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Ernst Heimes kümmert sich im Haus am Nepomuk um Jugendliche, die es schwer haben im Leben
Den Tisch deckt Ernst Heimes (hinten) immer mit ein, zwei Tellern mehr. Damit will er zeigen, dass jeder zusätzliche Gast willkommen ist. Bild: Bernhard
Eine wohlwollende Umgebung: Vertrauen ist Teil des Konzepts

Ernst Heimes kümmert sich im Haus am Nepomuk um Jugendliche, die es schwer haben im Leben

Die Jungs scheinen nicht so recht in das Wohnzimmer mit den Möbeln im Biedermeierstil zu passen. Undercut, blondierte Haare, offener Blick. Doch ihr Benehmen ist tadellos. Sie klopfen an der geschlossenen Tür, treten erst ein, als sie dazu aufgefordert werden, geben artig die Hand und stellen sich der Reporterin vor.

04.01.2018
  • Dunja Bernhard

Ein Anachronismus scheint vielmehr der „alte Herr“ zu sein, wie Ernst Heimes sich selbst gern nennt. Der 72-jährige Sozialpädagoge im Ruhestand und Dozent an der Dualen Hochschule Stuttgart könnte seinen Wohlstand genießen, das Kulturleben Rottenburgs ein wenig aufmischen und seine ausgedehnten Kontakte zu Gleichaltrigen pflegen.

Sein Alltag sieht jedoch ganz anders aus. Das pittoreske Haus am Nepomuk gleicht zumindest am Nachmittag einem Taubenschlag. Ständig schellt die Glocke. Heimes lässt sich davon jedoch nicht aufschrecken. Irgendwer wird schon da sein, der aufmacht.

Samuel und Eric schauen vorbei, „weil es hier drin so schön warm ist“. Den Hefezopf, der auf dem Kirschbaum-Tisch aufgeschnitten steht, lehnen sie zunächst ab. Dann greift Eric doch zu. Heimes deckt immer ein, zwei Teller mehr, als er Gäste erwartet. „Ich möchte damit signalisieren, dass jeder Zusätzliche willkommen ist.“

Essen und jemand, der zuhört

Als es wieder klingelt, steht Samuel auf. Es könnten Freunde von ihm sein, sagt er. Wenig später hat er drei von ihnen im Schlepptau. Sie quetschen sich mit auf das edle Sofa und belegen Heimes’ Stuhl. Der Hausherr nimmt auf dem einzig noch freien Sitz in der Ecke Platz. Manchmal brächten Kinder ihre Freunde mit, weil sie ihnen den Mann mit der schlohweißen Haarmähne mal zeigen wollen, erzählt das Rottenburger Unikum.

Einige der jungen Besucher finden im Nepomukhaus, was ihnen zuhause fehlt: Essen, so viel sie wollen, jemanden, der zuhört, und Vertrauen. Als Heimes einen Jungen zwei Tage hintereinander fragte, wie es in der Schule gewesen sei, sagte dieser: „Das haben Sie mich gestern schon gefragt.“ Der Jugendliche musste erst lernen, dass es ihn wirklich interessierte, erzählt Heimes. Von zuhause kannte er diese Zuwendung nicht. Und er musste lernen, darauf zu antworten.

Im Nepomukhaus kommen Jugendliche zusammen, die sonst wenig miteinander zu tun haben. Da trifft der Abiturient auf den Sonderschüler, der Jugendliche, der Sozialstunden ableistet, auf den, der für die Schule lernt, und der Flüchtling auf eine Rassistin. Ausweitung des sozialen Netzwerks, sagt Heimes. „Wer weiß, wann einer dem anderen mal helfen kann.“ In der Küche kochen die Besucher gemeinsam Tee. Ein Schild mahnt: „Wer etwas kaputt macht, muss es ersetzen.“ Bei anderen stehe über der Tür „Tritt ein, bring Glück herein“, sagt Heimes und bleibt die verbindende Erklärung schuldig.

Kleine Jobs inklusive

Dem 17-jährigen Dennis bietet Heimes die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Der Rumäne möchte den Führerschein machen. Eben hat der Schüler alles für die Abendveranstaltung vor dem Nepomukhaus vorbereitet. Heimes zahlt ihm zehn Euro die Stunde. Ob er das Geld gleich mitnimmt oder spart, bleibt ihm überlassen. Die Stundenanzahl schreibt der Jugendliche selbst auf. Heimes vertraut ihm. Wie allen anderen auch. Das ist Teil seines pädagogischen Konzepts. Die Kinder und Jugendlichen sollen bei ihm im Überfluss bekommen, was sie in ihrem bisherigen Leben missen mussten.

