Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Unberechenbare Blutsauger

Zecken kommen in die Stadt - Hunde und Zugvögel schleppen "exotische" Arten ein

Sie sind nur wenige Millimeter groß und zählen hierzulande mit zu den gefährlichsten Tieren: Zecken übertragen Krankheiten, und sie leben auch mitten in der Stadt, wie Forscher herausgefunden haben.

09.03.2016
  • von IRIS HUMPENÖDER

Hohenheim. Mit 40 Bewerbern hatte die Parasitologin Prof. Ute Mackenstedt gerechnet. Es waren mehr als 500, die 2014 mitmachen wollten, als die Uni Hohenheim Gartenbesitzer für eine Zeckenstudie suchte. Die Ergebnisse aus dieser Studie stellte die Forscherin gestern auf dem Süddeutschen Zeckenkongress in Hohenheim vor. Wichtigste Erkenntniss: "Wer aus der Haustür tritt, steht im Lebensraum der Zecken", sagte Mackenstedt.

100 Gärten untersuchten sie und ihr Team. In 70 Prozent davon fanden sie meist sogar mehrere Zeckenarten. Und das nicht nur in wald- und naturnahen Gärten, sondern auch auf Grundstücken in Stuttgarter Stadtteilen, mit akurat geschnittenen Buchshecken und englisch-kurzgeschorenem Rasen.

Dr. Olaf Kahl aus Berlin betonte in Hohenheim, dass Zecken inzwischen ganzjährig aktiv sind. "Die milden Winter nehmen zu." Klimaveränderungen könnten künftig auch dazu führen, dass Zeckenarten aus fernen Ländern in Deutschland überleben, sagte der Biologe. Aus Südeuropa könnten Hundebesitzer beispielsweise die Braune Hundezecke mitbringen, die das Mittelmeerfleckfieber auslöst. Die Zecke findet ideale Bedingungen in Hundehütten und Wohnungen.

Eine andere Art, die Hyalomma marginatum-Zecke, könnte Viren einschleppen, die das gefährliche Krim-Kongo-Fieber verursachen. In der Türkei habe es bereits Todesfälle gegeben, sagte Kahl. Wirtstiere können Zugvögel sein, die im Frühjahr die Zecken im Nymphenstadium fallenlassen, die dann hierzulande Rinder, Rehe, aber auch Menschen befallen. Doch zum Glück gebe es eine hohe biologische Hürde, dass sich Nymphen weiterentwickeln können, erklärte Dr. Rainer Oehme vom Landesgesundheitsamt Stuttgart: "Dazu müssen Männchen und Weibchen auf einem Wirtstier zusammentreffen."

Privatdozent Gerhard Dobler vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr wurde im Dezember zu einem Fall nahe Frankfurt gerufen, wo ein Pferd von einer Zecke aus Afrika befallen war: "Die dürfte es hier normalerweise gar nicht geben." Was es aber zuhauf in Deutschland gibt, ist der Gemeine Holzbock. Jährlich werden acht Millionen Zeckenbisse gezählt, hat die Gesellschaft für Konsumforschung herausgefunden. "In Einzelfällen fanden wir in einer halben Stunde bis zu 800 Tiere", berichtete Mackenstedt von ihrer Gartenstudie. Die Zecken wurden natürlich auch untersucht. Zwei Prozent waren von Borrelien befallen, hätten also beim Menschen die so genannte Lyme-Borreliose auslösen können.

Meist wandere die Zecke erstmal ein paar Stunden über die Haut, berichtete Oehme. Erst dann steche sie zu - "was völlig schmerzlos ist". Wer etwa nach einem Waldspaziergang oder der Gartenarbeit eine Zecke bei sich entdeckt, sollte sie entfernen und die Stichstelle ein paar Wochen beobachten, rät der Experte. Erst wenn sie sich rötet, werde es ernst. "Dann sollte man zum Arzt", sagte Oehme. Der werde einem Antibiotika verschreiben. Unbehandelt kann die Entzündung zu starken Gelenkschmerzen führen.

Keine Behandlung gibt es bisher gegen die Viren, die die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) auslösen und ebenfalls von Zecken übertragen werden - vor allem in Risikogebieten. "90 Prozent der FSME-Fälle kommen in zwei Bundesländern vor - in Bayern und Baden-Württemberg", betonte Dobler. Bisher seien Gebiete entlang des Rheins vorne gelegen, letztes Jahr habe es plötzlich im Landkreis Ravensburg einen "Hotspot" gegeben. "Wir verstehen diese Dynamik noch nicht", gab Dobler zu.

