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Industriearchitektur

Das Werk als Kunstwerk

Rund um das Fabrik-Areal der ehemaligen Textildruckerei Pausa in Mössingen kondensieren weite Teile der Wirtschafts-, Kunst- und Gesellschafts- geschichte des 20. Jahrhunderts. Fernab der Metropolen liegt hier ein Industrie-Ensemble, das von der jungen deutschen Demokratie genauso erzählt wie vom Grauen des Nationalsozialismus, von der Kunst der Moderne wie vom Aufstieg und Fall der Baden-Württembergischen Textilindustrie.

17.02.2017
  • TEXT: Eike FreeseFOTOS: Uli Rippmann, Archivbilder, Unternehmen, Friedrich Paetzold

Tief im Steinlachtal, reichlich weit entfernt von den großen Metropolen, schlummert das Industriebau-Ensemble der Mössinger Textildruckerei Pausa. Vier große, gestalterisch heterogene Bauten, mit denen die Geschäftsleitung in der Nachkriegszeit ein Signal setzte, das auch heute noch inspiriert: Ästhetik nicht nur in den Produkten, sondern als betriebliches Gesamtkonzept.

Die auffälligen Bauten zwischen der tief ins Gelände eingeschnittenen Steinlach und der Mössinger Bahnhofstraße entstanden zwischen den Jahren 1950 und 1960. Für die Verhältnisse nach dem Krieg boomte damals das Mössinger Geschäft geradezu: Plötzlich waren es wieder weit über 300 Arbeiter, die am Pausa-Standort Raum und Maschinen für die Herstellung und Veredelung von Stoffen brauchten. Und bald sollte sich selbst die massive Erweiterung als unzureichend herausstellen: In den 1960ern beschäftigte die Pausa über 600 Frauen und Männer.

Angesichts der neuen Dynamik im Geschäft war es Auftrag des Architekten Manfred Lehmbruck, Gebäude zu schaffen, die sowohl der Philosophie des Unternehmens entsprachen, als auch einer prognostiziert guten künftigen Auftragslage. Mit Grund, wie sich bereits Anfang der 1960er zeigte: Schnell mussten zwei zentrale Bauten auf dem Areal maßgeblich erweitert werden.

Enorme Vielfalt von Bauten

Lehmbruck, Sohn des Künstlers Wilhelm Lehmbruck (siehe Info-Box), ließ zunächst die heute so genannte „Tonnenhalle“ bauen: Das Großgebäude ist von neun gleich großen, „tonnen“-förmigen Runddächern überspannt, unter denen vor allem Textildrucker, aber auch Ateliers und die Farb-Küche Platz fanden. Mit der Tonnenhalle einen Innenhof bildend, wuchsen in den kommenden Jahren das große Verwaltungsgebäude, die ihm direkt sich anschmiegende „Bogenhalle“ sowie ein Turbinen- und Werkstatttrakt empor.

Kein Gebäude glich dem anderen. Jedes stand für sich – und hat auch für den heutigen Betrachter eine ganz eigene Ästhetik. In den hellen Verwaltungs-Quader schiebt sich das völlig gläsern anmutende Treppenhaus – wohingegen die zuletzt über 100 Meter lange „Bogenhalle“ mit einem einzigen, bogenförmigen Dach ohne Stütze vollständig überspannt wird.

Es mag nicht selbstverständlich scheinen – vor allem für die frühe Nachkriegszeit –, einen derartig ausgeprägten ästhetischen Gestaltungswillen gerade an einem Industriekomplex in der Provinz auszuleben. Für die Pausa und allen voran ihren künstlerischen Leiter Willy Häussler indes waren die Lehmbruck-Bauten nur der in Beton gegossene Ausdruck der Philosophie, die sich auch in den Produkten wiederfand: Neben eher gebrauchsorientieren und rein modischen Stoffen prägten in Mössingen nämlich stets auch namhafte Künstler die Kollektionen mit – HAP Grieshaber war nur einer der ersten, der nach dem Krieg für die Pausa gestaltete. Später gab der Haus- und Hof-Gestalter der Pausa, Anton Stankowski, dem gesamten Außen-Auftritt der Firma eine unverwechselbare Linie, während viele Innenräume mit Design-Objekten geschmückt waren. Wer auch immer (ob Arbeiter oder Kunde) wo auch immer sich aufhielt (ob im Hof oder in den mit Kunstwerken behängten Fluren des Verwaltungsgebäudes), sollte spüren, dass die Ästhetik des Werks sich nicht aufs reine Repräsentationsbedürfnis eines Großunternehmens beschränkte. Sie war programmatisch.

