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Zynisch in die Zukunft
Wo steuert Deutschland hin? Juli Zeh zeichnet das düstere Szenario eines Landes ohne politische Haltung. Foto: Moment RF/Getty Images
Gesellschaft

Zynisch in die Zukunft

„Leere Herzen“, der neue Politthriller von Juli Zeh, spielt in einem Deutschland, in dem die Besorgte-Bürger-Bewegung regiert.

21.11.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. Wie lange noch regiert Angela Merkel? In dem neuen Roman von Juli Zeh ist ihre Zeit schon abgelaufen. Nach Neuwahlen ist die Kanzlerin weggespült worden von der Besorgte-Bürger-Bewegung (BBB): Mit einer Träne verließ Merkel nach ihrer letzten Pressekonferenz den Raum „und wirkte dabei plötzlich wie eine alte Frau“. In einem Deutschland der nahen Zukunft schnürt diese BBB nun in der zweiten Legislaturperiode ein „Effizienzpaket“ nach dem anderen: den Föderalismus abschaffen, nur noch fünf statt drei Verfassungsrichter, Zwischenprüfung in der Grundschule, um Versager früh auszusortieren, 15-Prozent-Hürde im Bundestag . . . Alles nach dem Normalmenschmotto: „Sehr demokratisch ist die BBB ja nicht, aber manche Ideen sind wirklich gut.“

Juli Zehs negative Utopie macht einen frösteln, weil diese Schriftstellerin unsere Wirklichkeit nur um ein paar Grad weiterdreht. Keine Rechtsradikalen haben die Macht übernommen, es ist keine in der Fiktion dick aufgetragene Diktatur, es ist eine erkennbare Gesellschaft. Zeh, die zuletzt in ihrem Mega-Bestseller „Unterleuten“ die Landlust der Großstädter aufs Korn nahm (und selbst in der brandenburgischen Pampa lebt), zeigt jetzt desillusionierte Besserverdienende und ehemalige Gutmenschen, die sich in einer absurden Trump-Welt von der Politik verabschiedet haben und es sich zynisch, haltungslos und auf Sauberkeit bedacht eingerichtet haben.

Britta heißt die Hauptperson: Politik empfindet sie wie das Wetter, „sie findet statt, ganz egal, ob man zusieht oder nicht, und nur Idioten beschweren sich darüber“. Daran, dass sie einmal vor vielen Jahren in der Wahlkabine stand und voller Überzeugung ihr Kreuz machte, erinnert sich Britta fast sentimental. Und sie leidet an „Paradoxie-Schmerzen“ – etwa der Sorte: „Nicht-Wähler gewinnen Wahlen, während engagierte Demokraten mit dem Wählen aufhören.“ Dabei war Deutschland in einer Zeit, als die Arbeitslosigkeit und die Zinsen auf historisch niedrigem Niveau lagen, einmal „das glücklichste Land der Welt“ gewesen, „ohne das auch nur im Ansatz zu merken“.

„Leere Herzen“ heißt der Roman: Das alles liest man jetzt nach den endlosen, aber gescheiterten Jamaika-Sondierungen in Berlin und mit Blick auf um sich selbst kreisende Politiker mit aktuell bitterer Verblüffung; das ist ein intelligent den Zeitgeist treffendes Buch. Und es ist auch ein flotter Politthriller, den die Autorin erzählt. Britta nämlich – verheiratet, eine siebenjährige Tochter – betreibt ein sehr erfolgreiches Start-up-Unternehmen: Hinter der psychologischen Praxis „Brücke“ verbirgt sich der erste und einzige „Terrordienstleister“ der Republik.

Geschäft mit Selbstmördern

Das Geschäftsmodell funktioniert so: Britta, abgebrochene BWL-Studentin mit Heilpraktikerlehre, und ihr Partner Babak, ein schwuler irakischer Computer-Nerd, haben einen komplexen Algorithmus entwickelt, der das Netz und jegliche Winkel menschlicher Kommunikation nach potenziellen Selbstmördern abfischt. Sie ermitteln auf einer Suizidalitäts-Skala deren Profil, und wer ins Programm einsteigen will, muss einen aufwändigen Eignungstest durchlaufen: von Waterboarding bis Scheinexekution. So erkunden sie, wer's wirklich ernst meint.

Selbstmord-Aspiranten, die aufgeben, sind praktisch geheilt: durch die Konfrontation mit dem eigenen Todeswunsch. Wer aber auf alle Fälle sterben will, so oder so, den vermittelt die „Brücke“ an Organisationen, die etwas mit den Selbstmördern anzufangen wissen. Zum Beispiel für „Green Power“ Walfisch-Kutter versenken. Eine Win-Win-Win-Situation. Und, ganz wichtig für Britta, es ist eine saubere Sache: Seit Trump und Putin den Syrien-Krieg beendet und mit dem Islamismus aufgeräumt hatten und seit der Dschihad seine Anziehungskraft verloren hat, sorgt die „Brücke“ als Dienstleister dafür, dass Einzeltäter nicht mehr anarchisch, in amokartigen Aktionen töten. Heilloser, zynischer geht's nicht.

Das ist die Ausgangssituation. Die toughe Britta hat sich pragmatisch auf Erfolgsfrau getrimmt: in piekfeiner Betonarchitektur in Braunschweig. Sie hat begriffen, „dass Großstadt out und Provinz kein Heilmittel für den abgerockten Metropolenwahn ist, da sich kein Übel mit dem Gegenmittel kurieren lässt“. So belächelt sie ihre mittellose Freundin Janina, die noch vom Häuschen auf dem Land träumt.

Aber dann sieht Britta im Fernsehen die Bilder von einem Terroranschlag auf dem Leipziger Flughafen. Ja, es waren Selbstmordattentäter, aber keine aus ihrem Stall. „Lassie“, ihr Algorithmus, hat im Gegenteil einen ganz niedrigen Wert für die zwei Männer berechnet. Was ist passiert? Wächst der „Brücke“ Konkurrenz? Brittas Leben gerät durcheinander und in Gefahr. Und so beginnt ein spannender Krimi mit einem überraschenden, sehr politischen Finale.

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21.11.2017, 06:00 Uhr
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