Doch gegen FSME, eine schlimmstenfalls tödlich verlaufende Krankheit, bei der Gehirnzellen unwiderbringlich zerstört werden, die zu Stimmungsschwankungen, Muskellähmungen und epileptischen Anfällen führen kann, gibt es einen Impfschutz. Der lasse in Deutschland allerdings zu wünschen übrig, waren sich die Experten einig. In Bayern liege die Impfrate bei 40, in Baden-Württemberg bei 15 bis 20 Prozent, sagte Dobler. In Österreich dagegen seien rund 85 Prozent der Bevölkerung gegen FSME geimpft, und das, obwohl der Impfstoff dort selbst bezahlt werden müsse. "Durch die hohe Impfrate konnten die FSME-Fälle in Österreich im Vergleich zu den 80erJahren auf ein Zehntel zurückgedrängt werden", berichtete Dobler, der das deutsche Konsiliarlabor für FSME leitet.

Allerdings: Bei der Hohenheimer Gartenstudie war keine einzige Zecke mit dem FSME-Virus infiziert. "Dies muss aber nichts heißen", sagte Studienleiterin Mackenstedt. Das könne im nächsten Jahr oder ein paar hundert Meter weiter ganz anders sein. Die Spinnentiere, so machte die Wissenschaftlerin deutlich, sind unberechenbar: "Man hat sogar schon Zecken auf 1500 Meter Höhe gefunden."

Info http://www.zeckenkongress.de

An feuchten Stellen fühlt sich der Holzbock besonders wohl

Übertragung Der Gemeine Holzbock fühlt sich an schattigen Plätzen im Grünen wohl – an Waldrändern genauso wie in Sträuchern und Wiesen. Durch Erschütterung, Temperaturänderungen, chemische Reize oder Berührung nehmen Zecken mithilfe eines speziellen Organs wahr, wenn ein potenzieller Wirt vorbeikommt, den sie anzapfen können. Sie krabbeln auf dem Opfer herum, bis sie eine geeignete Stelle zum Blutsaugen gefunden haben – gerne an feuchten und warmen Stellen wie Kniekehlen, Achseln, der Leiste. Danach lassen sie sich meist wieder fallen. Ist die Zecke infiziert, kann sie beim Blutsaugen Krankheitserreger von einem Wirt zum anderen übertragen.

Entwicklung Man unterscheidet die Entwicklungsstadien Larve, Nymphe und erwachsene (adulte) Zecke. In jedem Stadium braucht die Zecke einen neuen Wirt, dessen Blut sie saugt (als Larve beispielsweise kleine Säugetiere, als Nymphe Rehe oder Füchse).

Studie Die Parasitologin Prof. Ute Mackenstedt und ihr Team untersuchen seit 2014 Gärten in Stuttgart und Umgebung nach Zecken ab. Die Hohenheimer forschen aber auch, wie sich Zecken mithilfe von speziellen Pilzen bekämpfen lassen. Diese werden verkapselt, dringen in die Zecke ein und vermehren sich in ihr. „Das ist dann das Ende der Zecke“, erklärt Mackenstedt von der Uni Hohenheim. Ein anderes Projekt sind Schlupfwespen. Die Weibchen fliegen Zecken an und legen ihre Eier hinein. Auch dabei werden die Zecken von innen heraus getötet. Dafür sorgen die Larven der Schlupfwespen. Doch ob sich solche Methoden tatsächlich bewähren, steht noch längst nicht fest. Schlupfwespen etwa sind nicht so leicht zu züchten, sagt Mackenstedt. ih

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

09.03.2016, 08:30 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil


In der aktuellen Ausgabe des Business-Magazins Wirtschaft im Profil : Warum in die Ferne schweifen ... Wirtschaftsfaktor Tourismus Baden-Württemberg
Neueste Artikel
Bildergalerien
Sie haben Fragen zu unserem neuen Bezahlsystem? Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten für Sie zusammengestellt.
Videos
Single des Tages
date-click

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-0
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934166
wip@tagblatt.de

Zum Kontaktformular