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Aiham Shalghin ist der erste syrische Bademeister im Tübinger Freibad
Hat den Überblick: Aiham Shalghin aus Damaskus an seinem Arbeitsplatz im Tübinger Freibad. Bild: Metz
Baywatch in Schwaben

Aiham Shalghin ist der erste syrische Bademeister im Tübinger Freibad

Hauptberuf Student, Nebenjob Bademeister, klingt nach super Leben. In Syrien nicht. Aiham Shalghin floh nach Deutschland. Jetzt passt er im Tübinger Freibad auf, dass keiner untergeht.

01.08.2016
  • kathrin löffler

Tübingen.Ausgerechnet das wichtigste deutsche Wort kannte er nicht. „Rutsche“ hatte Aiham Shalghin nie gehört. Die Rutsche ist aber Brennpunkt seines neuen Lebens. Sie muss er im Blick haben. Denn die Rutsche, sagt Shalghin, „ist manchmal auch gefährlich“. Hier treibt es die Jugend gerne tollkühn. Manch Argloser stellt sich trotzdem mitten in den Auslauf. Kann blöd enden. Zack, knallt einem ein Geschoss in Badehosen ins Kreuz.

Aiham Shalghin gibt acht, dass so etwas nicht passiert. Deutsch spricht er ansonsten ziemlich hervorragend. Ein knappes Jahr lebt der 24-Jährige in der Bundesrepublik. Erst einen Monat in Bruchsal, dann in Wankheim. Geboren ist er in Damaskus. Dort hat Shalghin Jura studiert, nebenher als Bademeister gejobbt, in der Freizeit Wasserball gespielt. Die Kämpfe, die Bomben, die Angriffe: Das war ein paar Kilometer weiter, in Vororten. In der syrischen Hauptstadt, sagt Shalghin, habe er den Bürgerkrieg nicht direkt erlebt. Die Unklarheit schon. „Wir wussten nicht, wann der Krieg nach Damaskus kommt“, sagt er, und: „Wir hatten keine Zukunft mehr.“

Er floh nach Deutschland. Erst über die Türkei und im Schlauchboot nach Griechenland, weiter mit dem Zug und zu Fuß. Die Familie blieb zurück. Das war schwer für ihn, sagt Shalghin. Inzwischen hat er eine Aufenthaltserlaubnis über drei Jahre und eine Arbeitserlaubnis für Deutschland.

Sommer 2016, Tübinger Freibad, 26 Grad. Aiham Shalghin steht am Beckenrand, manchmal auch oben auf dem Aufsichtsturm. Dann stiert er auf die Wasseroberfläche, wo die Sonne Glitzerfunken schlägt und Krauler, Genussbrustschwimmer und spaßorientierte Heranwachsende eine Art Wimmelbild produzieren. Wenn sich jemand daneben benimmt, zückt er die Trillerpfeife.

Wie kam das? Zu Jahresbeginn organisierte die Industrie- und Handelskammer ein Treffen von Flüchtlingen und Unternehmen. Aiham Shalghin war da, Vertreter der Stadtwerke Tübingen auch, man knüpfte Kontakte.

In Syrien sind Bäder nach Geschlechtern getrennt

Im Frühjahr ging es daran, Mitarbeiter für die diesjährige Freibadsaison zu werben. Auch jemand, der die arabische Sprache beherrscht, sollte dabei sein – um den Flüchtlingen unter den Besuchern zu erklären, was im Tübinger Freibad zu beachten ist. „Das geht in deren Muttersprache besser als mit Händen und Füßen“, sagt Personalentwickler Thomas Welz. Die Stadtwerke luden Aiham Shalghin ein. Hat gepasst.

Seit Mai arbeitet der ausgebildete Rettungsschwimmer wieder als Bademeister. „Viele Araber kennen die Regeln hier nicht“, sagt Shalghin und beschreibt Situationen, in denen er aufklärerisch einschreiten muss: Manche springen vom Beckenrand oder hüpfen gruppenweise vom Sprungbrett, andere rutschen im Verbund. Shalghin sieht Erfolge. Viele Jungs folgten den hiesigen Badekonventionen jetzt viel eiserner als zu Saisonbeginn. Aber: Wasserplatscher und Rutschchoreografien? Das klingt nach einigermaßen harmlosem Fehlverhalten. Den öffentlichen Diskurs um die Schlagworte Freibad und Flüchtlinge dominieren derzeit bedenklichere Erzählungen und lautere Aufgeregtheiten: In Kirchheim/Teck haben arabischstämmige Flüchtlinge jungen Mädchen an Po und Brust gefasst. Das Bad im nordrhein-westfälischen Bornheim schloss eine Woche, es hatte Beschwerden wegen ähnlicher Vorkommnisse gegeben. Bäder in Oldenburg, Reutlingen oder Sinsheim setzen auf Security-Kräfte. „Sex-Mob-Alarm im Schwimmbad“, schrie die marktschreierischste der deutschen Tageszeitungen.

In Tübingen, sagt Shalghin, hat es noch keine sexuellen Übergriffe gegeben. Sein Erklärungsversuch für jene andernorts: Viele männliche Flüchtlinge seien noch nie mit Frauen schwimmen gewesen. In großen Teilen Syriens gibt es geschlechtergetrennte Bäder. „Die Männer wollen Frauen nicht in Badekleidung sehen.“ Shalghin selbst kennt es anders. In Damaskus richten sich die meisten Schwimmbäder an ein gemischtes Publikum, die Frauen tragen Bikini, die Männer sind das gewohnt. Die Hauptstadt ist ein Gedrängel aus Religionen und Konfessionen. Wenn Shalghin in Deutschland auf Altersgenossen aus dem ländlichen Syrien trifft, spürt er eher weltanschauliche Klüfte als landsmannschaftliche Vertrautheit. „Konservative Menschen habe ich bisher nicht erlebt.“

Aber, doch: Kulturbedingte Herausforderungen entwickeln sich auch im Tübinger Mikrokosmos Freibad. Zumindest sportkulturbedingte. Shalghin: „Die Menschen in Tübingen können sehr gut schwimmen.“ Manche trainierten täglich. In Syrien gehört Schwimmen lernen nicht zur pädagogischen Standardsozialisierung. Viele Flüchtlingskinder können es nicht. Aber viele Flüchtlingskinder kommen allein ins Freibad. Ohne Mama und Papa und deren Kontrollblicke. Ins Schwimmerbecken traut sich manch Nichtschwimmer trotzdem. Shalghin: „Wir müssen das Kind dann die ganze Zeit beobachten.“ Bei Hochbetrieb ist das nicht unkompliziert.

Neulich gab es eine kleine Kollision. An der Rutsche. Ein Junge sauste einem anderen, irgendwie ins Gesicht. Der war kurz benommen. Er war Syrer, konnte kein deutsch, die Eltern waren nicht dabei. „Diese Jungs haben vor gar nichts Angst“, sagt Shalghins Kollege.

Der syrische Bademeister selber kämpft nur selten mit Verständnisproblemen: wenn die Kollegen all zu breit schwäbeln. Gefällt ihm seine Arbeit? „Sehr.“ Irgendwann, sagt er, möchte er aber seinen Master in Rechtswissenschaften machen.

Baderegeln und Schilder

Die Stadtwerke informieren jetzt auch auf sechssprachigen und bebilderten Plakaten und Flyern, was geht und was nicht: Gäste sollen vor dem Baden mit Seife duschen, Belästigungen jeglicher Art werden nicht geduldet, ins und ans Becken darf nur, wer Schwimm- und nicht Alltagskleidung trägt.

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01.08.2016, 01:30 Uhr

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