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Intime Beziehungen mit den Ausgespähten
Claudia Morar und Hannes Obens.Bild: Teubner
Doku über Polizeispitzel im Kino Arsenal

Intime Beziehungen mit den Ausgespähten

Zwei Berliner Filmemacher präsentierten im Tübinger Kino Arsenal ihre Dokumentation über verdeckte Ermittler in der linken Szene.

06.07.2017
  • Dorothee Hermann

Überwachung ist schwer greifbar. Die zugehörigen Gesichter und Geschichten gelangen nur selten an die Öffentlichkeit. So wie die des Polizeibeamten, der sich 1991 in eine seiner Tübinger Zielpersonen verliebte – bei einem Einsatz im Palästina-Libanon-Komitee und im Nicaragua-Arbeitskreis der Evangelischen Studierendengemeinde. Weil er das Doppelspiel nicht mehr aushielt, offenbarte sich der Mann schließlich seiner Freundin.

Seit Herbst 2000 bewegte sich „Georg B.“ in der Tübinger Hochschulgruppe Lista (Linke StudentInnenassoziation) und einer Antifa-Gruppe. Nachdem ihn einige Aktivist(inn)en mit Ungereimtheiten konfrontierten, räumte „Georg B.“ im Sommer 2001 seine Wohnung in Kirchentellinsfurt und verschwand aus Tübingen (wir berichteten).

Die beiden Berliner Filmemacher Claudia Morar und Hannes Obens konzentrieren sich in ihrer Doku „Im inneren Kreis“ auf verdeckte Ermittler in Heidelberger Studierendengruppen und vor allem im Umfeld des Autonomen Kulturzentrums „Rote Flora“ in Hamburg. In Heidelberg war „Simon Brenner“ (2009/2010 für das Landeskriminalamt Baden-Württemberg im Einsatz) aufgeflogen. In Hamburg wurden „Iris Schneider“ und zwei weitere verdeckte Ermittlerinnen enttarnt, die teilweise sogar intime Beziehungen mit den von ihnen Ausgespähten eingingen.

Vor kurzem präsentierten die Filmemacher die Doku im Kino Arsenal. Hannes Obens, der als Projektkoordinator für politische Bildung arbeitet, ist in Hamburg aufgewachsen. Als Jugendlicher war er gelegentlich Gast in der „Roten Flora“. Jedenfalls hat er einen so guten Draht zu den Ausgespähten, dass sie im Film freimütig schildern, wie sie den Kontakt mit jemandem erlebten, der eigentlich jemand ganz anderes war. „Wir wollen zeigen, wie sich Überwachung gesellschaftlich und individuell auswirkt“, so Morar.

Auch der ehemalige Generalbundesanwalt Kay Nehm, Ex-Innenminister Gerhart Baum und Jan Reinecke vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (als Gewerkschaftsvertreter) kommen zu Wort. Die Psychoanalytikerin Iris Schipkowski nennt mögliche persönliche Motive von verdeckten Ermittlern wie Macht oder Genugtuung. „Man ist in dem Moment ja der einzige, der Bescheid weiß.“ Das mache auch einsam.

Den Heidelberger Fall finden die Filmemacher besonders heftig: „Weil Menschen, die sich in ihrem Umfeld für eine bessere Welt einsetzen, observiert werden“, sagten sie im TAGBLATT-Gespräch. „Simon Brenner“ hatte unter anderem bei einer Einführungsveranstaltung für Studierende über Klimapolitik, Umwelt und Datenschutz Kontakt gesucht.

Angesichts des möglichen Einsatzes von Staatstrojanern auf Computern und Smartphones erscheinen verdeckte Ermittler unzeitgemäß analog. „Technische Überwachung ist bildlich sehr schwer darzustellen“, nannte Obens ein weiteres Motiv für den Film. Er befürchtet, es werde auch künftig verdeckte Ermittler geben: „Als Mensch im direkten Kontakt erfährt man noch andere Informationen, als wenn man verschlüsselt kommuniziert“, sagte der 36-Jährige.

Geheimagenten und verdeckte Ermittler gebe es seit zwei Jahrhunderten, so Obens. „Aber wie sich das auswirkt in politischen Zusammenhängen, wurde noch kaum sichtbar gemacht.“ Beide hoffen, dass die Dokumentation die Debatte über Überwachung verstärkt. Denn die laufe im Moment, verkürzt auf Terrorismus, „in die völlig falsche Richtung“.

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06.07.2017, 01:00 Uhr

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