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Französische Filmtage

Der Mann als Wurfzelt

Mit der Travestie-Komödie „Voll verschleiert“ produzierte Sou Abadi mehr als nur eine Klamotte, sie macht sich über alle Lager lustig.

02.11.2017
  • Ulla Steuernagel

Kein Kleidungsstück kommt einer Travestie-Komödie so entgegen wie der Niqab. Im Unterschied zur Burka bleibt der Augenschlitz frei, und so lassen sich noch Spuren von Mimik erkennen. Vermutlich musste „Cherchez la femme“ („Voll verschleiert“) als erste Niqab-Komödie auch unbedingt in Frankreich auf die Welt kommen. Denn hier werden die Kleiderordnungen rigoroser durchgesetzt als in Deutschland und hier scheuchen laizistische Sittenwächter Burkini-Trägerinnen sogar vom Strand weg.

Regisseurin Sou Abadi ließ sich für ihre Camouflage-Geschichte von zwei realen Begebenheiten inspirieren. So hatten sich schon die beiden Staatspräsidenten, Banisadr und Rafsandschani, in Frauengewändern vor den politischen Verfolgern versteckt. In Abadis Film ist der Vollschleier jedoch vor allem ein Vehikel für verbotene Liebe. Denn der im Jemen radikalisierte Mahmoud (William Lebghil) will seiner Schwester Leila (Camélia Jordana) in Paris die westliche Lebensart austreiben. Also muss sich ihr Freund Armand (Félix Moati) von nun an im Vollschleier in die Kemenate der Geliebten schmuggeln. Damit entwickelt der Film eine temporeiche Rein-Raus-Dramaturgie mit Turbulenzen à la Billy Wilder – und einem schlimmen Betriebsunfall. Im Eifer seines persönlichen Dschihads verliebt sich der gestrenge Bruder in die mutmaßliche Schleierträgerin. Um diese Verwicklungen herum werden allerlei andere Schlachten geschlagen. Die Eltern von Armand, zwei Exiliraner, sind zwar auf Feminismus (Mutter) und Kommunismus (Vater) gepolt und wittern überall Bedrohungen für den Laizismus, aber ihren Sohn wollen sie dennoch auf traditionelle Weise verheiraten.

Am Happy End besteht von Anfang an kein Zweifel, das Personal ist nicht auf tiefgründige Charaktere, sondern auf befreiende Komik angelegt. Die lustigste Bemerkung fällt, als Leila zum ersten Mal die verschleierte Unbekannte sieht: „Das ist keine Dame, das ist ein Wurfzelt!“ findet sie.

Man muss den auf Plot-Kommando einsetzenden Wandlungen der Figuren nicht immer folgen, doch man macht gerne und gut gelaunt all die Lockerungsübungen vor Migrationshintergründen mit, zu denen der Film anstiftet.

Sie selber habe einige Tragödien erlebt, sagte Regisseurin Sou Abadi gestern Nachmittag beim Gespräch im „Hotel Krone“. Als sie 15 Jahre alt war, beschlossen ihre Eltern sie auf ein französisches Internat zu schicken und in Sicherheit zu bringen. Ein Säureattentat auf eine Mitschülerin ist eine der schlimmsten Erinnerungen aus ihren Jahren im Iran. Nicht diesem, aber anderen Erlebnissen konnte sie komische Seiten abgewinnen. „Der Humor ist die Höflichkeit der Hoffnungslosen“, dieses Motto, so sagt sie, durchzieht ihren Film.

So habe sie 1999, als sie im Iran eine Doku drehen wollte, beim Einholen der Genehmigungen ebenfalls unter den Schleier schlüpfen müssen und die Tücke des Tuchs erlebt. Vor den Türen der Behörden standen fürs Einchecken in die Amtsstuben Kartons voller Schleier. Armands Filmeltern hat Abadi übrigens ihrer eigenen Familie in genau der gleichen politischen Rollenverteilung abgeschaut.

Abadi zieht also alle durch den Kakao – Kommunisten, Femistinnen, Liberale, sich selbst und sogar die heiligen Krieger. Gehen Extremisten nicht ins Kino oder wie gefährlich ist es, sich über Islamisten lustig zu machen? Bislang habe sie noch keinen Ärger bekommen, sagt die Regisseurin. „Aber“, setzt sie hinzu, „in den Iran werde ich vorläufig lieber nicht reisen.“ Dass sie, obwohl ihre Familie noch dort lebt, nicht mehr auf Dauer in ihr Heimatland zurückkehren will, ist für sie klar, auch wenn sie dafür vieles aufgeben muss.

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02.11.2017, 14:28 Uhr

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