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Ausbildung und Gymnasium: Mit Kopf, Herz und Hand
Gymnasiasten im Handwerk: Christoph Plocher und Tobias Stalder (von links).Bild: Faden
Schüler machen Abitur und Gesellenbrief

Ausbildung und Gymnasium: Mit Kopf, Herz und Hand

Schüler/innen der Firstwald-Gymnasien können parallel zum Unterricht eine Ausbildung machen. Dafür verbringen sie einen Teil ihrer Ferien auf der Baustelle.

12.09.2017
  • Susanne Mutschler und Gabi Schweizer

Der Gedanke des Bildungsreformers Johann Heinrich Pestalozzi gehört zu den Grundüberzeugungen der Firstwald-Gymnasien in Mössingen und Kusterdingen: Der Mensch lernt mit Kopf, Herz und Hand am besten. Seit jeher hat zum Beispiel der Werkunterricht eine große Bedeutung, an beiden Standorten gibt es eine Holzwerkstatt. Und so war die Schulleitung aufgeschlossen, als das Unternehmen Heinrich Schmid übers Bischofsbüro der evangelischen Landeskirche anfragte, ob eine Kooperation möglich sei. „Wir haben uns gesagt: Das wäre was, was zu uns passen würde“, erzählt Schulleiter Helmut Dreher.

13 Schüler/innen aus Kusterdingen und Mössingen sind inzwischen am Ende des ersten Ausbildungsjahrs angelangt. Neun von ihnen besuchen die Kusterdinger Schule, vier kommen aus Mössingen. Ab Herbst werden aus beiden Schulen sechs weitere hinzukommen, zwei von ihnen aus Mössingen. Während ihre Mitschüler vom Firstwald-Gymnasium noch voll im schläfrigen Sommerferienmodus waren, arbeiteten Tobias und Alissa Stalder (17 und 15), Leo Bickelmann (15) und Christoph Plocher (14) auf den verschiedenen Baustellen der Tübinger Firma. Tobias lernte in Nehren, dass eine Flussbeschichtung einen Top-Bodenbelag ergibt. Christoph tapezierte währenddessen in Rottenburg die Wände in einem Fitness-Studio. Alissa strich ein Wohnhaus an, Leo arbeitete bei der Instandsetzung eines ehemaligen Firmengebäudes mit.

„Wir haben Lust, was anzupacken“, antwortet Tobias auf die Frage, warum es ihm überhaupt nicht schade ist um seine Ferien. Christoph weiß, dass ihn manche aus seiner Klasse inzwischen um seine spannenden Arbeitseinsätze sogar beneiden. „In der Schule sitzt man doch bloß rum“, findet er. Bei den verschiedenen Handwerksarbeiten „wird es einem nie langweilig“ und vielleicht – so räsoniert der Vierzehnjährige, werde er von seinen Kennnissen ja mal profitieren, wenn er sich später ein Haus baue.

Die Schüler-Azubis sind stolz auf jeden Fortschritt, den sie machen. „Man ist glücklich, wenn man sieht, was man geschafft hat“ sagen sie. Selbst den frühen Start zu den Baustellen zwischen sechs und halb sieben Uhr morgens sehen sie als Vorteil: „Wenn die Schule wieder losgeht, haben wir den Rhythmus schon drin.“ Wer sich am Ende der achten Klasse für das Modell „Abitur mit Gesellenbrief“ entscheidet, verbringt während der letzten vier Schuljahre jeweils zehn Wochen im Betrieb – davon sechseinhalb in den Ferien, weitere dreieinhalb während der Schulzeit. Hinzu kommt ein Nachmittag Fachunterricht pro Monat. Nur das halbe Jahr vor dem Abitur ist frei von Praxiseinsätzen, damit die Jugendlichen Zeit haben, sich auf die Prüfungen vorzubereiten. Als Vergütung gibt es im ersten Ausbildungsjahr monatlich 125 Euro, dann jedes Jahr 25 Euro mehr.

Die Berufsabschlussprüfung vor der Handwerkskammer Reutlingen legen die jungen Leute wenige Wochen nach dem Abitur ab. Sie sind dann zunächst „Bauten- und Objektbeschichter“. Jedoch liegt es nahe, noch ein halbes Ausbildungsjahr anzuhängen und dann die Gesellenprüfung zum Maler und Lackierer abzulegen. Genau das haben auch Tobias und Christoph vor, obwohl sie beide ihre zukünftige Karriere – bis jetzt – noch eher im IT-Bereich als im Handwerk sehen.

Überraschend fanden die Jugendlichen, wie viele Arbeitsbereiche sich im Malerberuf verbergen. Ausbildungsbeauftragte des Unternehmens und Leiterin des Dualen Projekts ist Svenja Ponath. Die 29-Jährige ist Fachhochschulabsolventin, Malermeisterin und geprüfte Gestalterin. Sie schickt keinen der Schüler ohne Vorwissen auf eine Baustelle. Zusammen mit Regina Barth hat sie das Handwerkswissen der Firma in Bausteine zerlegt, die sie den „Dualisten“ in der Lehrwerkstatt in Reutlingen beibringt. Dazu gehören alle Arten des Anstrichs innen und außen und die Klebearbeiten für Tapeten und Wandbeläge. Es geht ums Lackieren auf allen Sorten von Materialien, um Gips- und Stuckateurarbeiten im Trockenbau, um Wärmedämmung und Bodenbeläge.

Zehn Wochen Ausbildung im Jahr klingt wenig – doch vieles, was die Jugendlichen sonst an der Berufsschule lernen würden, steht ohnehin im gymnasialen Lehrplan. Umgekehrt verpassen sie durch die Praxiswochen gar nicht so viel regulären Unterricht. Denn sie sind meist dann im Betrieb, wenn das Firstwald Projektwochen oder dergleichen veranstaltet.

