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Am Freitag ist die Alternative Nobelpreisträgerin Felicia Langer gestorben
Felicia Langer Archivbild: Metz
Leidenschaft für Menschenrechte: Felicia Langer ist tot

Am Freitag ist die Alternative Nobelpreisträgerin Felicia Langer gestorben

Es war ihr Leitmotiv: „Bis zum letzten Atemzug“, versprach Felicia Langer vor 50 Jahren in den Trümmern eines zerstörten palästinensischen Dorfs, werde sie für die Rechte der dort Vertriebenen kämpfen.

22.06.2018
  • Ulrike Pfeil

Sie hat Wort gehalten. Noch am 8. Mai, zum Jubiläum der „Gesellschaft Kultur des Friedens“ in Tübingen, sprach sie den israelisch-palästinensischen Konflikt, ein Schlüsselproblem des Weltfriedens, in einer Grußbotschaft an. Wenige Wochen später musste sie, geschwächt von einer Krebserkrankung, ins Krankenhaus. Am Freitag ist Felicia Langer mit 87 Jahren im Eninger Hospiz gestorben, friedlich und im Beisein der nächsten Angehörigen.

Für sie gilt, was man nur von wenigen Menschen ohne falsches Pathos behaupten kann: Sie war eine unbeugsame, eine leidenschaftliche Kämpferin für die Sache, der sie sich verschrieben hatte. Sie war, wie es ein Buchtitel ausdrückt, „die Frau, die niemals schweigt“.

Selbst erfahrenes Unrecht

Eine Quelle ihrer unerschöpflichen Energie war selbst erfahrenes Unrecht, schon als Kind. Die einzige Tochter eines jüdisch-polnischen Rechtsanwalts aus Tarnow musste 1939 nach dem Überfall von Nazi-Deutschland auf Polen mit ihren Eltern in die Sowjetunion emigrieren. Der Vater starb dort an Entkräftung.

In Krakau fand Felicia nach dem Krieg ihre große Liebe. Mieciu Langer, ein polnischer Jude, hatte mehrere Konzentrationslager überlebt und alle Angehörigen im Holocaust verloren. Aber nicht die Kraft, nach vorne zu schauen. Das junge Paar emigrierte 1950 in den jungen Staat Israel. Der Start dort war nicht leicht. Doch schließlich, inzwischen Mutter eines Sohnes, konnte Felicia Langer ihren Traum vom Jura-Studium verwirklichen.

Ihre große Herausforderung als Anwältin kam nach dem Sechstagekrieg von 1967. In den von Israel besetzten Gebieten wurden Palästinenser von Militärgerichten abgeurteilt. Felicia Langer wurde die erste Anwältin, die sie verteidigte. Einen Namen machte sie sich im Fall des Bürgermeisters von Nablus, dessen Freispruch sie erzielte. Sie prangerte aber auch die Haftbedingungen, willkürliche Enteignungen und Vertreibungen von Palästinensern öffentlich an. Sie nahm die UN-Charta der Menschenrechte beim Wort. Um ihre Mandanten kümmerte sie sich mit großer Empathie, sie ging in ihre Häuser, in die Gefängnisse. Vor Gericht trug sie die Verluste, Ängste, Schikanen vor, die ihre Mandanten und deren Familien zu erleiden hatten. Viele dankten es ihr mit lebenslanger Freundschaft.

In Israel jedoch wurde Felicia Langer zunehmend kritisiert, geschmäht und sogar bedroht. Als sie für die Palästinenser in den Gerichten nichts mehr erreichte, schloss sie 1990 ihr Anwaltsbüro in Jerusalem und emigrierte ein drittes Mal, nach Tübingen. Hier lebte ihr Sohn Michael Langer, der als Schauspieler damals beim LTT engagiert war. Später gründete er das Ensemble „Jontef“, das an die jiddische Poesie und die Musik der europäischen Juden anknüpft.

Im Jahr ihrer Ankunft in Deutschland erhielt Felicia Langer internationale Anerkennung und Beachtung durch den Alternativen Nobelpreis für ihre Tätigkeit als Menschenrechtsanwältin. Viele weitere Auszeichnungen folgten, darunter der Bruno-Kreisky-Preis, der Erich-Mühsam-Preis und schließlich, 2012, der Palästinensische Verdienstorden. Sie hatte Lehraufträge an den Universitäten Bremen und Kassel, hielt landauf, landab Vorträge und Reden über die Situation der Palästinenser. Und sie schrieb Bücher, 14 insgesamt. Darunter „Die Zeit der Steine“ über die erste Intifada, den Palästinenser-Aufstand Ende der 1980er Jahre; die Autobiographie „Zorn und Hoffnung“ (1991); die Anklageschrift „Lasst uns wie Menschen leben!“ (1999).

Unerschrockene Kritikerin

Hellsichtig bezweifelte Felicia Langer von Anfang an die Wirksamkeit der Oslo-Abkommen von 1993 und 1995 über einen Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern. Nicht, weil sie sich als Kassandra gefiel, sondern weil sie realistisch bewertete, dass zu viele entscheidende Fragen ausgeklammert worden waren. In einem von israelischen Siedlungen zerstückelten Gebiet wie dem Westjordanland könne niemals ein lebensfähiger Palästinenserstaat entstehen.

Als unerschrockene Kritikerin der israelischen Besatzungs- und Siedlungs-Politik (das Existenzrecht Israels in den Grenzen von 1967 stellte sie niemals infrage), machte sie sich in Deutschland zumal unter jüdischen Repräsentanten nicht nur Freunde. Einen Höhepunkt erreichten die Anfeindungen anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 2009. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer sprang ihr damals öffentlich bei.

Auch ihren Mann Mieciu, mit seiner moralischen Autorität als Holocaust-Überlebender, wusste sie bei allen Anfechtungen immer solidarisch unterstützend an ihrer Seite. „Er war meine Klagemauer“, sagte sie anlässlich ihres Jubiläums von 65 Ehejahren.

Die Familie, treue Freunde und die politische Lebensaufgabe halfen ihr beim Weiterleben nach dem Tod des geliebten Ehepartners vor drei Jahren. Eine ihrer schönsten Ehrungen erfuhr Felicia Langer zu ihrem 85. Geburtstag: Im überfüllten Lustnauer Gemeindehaus gab ihr der syrisch-palästinensische Pianist Aeham Ahmad ein Konzert. Zu Hause hatte er in den Kriegstrümmern musiziert, als Zeichen der Hoffnung.

Die Palästinenser verlieren in Felicia Langer eine große Fürsprecherin. Tübingen verliert eine Bürgerin und Zeitgenossin, die das Bild einer weltoffenen und toleranten Stadt nach draußen trug. Die Trauer um Felicia Langer ist nicht nur bei ihrer Familie, den fünf Enkeln und drei Urenkeln groß, sondern auch bei den vielen, die sie zu persönlicher Solidarität mit den Benachteiligten im Nahost-Konflikt bewogen hat, wie dem Verein „Flüchtlingskinder im Libanon“.

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22.06.2018, 22:00 Uhr
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