Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen




- ab 0 Jahren

Tagblatt-Wertung

Leser-Wertung

rating rating rating rating rating

Film bewerten

rating rating rating rating rating
24.11.2015

Sein zweiter Vorname Attila zählte zu den wenigen Überbleibseln, die den Tübinger Filmemacher Marcus Vetter, 40, an seinen Vater erinnerten. Cahit Cubuk lebte in den sechziger Jahren als Gastarbeiter in Deutschland, schwängerte – obwohl bereits verheiratet und Vater zweier Kinder – während einer kurzen Liebesbeziehung Vetters Mutter und ging noch vor der Geburt seines Sohnes zurück in die Türkei. Die junge Frau musste ihr Kind alleine aufziehen.

40 Jahre später will Marcus Vetter seinen Vater, den er als Siebenjähriger das einzige Mal gesehen hat, endlich richtig kennen lernen und entschließt sich zu einer Reise in das anatolische Dorf, wo der inzwischen 72 Jahre alte Mann mit seiner Frau und vier Töchtern lebt. Resultat der Begegnung ist der berührende Dokumentarfilm „Mein Vater, der Türke“, der schon mehrmals im Fernsehen gezeigt wurde und etliche Preise gewonnen hat. Jetzt ist er auch auf großer Kinoleinwand zu sehen – im Kino Museum mit deutschen und türkischen Untertiteln.

Der Empfang, der Vetter in der Türkei bereitet wird, ist warm und herzlich. Schnell bricht das Eis zwischen den bis dato unbekannten Verwandten. Zäher gestalten sich jedoch die Versuche, die Beweggründe seines Vaters zu erforschen. Hinter dessen Freundlichkeit verbirgt sich ein Verdrängungskünstler, der seine wahren Gefühle mit einer dicken Mauer umgibt und im Ernstfall nach Ausflüchten sucht. Deutlicher werden Vetters Halbschwestern, die keinen Hehl daraus machen, wie sehr sie unter der Abwesenheit des Vaters, der noch viele Jahre auf der Suche nach Arbeit um die Welt gezogen ist, gelitten haben – und später unter seinem Rückzug in eine Art innere Emigration.

Deutlicher wird auch Vetters Mutter Gerlinde, deren Tagebuch-Aufzeichnungen über ihre Sicht der Dinge aus dem Off von der Schauspielerin Corinna Harfouch vorgelesen werden – flankiert von privaten Fotografien und Filmaufnahmen aus den sechziger Jahren. Trotz des eher sachlichen Grundtons verhehlen die Worte kaum den Schmerz über die so unglücklich verlaufene Liebesbeziehung – ganz zu schweigen vom gesellschaftlichen Abseits, in das sie ihre „unmögliche“ Situation manövriert hat. Mit der Geburt ihres Sohnes wird das Leid freilich von der selbstbewussten Überzeugung überlagert, es auch alleine zu schaffen – damals eine überaus mutige Entscheidung.

So entfaltet sich Satz für Satz und Bild für Bild eine hoch emotionale Familiengeschichte, die auch das Zeug zum großen Spielfilm-Melodrama hätte – und nebenbei einen aufschlussreichen Blick auf ein halbes Jahrhundert Arbeitsemigration in Europa und ihre Folgen wirft. Der einzige, der in diesem dramatischen Geschehen ein bisschen unbeteiligt wirkt, zwischen seinen Rollen als neutraler Beobachter und emotionales Zentrum schwankt, ist Marcus Vetter selbst. Wie nahe ihm der Verlust seines Vaters ging, erschließt sich erst in einer der letzten Sequenzen: Da sieht man den alten Mann auf seinem neuen Moped ausgelassen im Kreis fahren – im Gegenschnitt mit einer Super-8-Aufnahme seines noch ganz jungen Sohnes allein auf einer Wiese.


Spielplan

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

24.11.2015, 12:00 Uhr | geändert: 07.08.2009, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.
 
Aus der Filmregion
Neueste Artikel
Cine-Latino-Gast Vincent Carelli fürchtet einen Staatstreich Komplott der Eliten gegen die Ureinwohner
Kuba zu Gast beim Cine Latino Die Zukunft hinter sich gelassen
Trickfilmfestival steht vor der Tür 1000 Filme an sechs Tagen
Zuletzt kommentiert
...  Der verschlungene Weg der suggestiven Ideen musste irgendwann auch bei der Angstvorstellung ankommen, dass sich schon ein Gedanke, eine Idee, einmal „eingepflanzt“, als leibhaftiges Monster manifestiert und innen und außen verschwinden. "The Bye Bye Man" geht diesen letzten Schritt mit erschreckender Konsequenz und überaus geschickter Dramaturgie: Während wir noch in der ersten Hälfte drei Jungakademiker beim Einrichten in ihrem neuen alten Haus beobachten dürfen (superbe Weitwinkelaufnahmen von immer irgendwie „falschen“ Räumen), geht es im zweiten Teil per Express ins Unterbewusste, wo der Bye Bye Man sich eingenistet hat. Und nun verändert sich auch die Wirklichkeit in einem Maße, dass ein Aufenthalt auf einem unbeschrankten Bahnübergang noch eine Erholung darstellt. "The Bye Bye Man" steht in einer kleinen, aber feinen ehrwürdigen Tradition von Horrorfilmen, die mit dem bloßen Erwähnen eines Namens und dem damit verbunden Schrecken spielen. ...
Peter Dorn über The Bye Bye Man
Aus der Filmwelt
Neueste Artikel
Happy birthday, Jack Nicholson! Killer-Smile, Genie und Verführer
Michael Ballhaus ist im Alter von 81 Jahren gestorben Der Zauberer mit der Kamera
TV-Zeitreise ins Berlin des Kalten Kriegs Romeo im Dienste der Stasi
Interview mit „Charité“-Regisseur Sönke Wortmann „Ich probiere gerne mal was Neues“
Deutscher Filmpreis: Acht für die Blumen „Toni Erdmann“ ist bei den Nominierungen zweiter Sieger
Neue Trailer
Neueste

Kino Suche im Bereich
nach Begriff