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Es fehlt an hellen Wäldern

Tagfalter sind kurz vorm Verschwinden

Weil es kaum noch helle Wälder gibt, sind Insektenarten, die im Wald auf Sonne angewiesen sind, akut gefährdet. Die Forsthochschule Rottenburg erforscht, wie sich sinnvoll Licht ins Dunkel bringen lässt.

02.11.2018
  • Hete Henning

Der Blauschwarze Eisvogel ist kein Vogel, sondern ein Schmetterling. In Deutschland ist der Tagfalter akut vom Aussterben bedroht, denn das, was seine Raupen zum Überleben brauchen, gibt es kaum noch: Rote Heckenkirschen, ein Geißblattgewächs, die in der Sonne stehen. Die Heckenkirsche ist zwar im Wald keine Seltenheit, aber dort ist weitgehend das Licht ausgegangen.

Der Grund: Kahlschläge, bei denen alle Bäume gleichzeitig gefällt werden, sind in der Bundesrepublik seit den 1980er-Jahren verboten. Und die Sturmwurfflächen, die die Orkantiefs „Wiebke“ und „Lothar“ 1990 und 1999 in die Wälder Deutschlands und speziell Baden-Württembergs rissen, sind inzwischen wieder ziemlich zugewachsen.

Was für den Blauschwarzen Eisvogel gilt, gilt auch für den Schwarzen Apollofalter, das Bergkronwidderchen und den Silberfleck-Perlmuttfalter. Sie alle sind sogenannte Lichtwaldarten, die auf sonnige Lichtungen und offene Waldrandzonen angewiesen und deutschlandweit gefährdet sind.

Die Rottenburger Hochschule für Forstwirtschaft (HFR) arbeitet nun an Mitteln und Wegen, mit denen sich der Schutz solcher Lichtwaldarten mit den heutigen Zielen der Waldbewirtschaftung unter einen Hut bringen lassen. Letztere bauen aus ökologischen Gründen auf Mischwälder mit unterschiedlichen Altersstrukturen und steigendem Totholzanteil. Das ist gut für den Wasserhaushalt, den Boden und verschiedene Tierarten, aber es verdüstert den Wald. Darunter leiden auch bestimmte Vogelarten, Reptilien und Säugetiere.

Etwas Mittelwald wäre schön

Leiter des Projekts, das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) mit 211000 Euro gefördert wird, ist Prof. Thomas Gottschalk. Im Rottenburger Stadtwald, sagt er, gebe es helle Strukturen, wie sie der Blauschwarze Eisvogel und Co. lieben, „so gut wie gar nicht mehr“.

Ende des 19. Jahrhunderts waren sie dagegen Gang und Gäbe. Damals wurde der Rammert noch als Mittelwald bewirtschaftet: Zwischen einzelnen großen Bäumen wuchsen „Unterhölzer“, die alle 20 bis 30 Jahre zur Brennholzgewinnung auf den Stock gesetzt, also kurz überm Boden abgesägt wurden, um dann wieder auszutreiben.

„Es wäre schön, so etwas mal wieder anzulegen“, findet Gottschalk – nicht nur im Sinne lichtliebender Insekten, sondern auch des Menschen. „Im Moment müssen wir als Spaziergänger durch dunkle Wälder laufen“, sagt der Professor für Naturraum- und Regionalentwicklung. „Das mag ja eigentlich keiner so richtig.“

Die HFR arbeitet bei dem Lichtwald-Projekt mit der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg zusammen, die eine Lichtwaldkonzeption plant, in welche die Ergebnisse aus Rottenburg einfließen sollen. Außerdem sind die staatliche Forstverwaltung und verschiedene Kommunen und Privatwaldbesitzer im Alb-Donau-Kreis daran beteiligt. Wichtig sei zudem die Modellhaftigkeit des Projekts, sagte DBU-Generalsekretär Alexander Bonde, als er in Rottenburg den Bewilligungsbescheid überbrachte: Eingriffe wie das Auflichten von Waldrändern, das Aufweiten von Wegen und das Offenhalten von Sturmwurf- und Kahlflächen sollen in ein forstwirtschaftliches Gesamtkonzept zusammengeführt werden, das auch auf andere Regionen übertragbar ist. Ziel ist laut DBU „ein Mosaik lichter Waldstrukturen“.

Die gefährdeten Tagfalter, deren Gedeihen bei dem Projekt besonders unter die Lupe genommen werden soll, hat Prof. Gottschalk nicht im Raum Rottenburg fotografiert, sondern im Alb-Donau-Kreis, wo es sie noch gibt. Das Bild des Blauschwarzen Eisvogels (oben links) etwa entstand in Merklingen. Bis vor einiger Zeit habe es diese Art noch am Mössinger Bergrutsch gegeben, so Gottschalk, doch der sei jetzt zunehmend zugewachsen und der Falter weg. Der Silberfleck-Perlmutterfalter (rechts) kommt im Wald bei Wendelsheim zwar noch vor, aber die Population ist derart geschrumpft, dass Gottschalk jedes Jahr mit ihrem kompletten Verschwinden rechnet.

Kleinstkahlschläge auch ein Weg

Mit Rottenburg hat Gottschalks Lichtwald-Projekt bislang wenig zu tun. Das kann sich allerdings ändern, denn die Forsthochschule hat ihren eigenen Lehrwald, und der Rottenburger Stadtwald ist mit 3250 Hektar sehr groß. .„Wir sind ein bisschen am Ideen schmieden an der HFR“, sagt der Tierökologe. Eine Möglichkeit, wieder Sonne an den Waldboden zu bekommen, sei zum Beispiel ein kleines Rotationssystem von Kleinstkahlschlägen mit maximal einem Hektar Fläche, die sich wieder natürlich verjüngen oder aufgeforstet werden. Mit der Stadtverwaltung hätten er und sein Team in diesem Zusammenhang aber noch nicht gesprochen.

Licht im Forst ist nicht nur für Tiere und Pflanzen gut, sondern auch für die Menschen, findet Prof. Gottschalk. „Die Leute freuen sich, wenn sie im Wald auch mal wieder was sehen.“ Dafür gelte es aber, aktiv zu werden. Denn wie die Insektenkundler auf einen großen Sturm zu hoffen, der den einen oder anderen Baum hinwegfegt, sei ein Ansatz mit ungewissem Ausgang. Und auf die Bannwälder zu setzen, sei sehr langwierig. Bis die mal löchrig würden, weil die ersten toten Baumriesen umfallen, „haben wir noch eine Durststrecke vor uns“.

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02.11.2018, 01:00 Uhr
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