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Derendingen

Melanie Bölzle: In der Hall of Fame der Amateure

Als DFB-Vizepräsident sprach Rainer Koch am Montag in Derendingen bei der Ehrung für Melanie Bölzle – seit Dienstag ist er interimsweise Präsident des Verbandes.

03.04.2019

Von David Scheu

Applaus, Applaus: Mitspielerin Cosima Schneider (links) übergibt Melanie Bölzle den Pokal, DFB-Vizepräsident Rainer Koch klatscht. Bild: Ulmer

Etwas verspätet kam er an, wie es sich für einen wichtigen Gast fast schon gehört. Um 20.20 Uhr fuhr DFB-Vizepräsident Rainer Koch (60) am Montagabend am Derendinger Sportheim vor – und traf auf dem Parkplatz mit Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Knut Kircher gleich mal auf ein bekanntes Gesicht. „Ah, das ist dein Heimatbezirk hier?“ Kircher nickte. Anschließend ließ sich Koch das Gelände des TVD und die Steinlach zeigen, dann ging’s los mit der Ehrung von Melanie Bölzle (39) als deutsche Amateurfußballerin des Jahres.

Nach dem offiziellen Programm lief Koch im Freien mit dem Handy am Ohr über das Derendinger Sportgelände – vielleicht erfuhr er da schon vom Rücktritt von DFB-Präsident Reinhard Grindel, der am Dienstag öffentlich wurde. Seitdem leitet Koch zusammen mit Reinhard Rauball den DFB interimsmäßig als Präsident. In all dem Trubel sprach er in Derendingen auch kurz mit dem TAGBLATT. Über Jugendspiele ohne Torwart, den schwäbischen Dialekt – und warum er den Montag lieber in Tübingen als in Dortmund verbrachte.

Amateur- und Profisport: Zeitgleich fand am Montagabend in Dortmund die Eröffnung der Hall of Fame der größten deutschen Kicker statt. Uwe Seeler, Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus und andere wurden da ausgezeichnet. Koch fehlte und übernahm stattdessen den Termin in Derendingen. Und das gerne: „Die Hall of Fame des deutschen Fußballs ist heute Abend in Derendingen und nicht in Dortmund“, sagte Koch und erntete lauten Applaus. Er fühlt sich wohl an der Basis, war den Amateuren auch in der Vergangenheit oft näher als den Profis. Auch deshalb spricht sich Koch gegen zu viele Bundesligaspiele am Sonntag aus, die dann mit den lokalen Sportplätzen um die Gunst der Zuschauer konkurrieren. „Der Sonntag sollte im Wesentlichen ein Spieltag der Amateure sein“, sagte Koch und ergänzte: „Es gibt nicht nur die Fans, die in der Bundesliga in der Kurve stehen, sondern auch viele Anhänger von Kreisligisten.“ Gar keine Bundesliga am Sonntag sei aber auch schwierig: „Man muss maßvoll damit umgehen.“

Seit Dienstag DFB-Präsident: Rainer Koch.Bild: Ulmer

Der Umgang mit Schiedsrichtern: Koch war selbst jahrelang Schiedsrichter: Bis 1986 leitete er rund 1000 Spiele bis hoch zur Bayernliga, der damals dritthöchsten Spielklasse in Deutschland. Wahnsinnig attraktiv ist der Job an der Pfeife derzeit nicht unbedingt: Die Zahlen der aktiven Schiedsrichter sind seit Jahren rückläufig, im Bezirk Nördlicher Schwarzwald mussten die Vereine in dieser Saison zum Beispiel viele Spiele in der A-Jugend-Leistungsstaffel selbst leiten. Natürlich müsse der Respekt vor den Unparteiischen deutlich höher sein, sagte Koch – verwies aber noch auf einen anderen Aspekt: „Wir sollten den Reiz der Tätigkeit noch stärker herausstellen.“ Es gehe darum, Entscheidungen zu treffen und Konflikte zu schlichten. „Das ist eine attraktive und herausfordernde Aufgabe“, sagte Koch. Und bestritt dennoch nicht, dass der Fußball im Umgang mit dem Unparteiischen noch von anderen Sportarten lernen könne: „Ich frage mich seit Langem, warum wir im Fußball nicht den Respekt wie im Basketball oder Handball gegenüber den Referees haben.“

