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Der Biber und die Bodenbrüter

Ammertal: Kahlschlag für den Kiebitz

Im Ammertal zwischen der Tübinger Weststadt und Unterjesingen fallen die Bäume für den Vogelschutz. Andere Tiere könnten Schaden nehmen.

07.12.2017
  • Uschi Hahn

Die Holzstapel sind gewaltig. Neben und teils auch quer über der Ammer liegen dicke und dünne Stämme, die im November von Mitarbeitern der Stadt Tübingen gefällt wurden. Von der Kiliansbrücke unterhalb des Schwärzlocher Hofs gut 400 Meter ammeraufwärts Richtung Unterjesingen steht fast kein Baum mehr. Nach einem Vororttermin zwischen Landratsamt und Stadt sind die Arbeiten erst einmal gestoppt, werden aber wohl wieder aufgenommen.

Die ziemlich brutal wirkende Landschaftspflege im Ammertal dient dem Naturschutz, vor allem dem Vogelschutz. Feldvögel wie Kiebitz, Braunkehlchen, Rebhuhn oder Grauammer brauchen offene Landschaften. Sie brüten in Äckern und Wiesen. Damit ihr Nachwuchs nicht so leicht zur Beute von Nesträubern wie Krähen oder Raubvögeln werden kann, halten sie beim Brüten Abstand von hohem Gebüsch oder gar Bäumen, die von den gefiederten Fressfeinden gerne als Aussichtspunkte für ihre Raubzüge benutzt werden.

Viele Bodenbrüter waren noch in den 90er Jahren im Ammertal weit verbreitet. Seither machten sie sich rar, sind zum Teil ganz verschwunden, wie der Kiebitz. Seit 2012 verfolgt die Stadt Tübingen daher in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt ein Schutzkonzept, das die Landschaftsökologin Sabine Geißler-Strobel für das Vogelschutzgebiet im Ammertal ausgearbeitet hat (siehe Infobox).

Fast jedes Jahr im Spätherbst rücken seither die Männer der Kommunalen Servicebetriebe Tübingen mit ihren Motorsägen an, um die Ammer und den Ammerkanal abschnittsweise vom hohen Uferbewuchs zu befreien. Doch im vergangenen Jahr wurden sie gestoppt. Seit Oktober nämlich ist bekannt, dass ein anderes streng geschütztes Tier den Weg zurück ins Ammertal gefunden hat: der Biber (das TAGBLATT berichtete).

Schon im Winter waren die Spuren des agilen Nagers unübersehbar: abgebissene Zweige, gefällte Bäumchen, zur Hälfte durchgebissene gewaltige Stämme. Es war der ehrenamtliche Biberbeauftragte des Landkreises, Udo Dubnitzki, der damals sein Veto gegen die Baumfällaktion der Stadt eingelegt hatte. Gestoppt wurden sie dann von der Naturschutzabteilung des Landratsamtes, wie die Kreisökologin Nina Bastian dem TAGBLATT im März bestätigt hatte.

Biberexperten wie Dubnitzki – er ist Naturpädagoge und bei den Kreisfischern für die Fließgewässer zuständig – schätzen die Säugetiere mit ihren messerscharfen Zähnen unter anderem deshalb, weil sie das erledigen, was im Naturschutz sonst viel Geld kostet: Sie sorgen für eine abwechslungsreiche Struktur am Grund der Gewässer, in denen sie leben, sie lichten den Uferbewuchs aus. So schaffen sie neue Lebensräume für andere Tiere und Pflanzen.

Auch wenn er nur seine Zähne nutzen kann, hat der Biber in den vergangenen Monaten ziemlich erfolgreich Landschaftspflege auf seine Art betrieben: Zwischen der Tübinger Weststadt und der Unteren Mühle am Unterjesinger Ortsrand hat er sich durchs Gebüsch gebissen, auch größere Bäume hat er mittlerweile gefällt. Seit September habe der Verbiss „massiv zugenommen“, sagt Dubnitzki. Weshalb er davon ausgeht, dass es inzwischen zwei Biber sind, die in der Ammer leben. Er tippt auf „ein Pärchen.“ Mit Nachwuchs wäre dann „im April, Mai“ zu rechnen. „Zu sehen sind die aber frühestens im Spätsommer.“ Die blind und nackt geborenen Jungbiber verbringen die ersten Wochen gut geschützt in der Höhle, die ihre Eltern in die Uferböschung gegraben haben.

Umso erstaunlicher ist, dass jetzt im November wieder großflächig gesägt und damit ins Betätigungsfeld des Bibers eingegriffen wurde. „Die Stadt hat keinen Fehler gemacht“, wehrt die Kreisökologin Nina Bastian Kritik an der jüngsten Abholzungsaktion ab. Und doch stoppte sie nach Einspruch von Udo Dubnitzki die Baumfällarbeiten.

Am vergangenen Montag traf man sich an der Ammer, wollte die Presse aber nicht dabei haben. Erst nach dem Gespräch zwischen Stadt, Kreisökologin und Biberbeauftragtem erteilte das Landratsamt Auskunft. Die liest sich so, als ob die Nachricht vom Biber ganz neu wäre: „Da sich mittlerweile aber auch der Biber im Ammertal eingefunden hat, haben Stadt und Landkreis einen Vor-Ort-Termin vereinbart, um das weitere Vorgehen abzustimmen.“ Man habe sich darauf geeinigt, dass im Bereich der Kiliansbrücke auch die noch stehenden Bäume gefällt werden, so könne „eine zusammenhängende Fläche für Offenlandarten geschaffen werden“. Dort sei es „unschädlich für den Biber, wenn eingegriffen wird“. Die ebenfalls geplante Rodung flussaufwärts Richtung Ammerhof wird indes nicht umgesetzt. Man wolle dort erst einmal beobachten, „wie der Biber sich weiter verhalten wird“.

„Im Detail nachjustieren“ nennt Bastian die jetzt getroffene Vereinbarung. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie im Grundsatz am Schutz der Bodenbrüter festhalten will. Man könne zwar zum Biber nicht einfach sagen: „Geh weg!“, räumt die Kreisökologin ein. „Aber für die Kiebitze ist die Situation noch dramatischer.“

Für den Biberschützer Udo Dubnitzki ist die Absprache zwar ein „recht guter Konsens“. Doch er bleibt wachsam, dass die Biber ihren gerade erst wieder eroberten Lebensraum nicht wieder verlieren. Das hartnäckige Bemühen von Stadt und Landkreis um den seit 2012 nicht mehr im Ammertal gesichteten Kiebitz kommt dem Naturfreund so vor, „wie wenn man den einen vertreibt und den anderen mit aller Gewalt ansiedeln will“.

Ein Konzept fürs Ammertal

Im Zielarten- und Maßnahmenkonzept Unteres Ammertal hat die Landschaftsökologin Sabine Geißler-Strobel im Jahr 2012 im Auftrag der Stadt Tübingen auf 126 Seiten untersucht, wie sich der Lebensraum für Tiere in dem Gebiet verändert hat. Es geht darum, wieder gute Bedingungen für seltene Vogelarten und Amphibien zu schaffen, die früher im Ammertal heimisch waren.

Der Biber kommt in dem Konzept nicht vor. Er war schon im 19. Jahrhundert komplett ausgerottet und breitet sich erst langsam wieder aus.

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07.12.2017, 01:30 Uhr
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