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Rund 100 Interessierte gründen Bürgerinitiative

Au-Brunnen: Großer Widerstand gegen Gewerbe- statt Wasserschutzgebiet

Gewerbe- statt Wasserschutzgebiet? Dagegen gründeten rund 100 Bürger am Mittwoch eine Initiative. Und kritisierten Oberbürgermeister Boris Palmer.

24.03.2017
  • Moritz Hagemann

Ausgerechnet am Weltwassertag versammelten sich rund 100 Interessierte im Gemeindehaus Lamm in der Tübinger Altstadt. Ihr Anliegen: Eine Bürgerinitiative zur Erhaltung des Wasserschutzgebietes Au-Brunnen gründen. Eingeladen hatte dazu am Mittwochabend Evelyn Ellwart vom Vorstand der „Wählervereinigung Alternative und Grüne Liste“ (AL).

Mehr als zehn Reden bekamen die Anwesenden zu hören. Stadtrat Bruno Gebhart (AL/Grüne) betonte, dass er Oberbürgermeister Boris Palmer zwar schätze, aber in der Au-Brunnen-Diskussion „sehr kritisieren“ müsse: „Hinter allem steckt der Gedanke: wachsen, wachsen, wachsen“, beschrieb Gebhart die Zukunft Tübingens. „Aber das ist eine Sackgasse, in der wir irgendwann gegen die Wand rennen.“ Außerdem habe Palmer Wortbruch begangen. Anfang Mai 2016 hatte der Oberbürgermeister im Verwaltungsausschuss erklärt, die Aufgabe des Au-Brunnens nicht weiter zu verfolgen. Allerdings ergab erst danach ein Gutachten, dass der Au-Brunnen auch ohne Wasserschutzgebiet funktionstüchtig bleiben würde. Gebhart sagte: „Jeder Quadratmeter des Gebietes, der bebaut wird, führt dazu, dass die Qualität des Trinkwassers nicht mehr gegeben ist.“ Zuletzt habe Palmer den Befürwortern des Au-Brunnens gar „therapiebedürftige Ansichten“ vorgeworfen.

Zu Beginn der Woche hatte die Stadtverwaltung drei Varianten zur Bebauung präsentiert (wir berichteten). Sybille Hartmann (AG Freiflächen Südstadt) kritisierte das Gutachten, das die Verwaltung bei ihrer Planung heranzieht. „Es gibt Antworten auf die falschen Fragen“, sagte sie. Die ehemalige Lustnauer Ortsrätin Silvia Riekert wandelte ein Churchill-Zitat ab: „Traue keinem Gutachten, das du nicht selbst gefälscht hast.“

Hartmanns Grafiken zum Anstieg der Luft- und Wassertemperatur in Konstanz am Bodensee sollten die Wichtigkeit des Au-Brunnen untermauern. Dadurch werde der Sauerstoff im Bodensee-Wasser immer weniger. „Man kann nicht sagen, dass der Bodensee unerschöpflich ist“, sagte Hartmann. Es stelle sich die Frage, ob das Trinkwasser aus dem Au-Brunnen nicht doch gebraucht werde?

Auch Reinhard von Brunn, Erster Vorsitzender der Tübinger Liste, bekam Applaus. Er betonte, dass in den Erhalt des Au-Brunnens bereits viel Geld gesteckt wurde. „Und wer wird dann dafür haftbar gemacht, wenn man das jetzt einfach bebaut?“ Besonders, weil der Au-Brunnen als Tiefbrunnen vor Naturgewalten wie Überschwemmungen besser geschützt sei, müsse er für die nächsten Generationen erhalten bleiben. Einen Seitenhieb auf Palmer konnte sich auch von Brunn nicht verkneifen: „Es ist schön, dass es auch noch Grüne gibt, die ihren grünen Kernauftrag ernst nehmen.“ Einige Stimmen aus dem Plenum hoben auch die Wichtigkeit der Bäume auf dem Wasserschutzgebiet für die Frischlufterhaltung der Süd- und Innenstadt heraus.