Das Erbe der Löwensteins

Und sie stand in einer Tradition, für die bereits lange vor dem Bau des Lehmbruck-Ensembles der Grundstein gelegt worden war. Bis 1936 war es die jüdische Familie Löwenstein, die den damals schon mehrere hundert Mitarbeiter starken Mössinger Betrieb besaß und führte – und den Namen nicht nur groß gemacht, sondern auch mit dem ästhetischen Anspruch verflochten hatte, der die Firma und die Marke bis zu ihrem Ende im Jahr 2004 begleitete. Schon in der Zeit zwischen den Kriegen arbeiteten in Mössingen Gestalterinnen und Gestalter mit einem Anspruch, der gar nicht so recht zum Dorf am Rande der Alb zu passen schien. Und der so prägende künsterische Leiter Willy Häussler blieb Konstante von der Löwenstein- bis in die Nachkriegs-Ära.

So wurde den Löwensteins im Zuge der nationalsozialistischen „Arisierungs“- und Enteignungs-Politik zwar die Pausa genommen – ihr Erbe aber wurde bereits früh nach dem Krieg weitergetragen, wenn auch zunächst nicht in anerkennendem Gedenken an die Pausa-Gründer. Immerhin: In den vergangenen Jahren gab es Besuche der Familie Löwenstein in der Stadt, ein Verein kümmert sich um das Andenken – und auch der zentrale Platz auf dem Areal heißt inzwischen „Löwenstein-Platz“.

Heute stehen nicht nur das Architektur-Ensemble, sondern auch bestimmte Interior-Stücke und über 100000 Stoffe der Pausa unter Denkmalschutz. „Diese Dinge bieten einen einmaligen Überblick über die Geschmacksgeschichte des 20. Jahrhunderts“, sagt Dieter Büchner, beim Denkmalamt für die Pausa-Schätze zuständig. Ein Grund dafür: Der Vorhang, das grundlegende Pausa-Produkt, hatte für die Leute jahrzehntelang einen ähnlich gestalterischen und selbstvergewissernden Wert wie Möbelstücke und Designobjekte. Auch aus diesem Bewusstsein, dem für die kulturprägende Bedeutung der eigenen Waren, entsprang der Wunsch der Pausa-Manager nach einer angemessenen ArchitekturArchitekt.

ZWISCHEN DÄMMERN UND LEBEN DIE PAUSA HEUTE

Heute, rund 13 Jahre nach dem Ende des Unternehmens und der Marke Pausa, sind weite Flächen des Lehmbruck-Ensembles noch immer ungenutzt. Das denkmalgeschützte Areal befindet sich in einem bemerkenswerten Zustand zwischen Trostlosigkeit und Leben. Vor allem die preisgekrönte Sanierung der Tonnenhalle (Bild oben) und ihre Neu-Eröffnung im Jahr 2011 machte früh Mut, dass das Ensemble einmal in Gänze wiederbelebt werden könnte: Hier sind heute die Stadtbibliothek und verschiedene weitere Einrichtungen untergebracht. Verwaltungsgebäude und „Bogenhalle“ indes stehen weitgehend ungenutzt da. Das Melchinger Theater „Lindenhof“ immerhin bringt regelmäßig mit Aufführungen Leben in die Halle. Die ehemalige Pausa-Kantine auf der gegenüberliegenden Seite des Innenhofs soll bald zu einem Informationszentrum für die Streuobst-Landschaft am Rande der Alb umgebaut werden – und ein Café beherbergen. Ein veritables Pausa-Museum ist eher ein Fernziel. Besichtigungen von Gruppen in Absprache mit der Stadt Mössingen.

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17.02.2017, 01:00 Uhr
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