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Fernsehen

Zwischen Küche und Kommerz

Vor 65 Jahren bat Clemens Wilmenrod die deutschen Zuschauer erstmals zu Tisch. Eine Reihe von TV-Köchen folgte. Heute wird auf allen Kanälen gebraten und gebrutzelt.

20.02.2018

Von CORNELIA WYSTRICHOWSKI

Hat Spaß in der Küche: Vincent Klink. Foto: SWR/Alexander Fischer

Köln. Ob bei Tim Mälzer, Johann Lafer oder Vincent Klink: Im deutschen Fernsehen brutzeln prominente Köche fast rund um die Uhr – und das seit 65 Jahren: Am 20. Februar 1953, nur zwei Monate nach dem Start eines regelmäßigen Fernsehprogramms, flimmerte die erste deutsche Kochshow über den Bildschirm – die 15-minütige Sendung „Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch“, in der Fernsehkoch Clemens Wilmenrod (1906 – 1967) simple Rezepte wie Toast Hawaii oder Rumtopf präsentierte.

Freitagabends begrüßte Wilmenrod in den 50er und 60er Jahren seine Zuschauer mit blumigen Floskeln wie „Ihr lieben, goldigen Menschen“ oder „Liebe Brüder und Schwestern in Lucullus“. Er stammte aus dem Westerwald, hieß eigentlich Carl Clemens Hahn und war gelernter Schauspieler. Als er nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Engagement dastand, machte er dem damaligen Hamburger Sender NWDR seine Idee einer Kochshow schmackhaft.

Flugs eignete sich Wilmenrod die Grundlagen des Kochens an und eroberte die Herzen der Zuschauerinnen im Sturm. Das Erfolgsrezept des Mannes mit dem filouhaften Charme: Einfache Gerichte garnierte er mit hochtrabenden Namen, die das wachsende Bedürfnis jener Zeit nach Exotik bedienten. Ein schlichtes Hackfleischgericht nannte er etwa „Arabisches Reiterfleisch“ und behauptete, er habe es im Libanon im Schatten eines Beduinenzelts kennengelernt. Dass seine Frau Erika ihm Papptafeln hochhalten musste, damit der Kultkoch das Salzen oder Umrühren nicht vergaß, störte keinen.

Weil ihm seine Kritiker Schleichwerbung, Dilettantismus und Rezepteklau vorwarfen, flog Wilmenrods Sendung 1964 aus dem Programm, drei Jahre später nahm er sich das Leben.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Wilmenrod seine Monopolstellung als Fernsehkoch schon verloren. So stand ab 1958 im DDR-Fernsehen Kurt Drummer in „Der Fernsehkoch empfiehlt“ am Herd, und in den 70er Jahren kochte Max Inzinger in der ZDF-Sendung „Drehscheibe“. Sein einprägsamer Satz „Ich habe da schon mal was vorbereitet“ ist bis heute unvergessen.

In den 90er Jahren begann dann der Boom der bis heute populären Kochshows, bei denen die Unterhaltung und nicht mehr der Servicecharakter im Mittelpunkt steht. Alfred Biolek läutete 1994 mit „Alfredissimo“ die Ära der Talk-Kochshows ein, und beim „Kochduell“ auf Vox wurde die Zubereitung von Speisen 1997 zu einem Wettstreit, der mit häuslichem Kochen ungefähr so viel zu tun hat wie Wrestling mit echtem Sport: Hauptsache, die Show stimmt.

Mittlerweile ist das Programm übersättigt mit Rezeptformaten in den unterschiedlichsten Ausprägungen – ein erstaunliches Phänomen, wo doch immer weniger Menschen regelmäßig selber am Herd stehen. In „Das große Backen“ auf Sat?1 etwa geht es um die tollsten Torten, in „Das perfekte Dinner“ (Vox) laden sich Amateure gegenseitig zum Essen ein. Im ZDF schart Johannes B. Kerner in „Kerners Köche“ Starköche um sich. Ratgebersendungen wie „Kaffee oder Tee“ (ARD) haben durchweg ihre eigene Kochecke.

Was sich seit den Zeiten von Clemens Wilmenrod nicht geändert hat ist die Nähe von Küche und Kommerz: In vielen Sendungen blitzt auf teuren Töpfen und anderen edlen Utensilien gut sichtbar das Logo des Herstellers, zum Product Placement in Kochshows gibt es sogar eigene Fachliteratur. Fernsehköche wie Johann Lafer oder Alfons Schuhbeck werfen nicht nur Kochbücher, sondern auch Utensilien wie Gemüsemesser und Pfeffermühlen auf den Markt.

Der Urvater der deutschen Fernsehköche: Clemens Wilmenrod. Foto: NDR

Kochende Seiteneinsteiger: der Schauspieler Erol Sander (l.) und Alfred Biolek. Foto: Michael Fehlauer/WDR

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Erstellt:
20. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2018, 06:00 Uhr

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