Russland

Die Pandemie wütet, viele scheuen die Impfung: „Corona ist ein Bier“

Die Pandemie wütet so stark wie in kaum einem anderen Land in Europa. Doch trotz hunderttausender Toter lässt sich ein Großteil der Bevölkerung nicht impfen. Lieber zahlen die Menschen Schmiergeld für gefälschte Zertifikate. Über eine schicksalsergebene Nation.

27.10.2021

Von Stefan Scholl

In Moskau sieht man wieder vermehrt Menschen mit Masken. Am Donnerstag beginnt ein zehntägiger Mini-Lockdown. Foto: picture alliance/dpa/XinHua /Bai Xueqi

Moskau. Wir sitzen in einem Moskauer Café, mein Bekannter Pascha, ein mit ihm befreundeter Oberarzt und ich. Pascha erkundigt sich bei dem Mediziner, ob es nicht möglich sei, ihm eine Impfung zu bescheinigen, den Inhalt der Spritze aber in den Ausguss zu schütten. „Das geht leider nicht“, sagt der Oberarzt und lächelt ausweichend. „Die Impfdosen sind verplombt und haben einen Strichcode.“ Was hätte er auch anderes antworten können, mit einem Fremden am Tisch?

Der Versuch, die Impfung gegen Covid-19 zum umgehen, er ist in Russland kein Einzelfall. Jelena Spiridonowa, Moskauer Pharmazeutin, erzählt, wie sie sich in ihrer Poliklinik mit Sputnik V impfen ließ. „Das Impfteam bestand aus Medizinstudenten, junge Leute, eine neue Generation: Sie erzählten mir empört, viele Patienten würden Schmiergeld anbieten, damit sie den Impfstoff ins Waschbecken spritzen.“ Einer hätte 10 000 Rubel geboten, das sind umgerechnet mehr als 120 Euro.

Dabei tobt Covid-19 in Russland seit Monaten wie in kaum einem anderen Land in Europa. Am 12. August stieg die tägliche Todesrate erstmals über 800 Opfer, dann zuletzt auf über 1000. Der operative Stab der russischen Regierung zählte bisher gut 226 000 Covid-Tote, das staatliche Statistikamt aber meldete allein von Januar 2020 bis August 2021 über 417 000 Opfer. Laut dem unabhängigen Statistiker Aleksei Rakscha nähert sich die Corona-bedingte Übersterblichkeit der 800 000-Marke. 96 Prozent der Covid-Krankenhausbetten sind belegt. Am Dienstag wurden 36 446 Neuinfizierte sowie 1106 Tote gemeldet, wieder ein neuer Negativrekord.

Kreml ruft Mini-Lockdown aus

Der Kreml hat spät reagiert. Erst vergangene Woche rief Wladimir Putin für das ganze Land „arbeitsfreie Tage“ vom 30. Oktober bis zum 7. November aus. Die Moskauer Stadtverwaltung startet zudem ab Donnerstag einen zehntägigen Lockdown, Restaurants und Einkaufszentren schließen. Allerdings sollen die Arbeitnehmer nur 30 Prozent ihrer Angestellten ins Home Office schicken. Und den alarmierenden Zahlen zum Trotz plant man derzeit keine Verlängerung der Maßnahmen.

In der Moskauer Metro sieht man wieder öfter Mundschutz. In einem U-Bahn-Waggon Richtung Zentrum tragen von 26 Insassen 14 Maske, drei allerdings nur überm Kinn. Eine Frau, die niesen muss, lüftet vorher die Nasenlöcher, sie will wohl ihre Maske schonen.

