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Literatur

Zwischen Kinski und Kuckucksnest

„Golden House“ fächert ein Panoptikum amerikanisch-westlicher Kultur auf. Der neue Roman von Salman Rushdie erinnert an sein Meisterwerk „Mitternachtskinder“, ist aber leichter zu entschlüsseln.

08.09.2017
  • CLAUDIA REICHERTER

New York. Drei Zitate stellt Salman Rushdie seinem neuen Roman „Golden House“ voran. Im ersten geht es ums Alte Rom und seine „goldenen Geschichten“. Im zweiten um ein aktuelleres, dem Wesen nach tragisches Zeitalter. Und im dritten konstatiert Filmemacher François Truffaut, „La vie a beaucoup plus d'imagination que nous“, das Leben habe viel mehr Fantasie als wir. Bei Rushdie, einem der größten lebenden Geschichtenerzähler, der im Juni trotz einer 1989 gegen ihn ausgesprochenen Fatwa Ajatollah Khomeinis sein 70. Lebensjahr vollendet hat, geschieht nichts ohne Grund. Ergo reißt das Dreifachmotto gleich die Kernthemen dieses fulminanten Alterswerks an: Gold, also Reichtum. Tragödie. Und das wahre Leben.

Das kann in seinem stupenden Einfallsreichtum und Überschwang noch dem versiertesten Erzähler den Wind aus den Segeln nehmen. Damit scheint Rushdie gerungen zu haben während der Arbeit an „The Golden House“, für das der deutsche Verlag weder „Das Haus Golden“ noch „Im Hause Golden“ als passende Entsprechung wählte, sondern stattdessen erstaunlicherweise lieber den englischen Titel seines Artikels beraubte.

Ein „Gatsby“ der Trump-Ära

Im rushdietypisch dichten Erzählgewebe ragen neben raffiniert eingeflochtenen Exkursen in die Kultur-, Geistes- und Filmgeschichte immer wieder aktuelle, politische Kommentare auf. Die charakterisieren den derzeitigen US-Präsidenten in der Gestalt der Comic-Figur „Joker“ so gnadenlos treffend, dass man schon Angst haben kann, der 1947 im indischen Bombay geborene Autor, der zehn Jahr lang im Untergrund leben musste, könnte sich damit weiterer Lebensgefahr aussetzen.

„Golden“ ist in dieser an F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“ (1925) ebenso wie an Tom Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“ (1987) erinnernden und an Rushdies eigenes frühes Meisterwerk „Mitternachtskinder“ (1981) heranreichenden Familiensaga zuallererst ein Name. Das 70-jährige Sippenoberhaupt, ein „nach Herrscherwürde drängender“ indischer Immobilienhai und Geldwäscher, nennt sich nach der Übersiedlung nach New York in Anspielung auf den letzten julisch-claudischen Kaiser der römischen Antike Nero Julius Golden. Seine drei erwachsenen Söhne dürfen sich jeweils eigene Vornamen aussuchen – und greifen ebenfalls auf die römische Historie sowie die griechische Mythologie zurück: der älteste, Petronius, genannt Petya, ein genialer Sozialphobiker mit angeknackster Seele; der mittlere, Lucius Apuleius, genannt Apu, ein geschmeidig-charmanter Künstler; und schließlich Dionysos, kurz D, der sich zusehends im Dschungel der Identitätenwahl und Gendervielfalt verliert.

Um sie herum schwirren zwei Drachendamen als Haushälterinnen, diverse lebende, verstoßene und tote Mütter und Stiefmütter, etliche traumhafte Freundinnen, helikopterartige Exen, Nachbarn, Galeristen, Therapeuten und die neue Frau an Neros Seite, eine schöne machthungrige Russin mit Hexenanteil. Dieses bunte, vielfältige Völkchen rund ums Haus Golden, einen „Palast der Illusionen“ im idyllischen Macdougal-Sullivan Gardens Historic District von Greenwich Village, bietet reichlich Potenzial für Tragödien klassischen Kalibers.

Der Protagonist von Salman Rushdies 13. Roman ist jedoch ein postmodern unzuverlässiger Ich-Erzähler, der sich mit den an Herman Melville angelehnten Worten „Nenne mich René“ vorstellt: angehender Filmemacher, Sohn humanistisch gebildeter Professoren, Partner der wunderbar klar sehenden und Klartext sprechenden Suchitra, der als selbsternannter Chronist fatalerweise die Grenze zum Mitwirkenden überschreitet.

Minutiös verknüpft René sämtliche Fäden – Fragen um Gut und Böse, Schicksal und Zufall, Schuld und Sühne, Liebe und Tod –, kreiert ein gigantisches Spiegelkabinett der westlichen Kultur, das zwischen Kinski und Kuckucksnest mit unzähligen Verweisen und Anspielungen ähnlich fesselnd ist wie „Midnight's Children“ – aber für westliche Leser leichter zu entschlüsseln.

Über allem wabert die bange Frage des Jahres 2016: „Was, wenn der Joker über Batwoman siegt?“ Das Ende von Rushdies sprühendem Fabulieren bedeutet das nicht. Wohl aber das Ende eines guten Teils dieser „Leute, die ständig etwas vortäuschen, Schwindler, Erfinder, wandelbare Gestalten, sprich Amerikaner“, wenn der Autor sein finales kathartisches Fegefeuer wüten lässt.

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08.09.2017, 06:00 Uhr
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