Corona

Alltag ohne Sport und Freunde

Wie gut kommen Kinder und Jugendliche mit dem erneuten Lockdown zurecht? Das hängt sehr vom Alter und Umfeld ab.

09.01.2021

Von DPA

Kontakt zu Mitschülern ist vor allem für Jugendliche wichtig. Foto: Andreas Arnold/dpa

Berlin. Ein Tag ohne Schule oder Kita. Ohne Treffen mit dem Freundeskreis. Ohne Sport und andere Freizeitaktivitäten. Ein solcher Tag kann ganz schön lang werden. Für die meisten Kinder und Jugendlichen in Deutschland ist das derzeit Alltag. Wie schwierig die Situation für sie ist, lässt sich nicht allgemein beantworten. Es hängt von verschiedenen Faktoren ab: von der Persönlichkeit des einzelnen, vom Alter und vom Umfeld, dem familiären vor allem.

Psychologie-Professorin Silvia Schneider von der Ruhr-Universität Bochum hat mit einer Forschungsgruppe untersucht, wie sich der erste Lockdown im Frühjahr auf Kinder im Vorschulalter ausgewirkt hat. Ihr Ergebnis: Ein Drittel davon zeigte sich verhaltensauffällig, war etwa gereizter oder schlief schlechter als sonst. „Ein großer Teil hat das aber mit seinen Familien gut hinbekommen“, sagt die Psychologin.

Problematisch ist die Situation besonders für die Kinder, die ohnehin zu Hause wenig Unterstützung erfahren. Und dabei geht es nicht nur um den Unterricht am Küchentisch, sondern ums Kümmern allgemein: etwa mit dem Kind über die Situation zu reden, darauf zu achten, dass es sich gesund ernährt und ausreichend bewegt.

„Wir haben Fälle, in denen Kinder seit Beginn der Pandemie 30 Kilo zugenommen haben“, berichtet Kinderarzt Jakob Maske, Sprecher des Berliner Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Es gebe zudem mehr Kinder mit Angststörungen, so sein Eindruck. Maske wünscht sich, dass stärker zwischen den Maßnahmen zur Infektionsbekämpfung und deren Auswirkungen auf Kinder abgewogen werde – auch wenn man deren Folgen statistisch noch nicht belegen könne.

Besonders schwer ist die Situation wohl für Jugendliche. Ein Treffen in Gruppen ist derzeit nicht möglich. Der Umgang mit verschiedenen Freunden spiele in dieser Findungsphase aber eine große Rolle, erklärt Psychologin Schneider. „In diesem Alter ist es eine wichtige Entwicklungsaufgabe, sich aus seinem gewohnten familiären Umfeld zu lösen.“

Der Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort ruft dazu auf, jungen Menschen gegenüber besonders nachsichtig zu sein, wenn sie sich einmal nicht an bestimmte Corona-Regeln halten. Die Gruppe habe für sie einen herausragenden Stellenwert, sei „Vehikel für Autonomie und Selbstfindung“, so Schulte-Markwort.

Wie sehr (Grundschul-)Kindern indes der Präsenzunterricht fehle, sei sehr von ihrer jeweiligen Persönlichkeit abhängig, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater. Für manche Kinder bedeutet das Lernen in großen Klassen Stress: „Schule ist für sie nicht in erster Linie als Lernort anstrengend, sondern auch als sozialer Ort.“ Für diese Schüler sei das Homeschooling entspannter.

Spezifische Modelle hätte sich Bildungsexpertin Myrle Dziak-Mahler auch für die Bildungseinrichtungen gewünscht: „Die Schulen brauchen mehr Spielraum, in dem sie für die eigene Situation entscheiden können.“ Zudem sei Schule „ein sozialer Ort, ein Lebensort“. Für viele Kinder sei es deshalb ein großer Verlust, nicht hingehen zu können. Psychologin Schneider ergänzt: „Es ist für Kinder wichtig, zu erkennen, dass die Situation für alle herausfordernd ist – und dass wir das gemeinsam schaffen können.“ Wenn das gelinge, könne es eine gute Lernerfahrung sein: Ich kann eine schwierige Situation gestalten und meistern. dpa

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Erstellt:
9. Januar 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Januar 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Januar 2021, 06:00 Uhr

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