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Flüchtlinge

Turnschuhe sind zu gefährlich

Die Gruppe „Fluchtpunkte“ sammelt stabile Schuhe für Migranten in Italien, die die Alpen nach Frankreich überqueren wollen.

13.10.2018
  • Sabine Lohr

Claviere ist ein kleiner Skiort in den italienisch-französischen Alpen. Er liegt auf 1760 Metern Höhe, in einem kleinen italienischen Zipfel, der umgeben ist von Frankreich. Dort, in einem Nebengebäude der Kirche, hat der italienische Staat bis März 2018 Flüchtlinge untergebracht, damit sie ein Dach über dem Kopf haben. Aber eben nur bis zum Frühling. Dann sollten die Flüchtlinge selber schauen, wie sie klar kommen – wie in Italien üblich.

Hilfsorganisationen besetzten das Gebäude und nehmen wieder Flüchtlinge auf. Denn es kommen viele nach Claviere. Sie wollen nach Frankreich, wo die Bedingungen für Flüchtlinge besser sind. Erstes Ziel ist das etwa 15 Kilometer entfernte Briançon. Dort, sagt die Tübingerin Jackie Andres, die die Flüchtlinge in Claviere besucht hat, sei der Bürgermeister sehr solidarisch. Er stelle Unterkunft und Verpflegung für die Neuankömmlinge.

In Italien, so Andres, würden Flüchtlinge schlecht behandelt. Eigentlich stünden jedem von ihnen 35 Euro am Tag zu, die der Staat zahlt. Dieses Geld komme aber nicht bei den Flüchtlingen an. „Zwei Euro von diesem Betrag sind Taschengeld, aber die werden oft in Form von Zigaretten zum Tausch ausgegeben“, sagt Andres. Die offenbar gewünschte Konsequenz: Die Flüchtlinge ziehen weiter, weg von Italien. Zum Beispiel nach Claviere. Von dort gehen sie über die Berge nach Briançon. Für die 15 Kilometer brauchen sie wegen des hochalpinen Geländes oft mehr als acht Stunden. Und immer wieder, so Andres, komme es zu schlimmen Unfällen. Denn eine kleine Gruppe von Identitären habe Posten aufgestellt und verpfeife Flüchtlinge an die Polizei. „Im Sommer ist eine Frau, die mit einer Gruppe Männern unterwegs war, vor der Polizei davongelaufen, dabei in einen Fluss gestürzt und ertrunken.“ Andere erfrieren oder verlaufen sich. „Sie sind ja nachts unterwegs, um nicht entdeckt zu werden.“

Eins der größten Probleme ist das Schuhwerk der Flüchtlinge. Turnschuhe sind kaum geeignet, um ein Gebirge zu durchqueren. Andres hat es selbst probiert: „Sobald der Weg geröllig wird, wird es gefährlich.“ Aber vernünftige Bergstiefel können sich die Menschen nicht leisten.

Die 30-jährige Andres engagiert sich auch hier für Flüchtlinge und ist gut vernetzt. Unter anderem mit der Organisation Fluchtpunkte, die abgelehnten Asylbewerbern die erste Rechtsberatung finanziert. Zusammen mit Martin Fink von Fluchtpunkte entstand nun die Idee, Bergstiefel für die Flüchtlinge in Claviere zu sammeln.

Doch am Donnerstag kam die Polizei nach Claviere und räumte die besetzte Unterkunft. Sehr vieles sei jetzt zerstört dort, sagt Fink. Aber die Helfer und die Flüchtlinge weichen aus, es entstehen neue Hotspots, von denen aus sich die Menschen auf in Berge machen – in ungeeigneten Schuhen.

Darum stehen vom kommenden Montag, 15. Oktober, an in Tübingen an vier Stellen Kisten, in die taugliche Bergstiefel oder Wanderschuhe gelegt werden können (siehe unten). Fluchtpunkte schickt sie dann an die Hotspots.

Ist das nicht Beihilfe zum illegalen Grenzübertritt? „Nein“, sagen Fink und Andres. Es sei ja schließlich nicht strafbar, jemandem Schuhe zu schenken. „Ich sehe es als menschliche Geste“, so Andres. Und: „Wenn wir Menschen helfen können, in den Alpen zu überleben, lassen wir uns diese Menschlichkeit nicht wegkriminalisieren.“

Dort können Bergschuhe abgegeben werden

Die Kartons, in die Bergstiefel und Wanderschuhe gelegt werden können, stehen von Montag, 15, bis Freitag, 19. Oktober in der Begegnungsstätte Hirsch, Hirschgasse 9, im ersten Stock und im Gemeindehaus Lamm am Marktplatz, ebenfalls im ersten Stock.

Von Montag, 15. Oktober, bis Ende Oktober stehen außerdem Kartons bereit in den beiden Wohnprojekten Ludwigstraße 15 und Schellingstraße 6, jeweils im Eingangsbereich. Es werden alle Größen benötigt – auch Kinderschuhe.

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13.10.2018, 01:00 Uhr
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