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Heilige Party im Rausch der Farben

Beim Holi Gaudy-Festival lebten sich junge Leute am Samstag beim Tanzen und Farbbeutelwerfen aus

Drei, zwei eins“ – Holi Gaudyyy!“ ruft der DJ von der Bühne – und kreisch und puff lässt die zu Technobeats zappelnde Menge davor kleine Plastikbeutel platzen, wedelt sie in der Luft, entlässt daraus Farbpulver.

11.06.2017
  • Nina Kwiatkowski

Bunte Staubwolken formieren sich über den wippenden Köpfen. Die Regenbogenwolke hält sich genau einen Wimpernschlag lang – um sich dann in einer großen, grauen Staubwolke zu sammeln, die schließlich schön übers Gelände bläst. Nach und nach gibt sie eingestaubte Gestalten frei, die bei besserer Sicht gleich mal das Handy ziehen, die Lippen schürzen und ein Selfie schießen, um der Welt da draußen zu zeigen: So sieht man nach einer Farbexplosion aus. Auf Haare, Haut und den vormals weißen Klamotten hat sich das grüne, blaue, gelbe und rosa Farbpulver vermischt – und sieht eigentlich gar nicht mehr nach Regenbogen aus. Eher wie Sprengung auf der Baustelle. Bunt ist doch anders, oder?

Das sehen die zwischen 16 und etwa 27 Jahre alten Besucher nicht so. „Das mit den Farben ist cool“, findet Isabella. Die Hebammenschülerin ist das zweite Mal bei der Holi Gaudy, sie mag vor allem das Festival-Feeling hier. „Draußen feiern und tanzen, dazu die Farben – cool.“

Das findet auch der 17-jährige Jannik. Der angehende Werkzeugmechaniker sitzt etwas weiter hinten unter dem einzigen, aufgestellten, schattenspendenden Zeltsegel, sein T-Shirt ist noch jungfräulich weiß. Alle tragen hier weiß, die anderen outen sich als Team, Begleitung oder Presse. Weiß gehört für die jungen Besucher quasi zur Party – so sieht man die Farbe am besten. „Die Farbe auf dem Shirt ist schon etwas Besonderes, man nimmt sie mit und so bleibt einem etwas von der Party“, erklärt Jannik. Zumindest für diese Partynacht – nach dem Waschen ist der Farbrausch vorbei.

Nicht nur diese Sache mit dem Party-Dresscode hat nichts mehr mit dem eigentlichen Holi Fest zu tun. Das kommt aus Indien, mit dem „Fest der Farben“ feiert man hier seit Jahrhunderten den Frühlingsanfang. Holi gilt als eines der ältesten Feste Indiens. Zwei bis zehn Tage feiert man je nach Region, besprengt sich gegenseitig mit Wasser und Farbpulver, dem Gulal. Die Farbe hat hier auch eine ganz besondere Funktion – allerdings weniger im Sinne von Partyhighlight. In den Tagen des Holi sind traditionell alle Schranken durch Kasten, Geschlecht oder gesellschaftlichen Status aufgehoben, quasi von der Farbe übermalt.

Was in Indien das „Alle sind gleich“, ist bei der Holi-Party-Adaption das „Alle machen mit“: „Alle tanzen, alle werfen, alle sind bunt“, schwärmt eine Gruppe von 16-jährigen Mädels, vom letzten so genannten „Farb-Drop“ noch ganz verzückt-entrückt. Ihre ganze Farbe haben sie dabei buchstäblich verpulvert, die verteilt sich jetzt als mehlstaubige Luft über dem Gelände. Zeit, Nachschub zu besorgen – bevor der DJ den Countdown zum nächsten „Farb-Drop“ einläutet. „Der findet alle halbe Stunde statt, das kann knapp werden“, sagt die 17-jährige Melanie. Für Farbbeutel, Getränke und Essen muss man sich nämlich zunächst in der meterlangen Schlange vor dem Bonverkauf einordnen. Mit den erworbenen Bons stellt sich die Schülerin dann in die wieder meterlange Schlange vor der Farbbeutel-Ausgabe. „Ich hole mir gleich eine ganze Palette“, sagt Melanie. Heißt: sechs Beutel voller mit Lebensmittelfarbe gefärbtem Maismehl in blau, grün, pink, gelb, orange und lila.

Zehn Euro zahlt die Schülerin dafür. Bei einem Farb-Drop wirft sie einen Beutel in die Luft, jede halbe Stunde ruft der DJ zum Drop. „Da mache ich aber nicht die ganze Zeit mit“, sagt die Tübingerin. Nach dem Ticket zum Standard-Preis von 17,90 Euro, dazu Essen und Trinken zu Festivalpreisen, könne sie sich nicht alle Drops leisten. Das heißt für Melanie, Farbpulver aufsparen, denn früher gehen kommt gar nicht in Frage.

„Je später, desto lustiger“, bestätigt Ulf Steinecke. Der glatzköpfige Hüne ist Geschäftsführer der Eventagentur G02 Convent, die seit fünf Jahren bundesweit im Holi-Geschäft ist. „Wir haben das mal irgendwo gesehen und uns gedacht: Das können wir auch“, so Steinecke, der sich mit seiner Ludwigsburger Firma auf Open Air-Veranstaltungen spezialisiert hat. Kiel, Frankfurt, Stuttgart, Tübingen, Zürich – die Holi Gaudy-Truppe tourt in drei Monaten im Jahr quer durch die Republik, die Schweiz und Österreich. Überall sei es das gleiche Bild: „Die Leute feiern das ab: Musik, tanzen, gute Laune und die Farbe dann noch obendrauf.“

Die Tübinger brauchen an diesem Nachmittag allerdings noch ein bisschen Nachhilfe. „Es ist zu heiß, die Leute schmeißen nicht so viel in die Luft“, sagt DJ Capster aka Jonas Walther. Der 28-Jährige ist einer der Resident DJs der Holi Gaudy-Truppe, quasi festangestellt. „Etwa drei Monate lang jedes Wochenende in einer anderen Stadt, manchmal sogar zwei Städte an einem Wochenende – manchmal kein leichter Job.“

Aber the Party must go on: „Dann bringen wir mal ein bisschen Schwung in die Bude“, sagt er, springt auf die Bühne und ruft ins Mikrophon: „Ready für den nächsten Drop?! Drei, zwei, eins – Holi Gaudyyy!“ Und für einen Wimpernschlag erhebt sich eine Regenbogenwolke.

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11.06.2017, 18:00 Uhr
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