Im Libanon hat er weder Familie noch eine Zukunft

Hossam El-Sleiman hat einem Fußballer das Leben gerettet / Mitspieler kämpfen für sein Bleiberecht

Er hat im Laufe seiner sportlichen Karriere schon einige Auszeichnungen erhalten. Als Boxer war Hossam El-Sleiman 2008 in seiner Gewichtsklasse baden-württembergischer Meister und für die Olympischen Spiele in Peking nominiert. Ausreisen durfte er freilich nicht, weil sein Aufenthaltstatus schon damals ungeklärt war. Auch als Fußballer hat er schon einige schöne Erfolge gefeiert.

07.02.2017

Von Uschi Kurz

Der Libanese Hossam El-Sleiman soll abgeschoben werden, obwohl er seit fast 28 Jahren in Reutlingen lebt und gut integriert ist. Um das zu verhindern, haben seine Fußballfreunde vom Portugiesischen Verein eine Petition ins Leben gerufen.Bild: Haas

Doch auf eine Urkunde der Sepp-Herberger-Stiftung, die er Mitte Januar aus den Händen des ehemaligen Bundesligaschiedsrichters und WFV-Ehrenamts-Beauftragten Knut Kircher bekommen hat, ist der 30-Jährige zurecht besonders stolz: Denn Hossam El-Sleiman hat im Frühjahr 2015 auf dem Fußballplatz einem Mitspieler vom Centro Portugues (CP) Reutlingen das Leben gerettet, indem er instinktiv beherzt eingriff.

So richtig freuen kann sich El-Sleimann über die Auszeichnung freilich nicht. Obwohl er seit nunmehr 28 Jahren – mit einer kurzen Unterbrechung – in Deutschland lebt, droht ihm jetzt die Abschiebung in den Libanon. In ein Land, wo er, wie er selbst sagt, weder eine Familie noch eine Zukunft hat. Seine Familie, seine Freunde, alle leben hier: „Ich bin ein Reutlinger.“

Doch im Gegensatz zu seinen Geschwistern und den Eltern, die längst die deutsche Staatsbürgerschaft haben, war El-Sleiman bislang nur geduldet. Und das, räumt er offen ein, habe er sich selbst zuzuschreiben. Er war im Alter von 20 Jahren alkoholisiert in eine Schlägerei in einer Diskothek verwickelt. Es ging um ein Mädchen – der junge Mann schlug zu: „Ich habe einmal Mist gebaut und seither bereue ich es jeden Tag.“

Weil El-Sleiman damals schon aktiv boxt und wissen muss, was er mit seinen Fäusten anrichten kann, wertet der Richter den Angriff als schwere Körperverletzung: Der 21-Jährige wird zu einer neunmonatigen Bewährungsstrafe und 90 Arbeitsstunden in der Psychiatrie verurteilt. In der Bewährungszeit lässt sich El-Sleiman nichts zu schulden kommen. Trotzdem verlängert das Ausländeramt seine Bewährungsphase und verhindert so bis auf weiteres seine Einbürgerung.

Kurz vor Ablauf der Bewährung im Herbst 2012 erhält El-Sleiman einen Bußgeldbescheid, weil er sich nach einer Geburtstagsparty angeblich alkoholisiert ans Steuer gesetzt haben soll. Er schwört Stein und Bein, dass das nicht so gewesen sei: „Ich bin nur neben meinem Wagen gestanden.“ Er legt Widerspruch ein, doch der Richter glaubt ihm nicht. Und weil Zeugen seine Version bestätigen, wird er auch noch wegen Anstiftung zu Meineid verurteilt.

Damit war nicht nur sein Traum von der deutschen Staatsbürgerschaft ausgeträumt, er bekam auch noch den Abschiebebescheid. El-Sleiman war fassungslos: „Ich bin dem Staat noch nie auf der Tasche gelegen.“ Obwohl er wegen des ungeklärten Aufenthaltstatus eine selbstständige Tätigkeit aufgeben musste, hat er wieder Arbeit gefunden. Er ist Fahrer bei einer Spedition.

Da El-Sleiman bei einer Abschiebung in sein Heimatland durchaus Repressalien befürchten muss, hat sein Anwalt Manfred Weidmann Asyl für den jungen Mann beauftragt. Die Klage hat nun erst einmal aufschiebende Wirkung. „Wir brauchen jetzt einfach Geduld“, mahnt Weidmann zu Besonnenheit. Der Rechtsanwalt, der in Asylverfahren viel Erfahrung hat, hofft immer noch, dass die Reutlinger Ausländerbehörde die Ausweisungsverfügung aufhebt: „Das wäre optimal.“

In seiner Freizeit spielt Hossam El-Sleiman begeistert Fußball, seit vielen Jahren beim Portugiesischen Verein. Der Verein Centro Portugues Reutlingen ist sein zweites Zuhause geworden. Er ist stellvertretender Abteilungsleiter, spielt trotz einer Hüftoperation so oft wie möglich aktiv mit. Seine Freunde beim Verein sind es auch, die ihm Mut machen. Und mehr als das: Sie haben im Internet eine Petition initiiert, mit der die Abschiebung des 30-Jährigen verhindert werden soll.

Für Gilberto de Sousa, den Vorstand und Spielleiter der Fußballabteilung, ist es keine Frage, dass El-Sleiman bleiben muss: „Der gehört einfach zum Portugiesischen Verein.“ Sousa erinnert sich noch gut daran, wie El-Sleiman vor knapp zwei Jahren dem Mitspieler auf dem Fußballplatz das Leben gerettet hat. Nach einem Zusammenprall mit dem gegnerischen Torwart war Alexander Schäfer vom CP Reutlingen leblos auf dem Platz liegen geblieben und bekam keine Luft mehr, weil er seine Zunge verschluckt hatte. El-Sleiman erkannte die Gefahr, griff seinem Kumpel in den Mund und zog die Zunge nach vorne. Schäfer bekam wieder Luft. Jetzt war er einer der ersten, die die Petition unterzeichnet haben.

Auch auf die Familie des Reutlinger Theaterpädagogen Andreas Hoffmann kann El-Sleiman zählen. Sie unterstützt ihn, wo es geht. Auch zum Gespräch in der Redaktion des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs hat Andreas Hoffmann den Libanesen begleitet. Sein Sohn Jan, erzählt er, sei mit ihm in die Schule gegangen, seither sind die beiden eng befreundet. Jan Hoffmann hat auf „Zeit online“ ein Interview über seinen Freund veröffentlicht. „Hossam war schon öfter mit uns in Urlaub“, beschreibt sein Andreas Hoffmann das enge familiäre Verhältnis. Und er betont immer wieder, wie gut El-Sleimann integriert sei. Jetzt hofft seine ganze Familie, dass die Abschiebung des jungen Mannes noch verhindert werden kann.

Petition: Über 2500 Unterstützer für El-Sleiman

Mit einer Petition möchte der Portugiesische Verein Cento Protugues (CP) Reutlingen die Abschiebung seines Spielers Hossam El-Sleiman verhindern. Seit die Seite Anfang Januar eingerichtet wurde, haben bereits 2541 Unterstützer unterschrieben – und täglich werden es mehr. Wer die Petition für Hossam El-Sleiman unterschreiben möchte, kann dies per Online-Petition tun.

Zum Artikel

Erstellt:
7. Februar 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Februar 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Februar 2017, 01:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App