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Unternehmen

Der Zeit voraus

Statt auf zentrale Großkraftwerke zu setzen, geht die Tübinger Firma Avat Automation mit einer Vielzahl an dezentralen Energieerzeugern einen umweltfreundlichen Weg und ist ein weltweit gefragter Engineering-Partner. Vom TÜV Rheinland 2017 als „ausgezeichneter Arbeitgeber“ prämiert, spricht Geschäftsführer Frank Ganssloser zum 25-jährigen Bestehen über seinen Antrieb, seine Nachfolge sowie die Mitarbeiter.

05.10.2018
  • TEXT: Moritz Hagemann|FOTOS: Anne Faden, Unternehmen

Jeden Tag fährt Frank Ganssloser mit dem Fahrrad zur Arbeit. Er sagt Sätze wie: „Mir ist wichtig, dass die Mitarbeiter vieles gestalten können.“ Oder: „Ich bin niemand, der alles von oben herab entscheidet.“ Viel mehr ist der 55-Jährige jemand, der aus seiner Idee und seiner Bodenständigkeit eine Firma in der Derendinger Straße in Tübingen gemacht hat, die sich sehen lassen kann. Erst im September gewann Avat den Großen Preis des Mittelstandes 2018, einen der renommiertesten deutschen Wirtschaftspreise.

Avat – ein Name, den der Geschäftsführer aus zwei Gründen wählt. Zum einen, „weil wir dann in alphabetischer Reihenfolge immer weit vorne kommen“. Und zum anderen, weil er international einsetzbar sei. Das zeigt, wie Ganssloser von Beginn an denkt. Der Beginn, das ist das Jahr 1988 mit einem Ein-Mann-Ingenieurbüro. Die Energiewende treibt Ganssloser um. „Wir haben nur eine Welt, da bleibt uns keine Wahl“, sagt er – und klingt wie ein Umweltschützer.

Sein Know-how holt er sich schon, als er Schüler ist und sein Physiklehrer Friedrich Weng heißt, später Geschäftsführer der Tübinger Stadtwerke. Weng hat ein privates Elektrizitätswerk, das zur Spielwiese wird. Das Thema: Effizienzsteigerung und Schadstoff-Minimierung. Für die Stadtwerke automatisiert Ganssloser 1991 die Heizzentrale am Tübinger Herrlesberg. Im selben Jahr revolutioniert er das Steuern von Gasmotoren, in dem er das erste digitale und integrierte Automationssystem bei einem der führenden Hersteller in Mannheim einsetzt.

1993 gründet er Avat, und zieht mit dem Unternehmen auf ein Gelände, „auf dem wir wachsen können“, sagt Ganssloser noch heute. Mit dem ersten Fernzugriff per Modem auf einen Gasmotor sorgt er direkt für Schlagzeilen. Heute hängen im Besprechungszimmer große Karten von Europa, Asien und der Welt – Stecknadeln zeigen, welche Geräte Avat bedienen kann. Schnell will Ganssloser jedoch nicht nur Systeme entwickeln, sondern selbst produzieren. Allerdings braucht es Zeit, bis die neue Technik auf dem Markt ankommt. „Vor 25 Jahren waren die klassischen Maschinenbauer noch nicht so weit“, sagt er. Und noch etwas macht er anders als mögliche Konkurrenten: „Wir haben auch in Wirtschaftskrisen Mitarbeiter geholt“, erzählt Ganssloser. „Denn da bekommt man sie am besten.“

Nun ist Avat ein weltweit gefragter Partner. Zu den Kunden zählen etwa Hyundai, Mitsubishi, Rolls Royce oder Caterpillar; aber auch das Land Baden-Württemberg, für das Avat wegen der hybriden Heizanlage der Polizeihochschule in Biberach engagiert wird. Seit 2015 gibt es eine Niederlassung in Busan (Südkorea), wo die Mitarbeiter im 14. Stock mit Blick auf den Hafen arbeiten. Alle zwei Jahre reist der Chef mal rüber, ansonsten hat er einen deutschen Verantwortlichen vor Ort. Im Gespräch mit dem TAGBLATT sagt Ganssloser, dass China ein interessanter Markt für die Zukunft sei. Es gebe durchaus Gedankenspiele, sich auch dort in ferner Zukunft anzusiedeln.

Das Unternehmen hat viele Systeme auf den Markt gebracht und Innovationen geschaffen. „Wir nutzen die Chancen, die der Markt bietet und unseren Vorsprung, weil wir früh auf die Energiewende gesetzt haben“, sagt der 55-Jährige. 2012 informiert sich etwa Landesumweltminister Franz Untersteller vor Ort im Unternehmen über „virtuelle Kraftwerke“ – also mehrere Anlagen, die über das Internet verbunden sind und zentral gesteuert werden. Strombedarf und -produktion können so individuell abgestimmt werden.

Für die kommenden 30 Jahre erwartet Ganssloser alle sechs, sieben Jahre eine Verdopplung des Unternehmens. Heißt: Sowohl die Mitarbeiter-, als auch die Umsatzzahlen (über die er nicht spricht) wachsen auf ähnlichem Niveau. Über 100 Angestellte hat Avat aktuell, „viele, die vor 20 Jahren als Studenten gekommen sind, sind geblieben“. Frauen im Ingenieurberuf sind selten, ihnen räumt Ganssloser „überproportional gute Chancen“ in seinem Unternehmen ein. Seine Angestellten bittet der gebürtige Böblinger jedes halbe Jahr zum Gespräch, verankert individuelle Ziele in ihren Arbeitsverträgen, für die sie Prämien ausbezahlt bekommen. Auch lässt Ganssloser jede Woche einmal eine Fitnesstrainerin ins Unternehmen kommen. „Gesundheitsmanagement ist mir wichtig.“

Geschätzt 25 Prozent seiner Zeit verbringe er außerhalb des Firmengeländes. „Unterwegs sein, heißt, die Kunden in ihrer Welt abzuholen“, sagt Ganssloser. Er setzt auf Workshops, um gemeinsam zu klären, wie die Trends sind und wohin sich der Markt entwickeln wird. Es gehe gar nicht darum, möglichst billig zu sein, sagt er. Sondern: attraktiv, mit Alleinungsmerkmalen. „Wir haben regelmäßig Aufgaben angepackt, die eigentlich ein, zwei Nummern zu groß waren“, sagt er. Rückblickend sei das ein entscheidender Faktor.

Mit seinen 55 Jahren hat der Geschäftsführer zwar noch einige Jahre im Unternehmen vor sich. Um seine Nachfolge hat er sich jedoch bereits Gedanken gemacht. Der dreifache Familienvater hat einen 23-jährigen Sohn, der gerade seinen Master in der Elektro- und Informationstechnik macht. „Das ist meine Wunschmöglichkeit“, sagt er. Entschieden sei das aber noch lange nicht, zumal gar nicht sicher sei, ob der Filius überhaupt in das Unternehmen einsteige. Es gebe auch Mitarbeiter, denen er den Chefposten zutrauen würde. Nur eines ist sicher: „Bis 70 oder 80 zu bleiben, das habe ich nicht vor. Da müssen vorher frische Ideen rein.“ Wie vor 25 Jahren, als aus Ideen in der Derendinger Straße ein globaler Player zu wachsen begann.

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05.10.2018, 08:00 Uhr
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