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Kommentar · Flüchtlingsdebatte

Zwischen Naivität und Panikmache

Ein alter jüdischer Witz erzählt, wie ein Mann zum Rabbi geht, seinen Streitfall vorträgt und die Antwort erhält: „Du hast recht.“ Dann kommt jemand von der Gegenseite. Auch ihm sagt der Rabbi: „Du hast recht.“ Schließlich meldet sich sein Schüler zu Wort: „Meister, es können doch nicht beide recht haben.“ Worauf dieser sagt: „Auch du hast recht.“

09.10.2015
  • Gernot Stegert

Das Schönste an diesem Rabbinerwitz ist, dass er Gelassenheit vermittelt, gerade für Situationen, in denen aufgeregt gestritten wird oder auch nur still die Faust in der Tasche geballt wird. Die Weisheit in der Pointe kann auch in der aktuellen Flüchtlingsdebatte helfen, die Balance zwischen Naivität und Panikmache zu wahren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Satz in die Welt gesetzt: „Wir schaffen das.“ Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer hat sich darüber im TAGBLATT wie im Fernsehen heftig geärgert und ratlos gefragt: Wie sollen die Flüchtlinge jetzt und langfristig versorgt werden, vor allem mit Wohnraum? Wer hat recht? Die Antwort lautet, ohne Witz: beide.

Ja, der Landkreis Tübingen, die Städte und Gemeinden, Hilfsorganisationen, Initiativen und Einzelpersonen in der Region mühen sich nach Kräften, das Leben der neu ankommenden Flüchtlinge so menschlich wie möglich zu gestalten. Und kommen doch an ihre Grenzen. Schon jetzt nimmt das Thema in Verwaltungen ein Drittel und mehr der Arbeitsressourcen in Anspruch, sind viele Ehrenamtliche erschöpft. Die hohe Zahl der Flüchtlinge in Ergenzingen und die chaotischen Zustände ihrer Ankunft sind das sichtbare Zeichen für Überforderung der Behörden in Land und Bund. Ja, die Herausforderungen beginnen erst: von der Integration der Flüchtlinge in Kitas und Schulen, Ausbildung und Arbeit, Versicherungs- und Gesundheitssystem bis zu Wohnbauprogrammen und vor allem dem Eingliedern in gesellschaftliche Grundlagen. Nur wenige Flüchtlinge haben Erfahrungen mit Demokratie, Freiheit, Gleichberechtigung der Geschlechter und mehr. Ja also, Palmers Sorgen sind sachlich berechtigt.

Ein Nein aber gilt dem pessimistischen Ton des Tübinger OB. Seine Skepsis klingt – wenn auch unbeabsichtigt – leicht nach Abwehr der Menschen. Das hat Folgen, wie aus der Debatte um die Integration von Migranten aus der Türkei bekannt ist. Wer nur die Probleme benennt, erzeugt eine Stimmung des Misstrauens, die zur Abgrenzung führt, zur sich selbst erfüllenden Unheilsprophezeiung wird. Ganz anders wirkt eine offene Grundhaltung, eine freundliche und zuversichtliche. In diesem Sinne ist auch Merkels „Wir schaffen das“ zu verstehen. Die Kanzlerin hat mehrfach klargestellt, dass sie nichts verharmlost, sondern eine harte historische Aufgabe bevorsteht. Mit einer positiven Grundhaltung aber lässt sich diese am besten lösen – und mit der Weisheit des Rabbis.

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09.10.2015, 12:00 Uhr
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