Für die meisten Russen sind Maskenpflicht und andere Schutzmaßnahmen Formalitäten. „Absolut blödsinnige Formalitäten“, sagt der Publizist Maxim Schewtschenko, nach schwerer Krankheit keineswegs ein Covid-Leugner. Was helfen solche Maßnahmen in Moskaus Metro mit sieben Millionen Fahrgästen täglich? Die Rush Hour verwandelt die Waggons in Sardinenbüchsen mit bis zu 259 Insassen, der Abstand zwischen den Atemwegen ihrer Passagiere schmilzt auf Zentimeter und mit ihm der Glaube an Mund-Nasen-Schutz oder soziale Distanz.

Auch Pascha hat wochenlang mit Covid-19, Fieber und Husten im Bett gelegen, lehnt aber trotzdem Masken und auch eine Impfung ab. Die „beste Art, Corona zu bekämpfen, ist krank und wieder gesund zu werden“, sagt er. Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin, lange Zeit Russlands lautstärkster Verfechter von Lockdowns, sei ein Agent des Weltwirtschaftsforums, glaubt Pascha. Das wolle mithilfe der Pandemie den Reset, also eine Neugestaltung, des Kapitalismus verwirklichen, sei aber gescheitert, weil China, Russland, Europa und die USA dabei alle auf andere Art und Weise manövrierten.

Der Nowo-Juschnoje-Friedhof in Omsk dient als eine der Begräbnisstätten für Covid-19-Opfer. Foto: picture alliance/dpa/AP

Eine gemäßigte Verschwörungstheorie im Vergleich zu denen mancher deutscher Querdenker. Und Paschas Stimme zittert nicht vor Zorn, Pascha plaudert. Ein Mann wie ein Baum, Mitte 40, dessen faltenfreies Gesicht ihn zehn Jahre jünger erscheinen lässt. Er ist Webdesigner, erfolgreich, keiner, den Covid aus der Ruhe bringt. „Corona“, er grinst, „ist eine mexikanische Biersorte.“ Man macht Witze über das Virus, schwatzt, streitet auch darüber, aber Covid-19 ist weder Haupt- noch Hassthema in Russland.

Auch hier wurde die Pandemie anfangs rigoros bekämpft. Aber als nach den ersten Ausgangssperren im Frühjahr 2020 die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent stieg, verzichtete der Kreml auf weitere harte Schutzmaßnahmen, kündigte stattdessen eine große Impfkampagne an. Die Staatsmedien priesen das vaterländische Vakzin Sputnik V als den mit Abstand besten Impfstoff der Welt. Ohne Erfolg: Er fiel zu Hause durch. Angestellten und Belegschaften von Staats- oder Großbetrieben, die sich der Spritze verweigerten, wurde mit Entlassung gedroht. Trotzdem ließen sich in zehn Monaten nur 51 von 154 Millionen Russen impfen. Und das nach offiziellen Angaben.

Ella, eine Verlagslektorin aus dem Nordkaukasus, erzählt von einer Verwandten, die ihrem Sohn vor seiner Hochzeitsreise in die Türkei die nötige Impfbescheinigung gekauft habe. „Der Junge soll doch noch Kinder zeugen“, habe sie gesagt. Irina, Verkaufsmanagerin aus einer Moskauer Vorstadt, sagt, alle Kollegen, die sich impfen ließen, seien krank geworden. „Ich hatte Angst.“ Aber Sputnik war Pflicht, hinter dem Wandschirm des Impfzentrums versuchte Irina, einen Sanitäter mit 2000 Rubel, umgerechnet 24 Euro, zu bestechen, spontan und gar erfolgreich.

Anderswo wird systematisch geschmiert. Erst vor Kurzem nahm die Polizei in Elektrostal bei Moskau acht mutmaßliche Betrüger fest, darunter zwei Mediziner, die digital gefälschte Atteste ausstellten. Nach Angaben verschiedener Agenturen hatten sie zwischen 61 und 1000 Kunden.