„Sie organisieren sich selbständig und arbeiten den Stoff nach. Das funktioniert ziemlich gut über WhatsApp-Gruppen“, berichtet Birgit Wahr, stellvertretende Abteilungsleiterin am Firstwald in Kusterdingen. Dreher hat kürzlich Zeugnisse unterschrieben und war ganz erstaunt, wie gut die Heinrich-Schmid-Azubis abschnitten. Seine Noten seien sogar eher besser geworden, seit er zusätzlich die Handwerksausbildung mache, erzählt Tobias Stadler.

Das ist in dem Alter nicht selbstverständlich. Gerade um die neunte Klasse herum konstatieren die Lehrer immer wieder eine gewisse Schulmüdigkeit. Auch aus diesem Grund schien ihnen das duale Modell vielversprechend. Auf die Praktikumsphasen freuen die Schüler sich, weiß Wahr, weil sie Abwechslung bieten. Umgekehrt sähen sie, „was ihnen ihr Wissen aus der Schule auch nutzt“. Zudem dürfte das Taschengeld für manchen Jugendlichen attraktiv sein. Tobias geht so ökonomisch damit um, dass er sich bereits seinen Führerschein zusammengespart hat.

Außer einem Informations- und Bewerbungsgespräch mit den Eltern und den Ausbildern gibt es formal keine Voraussetzungen, die ein Jugendlicher für den dualen Zug erfüllen muss. Einem versetzungsgefährdeten Schüler würde er „eher abraten“, räumt Dreher ein. „Es gibt aber auch Schüler, die notenmäßig nicht so gut sind. Für sie kann es eine wichtige Erfahrung sein, dass sie in einem handwerklichen Beruf gut zurechtkommen. Es kann sein, dadurch startet jemand durch“, gibt Wahr zu bedenken.

Als Lehrling ernst genommen zu werden sei zudem etwas ganz anderes, als mit einem Ferienjob Geld zu verdienen. Er habe sich noch auf keiner Baustelle wie ein Lehrbub gefühlt, sagt Tobias. Stets werde darauf geachtet, dass er was zu tun bekomme, was er gelernt habe.

„Maler und Lackierer ist nicht der Top-Beruf, der Jugendliche aus dem Sessel holt“, dessen ist sich Dreher bewusst. „Und trotzdem ist Begeisterung da!“ Das liege gewiss auch am Engagement des Seniorchefs bei Heinrich Schmid. Das Modell Abitur und Gesellenbrief sei „sein Kind“.

Projektleiterin Ponath beobachtet, dass die Zehntklässler von den praktischen Einsätzen mehr mitnehmen als handwerkliche Erfahrungen und Fertigkeiten. Bei der Arbeit werde praktisches Vorstellungsvermögen in sichtbare Ergebnisse umgesetzt. Daneben werde die soziale Kompetenz geschult, in nach Alterszugehörigkeit, Kultur und Herkunft bunt gemischten Teams mitzuarbeiten.

Und es werden veraltete Ansichten auf die Probe gestellt. Manche der Schmid-Mitarbeiter „wundern sich darüber, warum wir vom Gymnasium mit ihnen auf den Bau gehen“, erzählt Christoph. Ihm sei bei der Arbeit gleich klar geworden, dass man Handwerker zu Unrecht unterschätze. „Das zerstört bei manchem ein Weltbild“, begrüßt Ponath solche Erfahrungen.

Grundsätzlich könnten Dreher und Wahr sich gut vorstellen, in Zukunft weitere Kooperationen einzugehen. „In Kusterdingen sind Eltern auf mich zugekommen und haben gefragt, ob sowas auch für Sozialberufe möglich ist“, berichtet der Schulleiter. „Es wäre schön, wir hätten eine Berufsrichtung, die auch für Mädchen attraktiver ist“, findet Wahr. „Aber es gehört auch ein großer Betrieb dazu. Die müssen schon was stemmen.“

Auch die Handwerkskammer muss mitmachen, weil sie die Prüfungen abnimmt. Bei Schmid sind auch tüchtige Schülerinnen willkommen, weiß Tobias von seiner Schwester Alissa. Für sie sei nicht der Handwerksalltag eine Herausforderung gewesen, sondern die nonverbale Kommunikation mit den Arbeitskollegen, die kein Deutsch sprechen. „Aber auch das hat sie hingekriegt“.

Noch beschränken sich die Erfahrungen aufs erste Lehrjahr, „das muss man sich nochmal anschauen, wenn es Richtung Abitur geht“, sagt Dreher. „Aber bis jetzt läuft es gut“, ergänzt Wahr. „Alle machen weiter.“

Die Reutlinger Firma ist europaweit tätig

Die Unternehmensgruppe Heinrich Schmid beschäftigt europaweit mehr als 4800 Mitarbeiter und mehr als 750 Auszubildende. Gegründet wurde die Firma 1914 in Metzingen. Der Stammsitz ist in Reutlingen. Seit vier Generationen ist sie in Familienbesitz. Sie gilt als Ausbildungs-Pionier und bietet beispielsweise auch Duale Studiengänge an. Ein Duales Abitur bietet Heinrich Schmid jetzt zudem mit dem Schiller-Gymnasium in Marbach a. N. an. Eine Berufsausbildung neben dem gymnasialen Schulunterricht gibt es vereinzelt auch anderswo in der Region. Die Firstwald-Leitung schaute auf der Suche nach Vorbildern im katholischen Internat Kloster Wald (Kreis Sigmaringen) vorbei. Dort können Mädchen sich neben dem Abitur zur Schreinerin, Schneiderin oder Bildhauerin ausbilden lassen.

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12.09.2017, 01:00 Uhr
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