Rottenburg · Diskussion

Corona-Krise: Wie gut sind die Bürger informiert?

Der politische Gesprächskreis unterhielt sich über die Berichterstattung zu Zeiten von Corona.

01.07.2020

Von Ulyana Dobrochynskyy

Angelika Bachmann, Redaktionsleiterin der ROTTENBURGER POST. Bild: Ulrich Metz

Panikmache oder zuverlässige Informationsquelle? Die Meinungen über die Berichterstattung der Medien zu Corona-Zeiten lagen beim politischen Gesprächskreis weit auseinander – beinahe so weit wie die Sitzplätze im Stuhlkreis im Corona-Abstand. Nach viermonatiger Pause traf sich der politische Gesprächskreis unter ungewohnten Umständen am Dienstag zu einer hochaktuellen Diskussion in der Zehntscheuer. Bürgerinnen und Bürger waren eingeladen, sich mit der Informationspolitik zu Zeiten von Corona auseinanderzusetzen und ihre Ansichten zum Thema zu äußern: „Sind wir gut informiert?“

Einen lokalen Bezug zur Thematik stellte Angelika Bachmann, Redaktionsleiterin der ROTTENBURGER POST, her. In ihrem einführenden Beitrag berichtete sie über ihre Eindrücke der vergangenen Monate – aus journalistischer sowie privater Perspektive. „Als Journalistin arbeite ich im Jetzt, ich arbeite tagesaktuell“, so Bachmann. Aus ihrem Geschichtsstudium habe sie allerdings ein Bewusstsein dafür entwickelt, wie begrenzt das Wissen zu einem bestimmten Moment sein kann und dass Fehler und Schlüsselmomente oft erst im Rückblick erkannt werden.

In diesem Sinne ließ Bachmann die Teilnehmer/innen des Gesprächskreises an einem Rückblick teilhaben: Sie berichtete, wie das SCHWÄBISCHE TAGBLATT mit der Krise umgegangen ist – vom ersten offiziellen Coronafall in Tübingen Ende Februar bis heute. Seit den ersten Infektionsmeldungen veröffentlicht das TAGBLATT online einen Live-Blog mit den aktuellsten Meldungen und einem täglich aktualisierten Diagramm, das die Zahl der Infizierten im Kreis Tübingen und Kreis Reutlingen anzeigt. Die Daten beziehen und bezogen die Journalisten direkt vom Landkreis.

 

 

Bachmann lobte die Offenheit und Auskunftsbereitschaft der Ämter: „Ich bin dankbar, in einem Land zu leben, das noch die Todesfälle zählt und in dem die Presse immer Auskunft bekommt.“ Anlass zu Optimismus gaben die gelieferten Daten anfangs jedoch kaum: Der Anstieg der Kurve schien unaufhaltsam. Zumal es in den ersten Wochen keine Angaben dazu gab, wie viele Erkrankte wieder genesen sind. Als diese Information dann von den Ämtern geliefert wurde, gab es fortan auch einen grünen „Hoffnungsbalken“ im Diagramm. „Menschen brauchen Perspektive“, so Bachmann. „Man kann nicht nur in der Situation verharren, sondern muss auch nach vorne blicken.“

Obwohl sie Maßnahmen wie die Kontaktsperre oder die Schulschließungen für notwendig erachtet, störte sie sich an der vehementen Weigerung vieler Politiker, über spätere Lockerungen zu sprechen. Nachvollziehen kann sie diesen Standpunkt dennoch: „Die Politik wollte damit verhindern, dass die Situation entgleist.“

Denn niemand habe wissen können, wie schlimm es wird. Bilder aus Norditalien erschütterten die Welt, auch Bachmann ließen sie nicht kalt. In einer solchen Situation sei es die Aufgabe der Journalisten, die Bevölkerung früh und umfassend zu informieren. Dass dies nicht einfach ist, weiß Bachmann aus persönlicher Erfahrung: Es gab oft keine klaren Antworten – nicht seitens der Politik, nicht seitens der Wissenschaft. „Wir können Information nicht abschließend bewerten“, so Bachmann. „Das führt zu Unsicherheit.“ Die Pflicht bleibt trotzdem – für Politiker zu handeln und für Journalisten zu informieren.

Ob und wie gut letztere diese Pflicht während der Pandemie erfüllt haben, wurde anschließend diskutiert. Das Meinungsbild war gespalten. „Ich hätte mir gewünscht, dass man die Informationen mehr in Bezug setzt und eine Einschätzung über das lokale Risiko des Corona-Virus gibt. Absolute Zahlen sind oft nichtssagend“, so ein Teilnehmer.

Ein weiterer Teilnehmer äußerte ebenfalls Kritik: „Ich hatte das Gefühl, dass über die Presse viel Angst verbreitet wurde.“ Die Berichterstattung der Medien sei ihm zu einseitig gewesen, und über die Genesenen wurde zu wenig geschrieben. „Ich fühle mich durch Information nicht verängstigt“, entgegnete eine Teilnehmerin. Die Berichterstattung des TAGBLATTs habe bei ihr keine Panik, sondern Wachsamkeit hervorgerufen. Für die Krankenschwester war eine zuverlässige Berichterstattung über die Pandemie besonders relevant. Dies konnte die Lokalredaktion ihrer Ansicht nach bieten.

Über das große Orientierungsbedürfnis in Krisenzeiten sprach eine weitere Teilnehmerin: „Obwohl ich ein antiautoritärer Mensch bin, hatte ich ein starkes Bedürfnis nach klaren Anweisungen verspürt.“ Während der Pandemie habe sie sich oft die Frage gestellt, was man überhaupt noch darf: „Sogar beim Spazierengehen habe ich mich wie ein Verbrecher gefühlt.“

Auch die Entscheidungen der Politiker wurden von den Teilnehmern unterschiedlich bewertet. Während einige die Politik für ihre schnelle Handlungsbereitschaft angesichts widersprüchlicher Expertenmeinungen lobten, bedauerten andere die Einschränkung der Grundrechte: War die Kontaktsperre und die Schulschließung wirklich gerechtfertigt? Und wo bleibe die Garantie, dass die Bürger/innen ihre Grundrechte wieder zurückerlangen? Auch mit diesem Thema hätten sich die Medien zu wenig auseinandergesetzt.

Bachmann antwortete aus persönlicher Sicht, die Einschränkungen hätten auch ihr zu schaffen gemacht. Dennoch hält sie sie für notwendig. „Wir hatten Glück, dass es bei uns nicht so schlimm gewesen ist“, sagte sie. Wenn jeder durch die Krise einen Angehörigen verloren hätte, würde heute wohl weniger über die Frage diskutiert, ob der Lockdown notwendig war.

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Erstellt:
1. Juli 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
1. Juli 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Juli 2020, 01:00 Uhr

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