In Deutschland ließen sich zwei Drittel der Bevölkerung impfen, in Russland zwei Drittel nicht. Nach einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Forschungszentrums waren im Juli 44 Prozent der Russen bereit dazu oder schon geimpft. Aber Lew Gudkow, Chefsoziologe von Lewada, glaubt, viele positive Antworten hätten „deklarativen Charakter“. „Die Leute beeilen sich nicht mit der Impfung.“ Gudkow begründet das mit Misstrauen gegen die Obrigkeit, außerdem mit fehlenden Alternativen durch ausländische Vakzine. Es sperrten sich vor allem gebildete junge Frauen, die sonst sehr auf ihre Gesundheit achteten. „Wenn der Staat etwas laut propagiert, befürchten die Leute nur Schlechtes.“

Die meisten Russen, mit denen man redet, sind sich einig: Die Impfkampagne diene der Topbeamtenschaft dazu, sich neue Haushaltsgelder unter den Nagel zu reißen. „Seit 30 Jahren hat das Volk keinen Moment erlebt, in dem die Beamten etwas zu seinem Wohl getan haben und nicht für die eigene Tasche“, sagt Maxim Schewtschenko. „Auch ohne Corona schrumpft unsere Bevölkerung jährlich um eine Million Menschen.“

Putin-Anhänger besonders skeptisch

Es gibt durchaus Russen, die Covid-19 als tödliche Gefahr sehen. Roman Popow, Chefredakteur der Boulevardzeitung „Tajny Swjosd“, lag 2020 mehrere Wochen im Bett, seine Frau kam mit schwerer Lungenentzündung ins Krankenhaus. Sie ließ sich danach zweimal mit Sputnik V impfen, er dreimal, beide kürzlich in Kroatien noch einmal mit Johnson&Johnson. Roman betrachtet das Virus als Zerstörer mit messbarer Wucht. „Meine Frau ist Freitaucherin. Vor der Krankheit schaffte sie eine Tiefe von fast 28 Meter. Jetzt sind es noch 21 Meter.“

Fast scheint es, als ließen sich in Moskau mehr Intellektuelle und Liberale impfen als Patrioten oder Putin-Anhänger. Kein Wunder, Präsident Putin verkündete zwar, er habe sich zweimal Sputnik V spritzen lassen, ließ aber weder Videos noch Fotos davon veröffentlichen. Kein Aufbruchsignal für die unschlüssige Nation.

Verkaufsmanagerin Irina hat kein schlechtes Gewissen wegen ihrer unechten Impfung. Obwohl sie niemanden kennt, der an Sputnik V gestorben ist, aber einen Covid-Toten in der Verwandtschaft hat. „Alle Menschen“, sagt sie, „sterben.“ Die Russen sind statistische Gräuel gewohnt: Ob Verkehrstote, Schnapsleichen oder Rauschgiftsüchtige, die Russen sind den Tod gewohnt. Vor allem ärmere Landsleute preisten Menschenleben sehr niedrig ein, sagt Soziologe Gudkow, auch das eigene. Und wenn Russen sich kritisch mit der eigenen Mentalität auseinandersetzen, reden sie meist über ihren „Pofigismus“, Gefühls- und Teilnahmslosigkeit, die man auch Scheißegal-Stimmung nennen könnte: Ob Beamte stehlen, ob in Gefängnissen Tuberkulose herrscht, schert uns nicht, auch nicht, ob wir nach Covid-19 an Bluthochdruck, Herzstechen oder Atemnot leiden. „Wer über 40 ist und ohne Schmerzen aufwacht, ist tot“, sagt der Volksmund. Corona ist nur ein Bruchteil jener sich oft häufenden Widrigkeiten, die die Russen Schicksal nennen.

Einmal kamen wir mit Pascha und seiner Frau aus dem Kino, ich setzte gedankenverloren meinen Mundschutz auf, Pascha grinste ironisch. „Zieh die Maske aus, der Krieg ist vorbei!“ Aber wenn der Kampf gegen Covid-19 wirklich schon vorbei ist, dann hat Russland ihn verloren.

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Erstellt:
27. Oktober 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Oktober 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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