssen. Außerdem sind wir speziell in Schulen unterwegs, begleiten Klassen bei Projekten.

Sie haben drei kurze Image-Filmchen über ihre Ausbildungen gedreht, um den Spaß am Beruf auf eine frische Art zu vermitteln (siehe Infobox). Haben die Filme was gebracht?

Wir kriegen wieder mehr Bewerbungen. Jetzt nicht doppelt so viele, das funktioniert auf die Schnelle auch gar nicht. Aber die Qualität ist besser geworden. Die Begeisterung aus den Spots scheint bei manchen angekommen zu sein. Da bewerben sich jetzt nicht mehr nur die, die eigentlich Mechatroniker werden wollten.

Wie sieht’s mit der Integration von Flüchtlingen aus? Können die stellenweise die fehlenden Fachkräfte ersetzen?

Wir haben seit Septermber 2017 einen jungen Mann aus Ghana und einen aus Togo bei uns in der Malerausbildung. Sie sind beide Anfang 20, beide mit dem Boot nach gekommen. Das funktioniert sehr gut mit den beiden, sie bekommen an der Berufsschule noch eine zusätzliche Sprach-Unterstützung. Sie wollen – und das ist der Hauptpunkt. Wenn jemand will, dann finden wir auch einen Weg.

Wie sind die beiden zu Ihnen gekommen?

Sie sind über Paten zu uns gekommen. Das funktioniert am Besten. Es braucht jemanden, der ihnen hilft. Denn unsere Behörden halten das Ganze verwaltungstechnisch so dermaßen hoch, dass sie alleine eigentlich gar keine Chance haben, durch diesen Dschungel zu kommen.

Sie bekommen endlich motivierte Azubis. Und was ist der besondere Mehrwert für die Flüchtlinge?

Sonst sitzen sie nur in den Heimen und haben Langeweile. Wir haben zum Beispiel nochmal einen Flüchtling, der als Helfer hier arbeitet. Wenn er nicht arbeitet, bekommt er alles umsonst. Wenn er aber bei mir auf der Baustelle schafft, muss er für sein Bett bezahlen, während die anderen Handys verticken und nichts zahlen müssen.

Ich verstehe nicht, warum man nicht einfach alle in den Deutsch-Kurs schicken kann und allen die Chance auf eine Ausbildung gibt. sie brauchen was zu tun!

Wie gehen die anderen Mitarbeiter und auch die Kunden mit den Flüchtlingen um?

Manche nehmen das offen auf, sagen. Das ist toll, das hier ein Flüchtling ausgebildet wird. Aber dann gibt’s auch viel Stammtisch-Geschwätz, wenn man denen sagt: Jetzt bilde du mal einen aus, nimm’ ihn mit auf die Baustelle.

Auch manche Kunden sind sehr mit Vorurteilen behaftet, das gibt’s alles. Aber mit den beiden bei uns haben wir wirklich einen Glücksgriff gemacht, sie fügen sich super ins Team ein.

Roman Geiselhart setzt auf Mitarbeiter, die das Unternehmen kennen: Ralf Schwarz ist seit 22 Jahren im Betrieb.

Auch über die beiden bei ihm beschäftigten Flüchtlinge Jerry Tesfamichael (li.) und Ibrahim Jallow, hier im Bild mit Harald Rohmeißl (Mitte), ist er sehr glücklich.

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Erstellt:
29. Juni 2018, 07:59 Uhr
Aktualisiert:
29. Juni 2018, 07:59 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. Juni 2018, 07:59 Uhr

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