Keine Torhüter in der E-Jugend: Koch ist zugleich auch Präsident des Bayrischen Fußball-Verbandes. Dort sind für die kommende Saison Änderungen im Jugendfußball geplant: Bis zum jüngeren E-Jugend-Jahrgang soll ohne festen Torhüter gespielt werden. „Zunächst mal ist es keine Pflicht, sondern nur ein zusätzliches Angebot“, sagte Koch. Aber eines, das aus seiner Sicht viel Sinn macht: „Die Trainingslehre bestätigt, dass es nicht viel bringt, Kinder schon mit sieben Jahren hinten rein ins Tor zu stellen und nur dort auszubilden.“ Stattdessen wolle man allen Kindern Spielfreude vermitteln und sie auch spielerisch weiterentwickeln: „Die besten Keeper sind heutzutage immer auch gute Feldspieler.“

Tübingen und Schwaben: In Tübingen war Koch schon mal – aber nicht im Dienste des DFB, sondern privat: „Eine schöne Stadt, durch die man nicht einfach nur durchfährt.“ Mit dem schwäbischen Dialekt hat der promovierte Jurist aber teils zu kämpfen. Am Montag in Derendingen gab’s Nachhilfe. „Wie heißen Wurstsemmeln bei euch eigentlich?“, fragte Koch. „Wurstweckle“, schallte es im Kollektiv aus dem Sportheim zurück. Koch: „Oh je. Wenn ihr das bei uns in Bayern bestellt, weiß ich nicht, was ihr bekommt.“ Noch was fiel Koch auf: Oft sei im Derendinger Sportheim von „schwätzen“ statt „sprechen“ die Rede gewesen. „Geschwätz ist in Bayern kein ganz schmeichelhafter Ausdruck.“

Die Seele und das Gesicht des Vereins

Mächtig stolz sind sie beim TV Derendingen auf Melanie Bölzle, die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) als Amateurfußballerin des Jahres ausgezeichnet wurde (wir berichteten): Als Bölzle bei der offiziellen Ehrung am Montagabend vorgestellt wurde, schwappte eine La Ola durchs voll besetzte Sportheim, in das auch WFV-Präsident Matthias Schöck und der Bezirksvorsitzende Josef Haug gekommen waren. Es folgten launige und angenehm knappe Grußworte, in denen nochmals reichlich Lob an Bölzle ausgeschüttet wurde. Tübingens Sport-Bürgermeisterin Daniela Harsch bezeichnete sie als „Seele des Vereins“ und dankte im Namen der Stadt: „In Vereinen wachsen viele Kinder auf. Das ist ein wichtiges soziales Engagement.“ Der frühere Bundesliga-Schiedsrichter Knut Kircher bezeichnete Bölzle als markantes Gesicht des TVD: „Und Vereine verbindet man ja immer mit Gesichtern.“ Dann war die Fußball-Abteilung des TVD dran, die Bölzle in einer Bildpräsentation würdigte und ihr den inoffiziellen Titel „Royal Highness“ des TV Derendingen verlieh. DFB-Vizepräsident Rainer Koch überreichte anschließend einen Trikotsatz an die TVD-Frauen: „Ein richtig toller und cooler Verein.“ Dann gab’s den Pokal für Bölzle – übergeben von Cosima Schneider, die Bölzle für den Preis vorgeschlagen hatte. „Ich nehme den Preis stellvertretend für viele andere entgegen“, sagte Bölzle und dankte im Anschluss ihrer Frau und dem TVD als zweiter Familie. Bis ihre Stimme stockte.

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Erstellt:
3. April 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
3. April 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. April 2019, 01:00 Uhr

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