Zur möglichen Nutzung des Wasserschutzgebietes für die Industrie merkte der ehemalige Stadtplaner Andreas Feldtkeller an: „Wir müssen eher bestehende Gewerbegebiete verdichten, dazu gibt es aber keine Konzepte.“ Feldtkeller wurde für die Stadtentwicklungsmaßnahme Französisches Viertel 2001 mit dem Deutschen Städtebaupreis ausgezeichnet. Er fragte: „Warum werden nicht bestehende Parkflächen vielgeschossig überbaut?“

Generell sei es ein Fehler zu denken, dass sich jede Stadt für sich entwickelt. „Das ist völliger Unsinn“, sagte Feldtkeller. „Man muss eine Regionalstadt bilden.“ Also auch hier bereits ansässige Unternehmen aus Tübingen herausziehen lassen, solange sie in der Region bleiben. Der Tübinger Bürger Sotirios Pantelidis hatte Palmer (und auch dem fraktionslosen Stadtrat Jürgen Steinhilber) vorgeworfen, „Diener der Industrie“ zu sein.

Nach zwei Stunden der Diskussion wurde die Bürgerinitiative dann gegründet. Schon im Juni will sich der Verwaltungsausschuss für eine Bebauungsvariante entscheiden. Der Bürgerinitiative bleibt wenig Zeit, dieses Vorhaben doch noch zu kippen. Archivbild: Rekittke

Resolutionsentwurf wird überarbeitet

Bereits im Januar 2016hatten die NaturFreunde Ortsgruppe Tübingen und der Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg Arbeitskreis Tübingen eine gemeinsame Resolution verabschiedet. Sie diente als Diskussionsgrundlage am Mittwoch. Zumindest auf ein fest formuliertes Ziel konnten sich die rund 100 Interessierten einigen: „Die BI Au-Brunnen fordert den ungeschmälerten Erhalt des Wasserschutzgebietes Au-Brunnen. Die auch nur teilweise Umwandlung in ein gewerbliches Baugebiet oder eine andere Nutzung lehnen wir strikt ab.“ Zehn Personen hatten ihre Bereitschaft signalisiert, in der Organisation der Bürgerinitiative aktiv mitzuwirken. Bereits in zwei Wochen ist das nächste Treffen geplant. Dann sollen die Führung und Maßnahmen besprochen werden. Schon am Mittwoch wurde angedacht, über soziale Netzwerke auch junge Tübinger für die Bürgerinitiative zu gewinnen.

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24.03.2017, 01:00 Uhr
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24.03.2017

18:06 Uhr

RabeHugo schrieb:

"Palmer ist Diener der Industrie" - Ich würde es noch härter formulieren: Palmer und viele Grüne hier in der Region sind Marionetten der Wirtschaft.
Dies zeigt die geplante Bebauung des Wasserschutzgebiets nur zu offensichtlich.
Wenige Meter entfernt darf die Firma Kemmler mit einem Parkplatz stadtnahe Flächen verschwenden, wo doch neben an mal wieder ein gentrifiziertes Wohnviertel entsteht, in dem die Bewohner auf engstem Raum gestapelt werden, und die Immobilienpreise nicht zuletzt durch Tiefgaragen ins Absurde steigen.
Die neoliberalen Tübinger Grünen laufen jedem hinterher, der (auch nur formal) einen Arbeitsplatz.
Selbst Bahnhöfe wie den in Lustnau verlegt man weg vom nächsten Wohngebiet zu den Arbeitsplätzen - in diesem Fall halt dummerweise nur Autowerkstätten, bei denen nach dem Umstieg auf die Elektromobilität dann ja die Arbeitsplätze weg sind ... Aber dafür gibt es ja die grüne Diesellobby ;-)
So etwas ist politische Dekadenz und leider Wahlkampfhilfe für die Radikalen.



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