Tübingen · Gastbeitrag

Alles geht auf einmal auch ganz anders

Mir ist wichtig, mich auf das Wesentliche auszurichten. Und auf das, was jetzt gerade im Entstehen ist. Die Welt ändert sich. Und die momentane Krise enthält riesengroße Chancen.

11.04.2020

Von Michael Seibt

Pfarrer Michael Seibt. Archivbild: Anne Faden

1. Die Solidarität bekommt eine Chance

Überall versuchen die Menschen, solidarisch zu handeln. Ansteckung so gut es geht, zu verhindern. Alten und Schwachen beizustehen und Erledigungen zu übernehmen. Respekt zu zeigen vor Menschen, die – wie man jetzt immer wieder sagt – den Laden am Laufen halten. Hassbotschaften im Internet wirken mega unwichtig. Und in geschlossenen Fußballstadien können keine Transparente mehr hoch gehalten werden, die andere beleidigen. Kinos verkaufen jetzt Eintrittskarten für die Zeit danach. Und die Kinogänger kaufen. Und: Unser Staat funktioniert – und zwar sehr, sehr solidarisch. Und wahnsinnig schnell. Es gibt Zuschusszahlungen an Selbstständige und Unternehmen, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Auf diesen Staat darf man stolz sein. Was uns die Rechten über den angeblich bankrotten Staat und die dekadente Demokratie erzählen – es ist mega out. Ich bin richtig glücklich darüber.

2. Die Digitalisierung bekommt eine Chance

Endlich geht online viel mehr als bisher. Alles drängt ins Netz. Weil wir dort das finden, was uns gerade so fehlt. Begegnung, Rat, Unterstützung, Fachwissen, Kontakt. Natürlich ist das kein Ersatz für die analoge Begegnung. Aber es ist mehr als ein Trostpflaster. Wir sind vernetzt. Wir gehören zusammen. Und wie immer kann man die besten Werkzeuge auch missbrauchen. Auch das Internet. Aber das ist kein Argument dagegen. Vielleicht wird das Netz ja bald schneller und leistungsfähiger.

3. Das Klima bekommt eine Chance

Auch das kann man spüren, hören und sehen. Die Natur atmet auf. Die Luft wird sauberer. Flugzeuge sind am Boden. Kreuzfahrtschiffe im Hafen. Delfine zeigen sich in Venedig. Der Verkehr fließt ruhig und staubefreit dahin. Wir wissen jetzt, wie wir die Klimaziele erreichen können. Weniger ist manchmal deutlich mehr.

4. Unsere Wachheit, unser Bewusstsein bekommt eine Chance

Auch in uns selbst geschieht etwas. Die Sorgen sind da, keine Frage. Aber zugleich auch eine Ahnung dafür, dass diese Krise sehr wahrscheinlich unser Bewusstsein schärfen wird. Der Blick fürs Wesentliche und Wichtige wird genauer. Wir können weglassen, was stört und ablenkt. Wir erfahren deutlicher, wer wir sind. Verletzliche Wesen, die das Leben ins Dasein ruft und wieder verschwinden lässt. Wir erkennen die hausgemachten Dramen. Die Angst vor Veränderungen. Neuverschuldung? Auch das geht auf einmal.

In atemberaubender Geschwindigkeit geht alles auf einmal auch ganz anders.

Das lässt hoffen.

Es sei denn, wir wollten danach gerne wieder zurück zum davor und wie immer und wie gewohnt. Dann wird die nächsten Krise kommen und uns noch deutlicher daran erinnern, dass nichts mehr so sein wird, wie es einmal war.

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Erstellt:
11. April 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
11. April 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. April 2020, 01:00 Uhr

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