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Tübinger Forscher und Ministerin fordern neue Debattenkultur zu Tierversuchen

Mehr über gescheiterte Versuche reden

Ist das der Startschuss für eine neue Debattenkultur? Tübinger Forscher diskutierten mit Wissenschaftsministerin Theresia Bauer über Tierversuche. Beim Ortstermin gewährten sie Einblicke in die Affengehege.

07.07.2015
  • MADELEINE WEGNER

Tübingen „Wir haben viel zu lange weggeguckt“, sagte Universitäts-Rektor Bernd Engler gestern am Tübinger Hertie-Institut für klinische Hirnforschung. Die im Herbst entbrannte Debatte um Tierversuche sei „gegen die Wand gefahren“. Uni und Wissenschaftsministerium luden deshalb gestern zum Presse-Gespräch und einer Führung durch Affengehege und Labore des Werner Reichardt Centrums für Integrative Neurowissenschaft (CIN) ein. Es sollte „ein Termin der Vergewisserung“, der Startschuss zu „einer neuen Debattenkultur“ sein, wie Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) sagte.

„Es hat mich verblüfft und ein wenig besorgt, dass die Debatte so stark von der Tierschutzszene getrieben wurde“, sagte Bauer. Auch CIN-Professor Hans-Peter Thier sieht einen Grund für die Probleme bei fundamentalistischen Tierschützern. An dem aktuellen Debakel seien jedoch auch die Wissenschaftler selbst schuld. Im Gegensatz zu anderen Ländern hätten die Forscher hier so wenig wie möglich über Notwendigkeiten von Tierversuchen gesprochen. Zudem gebe es eine interne Hackordnung: Die Forscher, nicht an Tieren forschen beäugten schon jene Kollegen, die an Fruchtfliegen arbeiten. Diese seien ihrerseits froh, keine Mäuse zu nutzen.

Zehn neugierige Weißbüschel-Äffchen schauen zwischen den Käfigstangen hindurch: Sie leben seit Dezember im Affengehege des CIN, hohe Käfige, mit mehreren Etagen, Kletterstäben, Hängematten und grünen Blättern. Eines der fünf Paare hat vor wenigen Wochen Nachwuchs bekommen. Vier der Rhesus-Affen haben bereits Titan-Implantate in den Köpfen. Sie wurden mit Obst und Wasser darauf trainiert, freiwillig in den Versuchsstuhl zu steigen. „Das funktioniert ohne Gewalt“, sagt der Wissenschaftler Markus Siegel.

Manfred Wolff, der seit Jahren in der Ethikkommission bei Genehmigungsverfahren Tierversuche beurteilt, kritisierte dennoch den Wissenschaftsbetrieb: „Es wird nur veröffentlicht, was an Tierversuchen gelingt. Dabei wäre das, was nicht gelingt, genauso wichtig.“ Er wünscht sich ein (anonymes) Archiv für solche Negativ-Ergebnisse, damit ein bereits gescheitertes Experiment nicht noch einmal beantragt würde. Besonders wichtig sei es, für Fragestellungen auch den passenden Versuchstier-Typ zu finden.

Das forderte auch der Tübinger Mediziner Nisar Malek. Gerade in der Krebsforschung gebe es Medikamente, die nur im Tierversuch erprobbar seien: „Bestimmte Immunreaktionen lassen sich nicht in der Petrischale testen.“ In der Leukämie-Forschung etwa schienen im Tierversuch 95 von 100 Stoffen erfolgversprechend, im Menschen jedoch kaum noch wirksam. „Wir versuchen, solche Tierversuche nicht mehr zu machen“, sagte Malek.

Gerade solche Ergebnisse müssten auch veröffentlicht werden, forderte Thier. Junge Forscher jedoch würden darauf getrimmt, ihre Erfolge in Hochglanz-Journalen zu veröffentlichen. Vermeintliche Misserfolge hingegen gefährdeten eine gerade begonnene Karriere.

Florian Dehmelt hat zusammen mit anderen jungen Tübinger Wissenschaftlern vor wenigen Wochen „Pro-Test“ gründet. Die Initiative setzt sich für Tierversuche ein, will informieren und auch mit Kritikern ins Gespräch kommen. Genau dieses Selbstbewusstsein wünschte Ministerin Bauer gestern den Wissenschaftlern: „Wenn wir in zehn oder 20 Jahren noch nicht ohne Tierversuche auskommen werden, dann sollten wir auch von dieser Vorstellung wegkommen und das ohne Angst kommunizieren.“

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07.07.2015, 01:30 Uhr
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