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Festival

Bach bis Bulak in Vollendung

Das Ensemble des innovativen Podium Esslingen begeisterte beim Auftaktkonzert des Konzertwochenendes in Bebenhausen.

20.08.2018

Von Alfred Gloger

Volle Konzentration junger Künstlerinnen am Festivalwochenende des Podiums Esslingen in Bebenhausen. Bild: Faden

Schon letztes Jahr war das Podium Esslingen im Kloster Bebenhausen zu Gast. So erwarteten 150 Besucher am Freitagabend im Sommerrefektorium wieder ein Konzert der Extraklasse. Schon das erste Werk, Bachs Cembalokonzert BWV 1054 (nach dem Violinkonzert E-Dur) erfüllte diese Erwartungen vollkommen, wiewohl auch hier, wie letztens bei der Camerata Bohemica, moderne Instrumente und Stimmung verwendet wurden.

Das Cembalo erhält Freiraum

Jede Phrase individuell durchgestaltet und liebevoll abphrasiert: So erhält das Tastenzupfinstrument (Elina Albach) auch und gerade bei Tonrepetitionen den angemessenen Freiraum. Dennoch ragen die Dissonanzvorhalt-Flächen durch prägnantere Dynamik gebührend heraus (Elfa Rún Kristinsdóttir und Moritz Ter-Nedden, Violine), während das Cello (Simone Drescher) mit expressiv noblem Ton die Kantilene zu Beginn des zweiten Satzes (Adagio e piano sempre)
zelebriert.

Im abschließenden Allegro trägt die Viola von Nora Romanoff-Schwarzberg zum giguenhaften Tanzschwung bei, bevor nach kurzer Cembalo-Kadenz und einer spritzigen Synkopen-Episode das Werk dem bejubelten Ende entgegeneilt. Eine Interpretation in kleinstmöglicher Besetzung, mit kammermusikalischem Klangempfinden und historisch fundierter Feinarbeit. „Über Mut“ oder „Übermut“ hatte der Künstlerische Leiter Steven Walter das Programm betitelt und (vielleicht auch deshalb) für die erste Hälfte kein Programm ausgeben lassen, so Über-Raschung und unverstelltes Zuhören provozierend. Zu „Hain I & II“ von Kaan Bulak, vor gut einem Jahr in Esslingen uraufgeführt, gab er dann doch einige Erläuterungen: „Hain“ sei türkisch „Verräter“, aber auch der Name eines Berliner Klubs.

Bulak ist für die Elektronik zuständig, bekennt sich zur Tonalität mit beginnendem Dur-Dreiklang, der sich zum verminderten zusammenzieht. Mit der Technik abgewandelter Schleifen und Neuer Einfachheit bringt er die vier Streicher nach einer meditativen Pause zu Dissonanzflächen, die sich zum Ausgangsdreiklang entspannen. Ein Rezitativ der Ersten Geige (diesmal Ter-Nedden) führt zu einer Palestrina-Zweistimmigkeit von Zweiter Geige und
Bratsche.

Übermut oder Eklektizismus? Auf jeden Fall Emotion: die kleine Sekunde als Seufzermotiv, oder „etwas harter Gang“ zog sich wie auch in anderen Werken des Abends als konstituierendes Element durch das Werk, inklusive Elektro-Beats, col legno – off-beats der Zweiten Geige, Cellokantilene und einer „romantischen“ Streicherpassage bis zum ausgeblendeten Elektroklang.

Mut beweist auch Gustav Mahler in seinem Klavierquartettsatz a-moll, eigenständig setzt er sich in seiner Studienzeit mit romantischen Vorbildern auseinander. Etwas mutig auch die Programmgestaltung: selten gespielte Werke (Mahlers Quartett ist immerhin schon im Spielberg-Film angekommen) und Spitzbübisches wie John Cage’s Publikumsbeobachtungs-Pausenstück in drei Sätzen „4:33“ - die genaue Länge konnte wegen Dunkelheit leider nicht mitgestoppt werden. Damit und mit Mozarts Es-Dur-Divertimento, von draußen aus dem Kreuzgang, ging’s in die Pause.

Erneut Mut fassen

Der todesmutige Geigen-Experimentator J.S. Bach und Elfa Rún Kristinsdóttir hoben die Violinfuge BWV 1026 aus der relativen Versenkung. Joachim Carr erweckte den Anderthalb-Meter-Yamaha zu nicht geahnter romantischer Klangsinnlichkeit in einer Liszt-Klavierbearbeitung von „Isoldes Liebestod“ des liebestollen, hoch- und übermütigen Richard Wagner. Am Ende des Konzerts zeichnete Carr in unnachahmlicher Tiefenkonzentration mit Schostakowitschs „Präludium und Fuge h-moll“ das neue Mutfassen des suizidgefährdeten Komponisten. Besinnung, großer Jubel.

Am Samstag präsentierten im Sommerrefektorium drei #bebeethoven-Fellows ihr Musikschaffen: die Cembalistin Elina Albach, das Künstlerpaar Holly Herndon und Mat Dryhurst und der Komponist Kaan Bulak. Elfa Rún Kristinsdóttir spielt diesmal die Barockvioline.

Die US-amerikanische Künstlerin Holly Herndon und ihr Technologie-Partner Mat Dryhurst stellten als Teil der Einführung in der Kutscherhalle im Gespräch mit Steven Walter, dem Künstlerischen Leiter, ihr Set „Spawn“ (Brut, Ausgeburt) des Konzerts mit dem Gesamttitel „Mut_Willig“ vor, das wieder im Sommerrefektorium stattfand (Bericht folgt).

Plattform für Innovation in der Klassik

Brigitte Russ-Scherer, frühere Tübinger Vorstandsfrau des „#bebeethoven2020.com“ – Projekts, das von der „Podium Musikstiftung Esslingen“ maßgeblich gefördert wird, widmet sich mit großem Engagement und ebensolcher Begeisterung dieser Plattform für Innovation im Bereich klassischer und zeitgenössischer Musik. Das Konzertwochenende Bebenhausen ist zwar beendet, doch Auftritte im ZKM Karlsruhe, in der Zürcher Tonhalle, beim Düsseldorf-Festival und im Radialsystem V in Berlin folgen. (Termine unter „podium-esslingen.de“ und „bebeethoven2020.com“).

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Erstellt:
20. August 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
20. August 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. August 2018, 01:00 Uhr

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