Nach der Milieutherapie des Psychoanalytikers Bruno Bettelheim soll die wohlwollende Umgebung es den Kindern erleichtern, eine persönliche, belastbare Beziehung aufzubauen – in diesem Fall zunächst einmal zu Ernst Heimes. Dabei achtet der Sozialpädagoge auf eine gewisse Distanz. Er setze sich seinem Gesprächspartner immer gegenüber, sagt er. Und übernachtet habe noch kein Hilfesuchender in seinem Haus. Notfalls kümmere er sich um eine Inobhutnahme durch eine erfahrende Familie.

Heimes’ Vertrauen geht so weit, dass einige Jugendliche einen eigenen Schlüssel zum Haus haben. Tagsüber kommen und gehen sie, wann sie wollen. Einige kommen täglich. Für manche sei es eine Auszeit von ihrem Alltag. „Wie Urlaub für unsereinen.“

Einige Jugendliche begleitet Heimes über viele Monate und Jahre. Mit ihnen legt er „Lebensordner“ an. Da kommt alles hinein, was mal wichtig werden könnte. Zeugnisse, Bescheinigungen, Zeitungsausschnitte, Fotos, Postkarten, Erinnerungen. „Das ist eine Möglichkeit, einem Geschichtslosen eine Geschichte zu geben.“ Ein junger Mann, der gerade geheiratet hat, holte seinen Lebensordner ab mit den Worten: „Den kann jetzt meine Frau durchblättern, dann muss ich nicht so viel erzählen.“

Bildung durch jede Beziehung

Ein junger Mann aus Gambia hat sich mit an den Tisch gesetzt. Er spricht besser Englisch als Deutsch. Drei Monate habe er bei einer Rottenburger Firma gearbeitet, erzählt er. Die Arbeit mache ihm Spaß. Aber die Firma zahle das zugesagte Gehalt nicht. Deshalb wolle er nicht mehr hingehen. „Da macht es mehr Sinn, wenn ich wieder die Schule besuche.“ Geld zum Leben braucht er trotzdem. Darüber wird er wohl mit Ernst Heimes reden.

Geld verdienen, das ist auch bei den Jüngeren ein Thema. Wie hoch der Stundenlohn bei der Zeitung ist, wollen sie wissen. Dass es auch eine Entlohnung nach Zeilenanzahl gibt, ist ihnen neu. Dann lernen sie noch das Wort Journalistin. In ihrem Alltag kommt es nicht so häufig vor. „Jede Beziehung, jeder Austausch bewirkt Bildung in einem weiter gefassten Sinn“, sagt Heimes.

Und: „Ein Kind hat ein Recht auf den heutigen Tag.“ Auf ein Leben im Hier und Jetzt. Die Vergangenheit könne zurückgelassen werden. Die Zukunft vieler Kinder, die zu ihm kommen, sei sehr ungewiss. Im Nepomukhaus können sie einfach sein. Dort finden sie jemanden, der an sie glaubt.

Geld als Mittel zur Kontakterhaltung

Nicht nur Zuwendung gibt Ernst Heimes den Jugendlichen. Etliche kommen auch, weil sie Geld brauchen. Dass er nicht knickrig ist, hat sich herumgesprochen. „Es gibt Menschen, die sagen, ich lasse mich ausnutzen“, berichtet Heimes. Er sieht das anders. Geld sei eine Möglichkeit, Kontakt zu halten. Heimes entwickelt dabei Rituale. Mit der regelmäßigen finanziellen Zuwendung für einen jungen Mann, den er über Jahre in Gefängnis besuchte, verbindet er ein gemeinsames Essen. Eine Möglichkeit sich auszutauschen und Einblick in das Leben des anderen zu bekommen. Für Kinder, die als feste Größe in ihrem Leben nur ihre Clique haben, sei es „grausam“, wenn sie von Dingen ausgeschlossen werden, weil das Geld zur Teilhabe fehlt, sagt Heimes.

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04.01.2018, 01:00 Uhr
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