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Zwischen Hoffnung und Skepsis
Parlamentssprecher Win Myint (2. von links), der zum Präsidenten gewählte Htin Kyaw (2. von rechts) und Aung San Suu Kyi im Parlament in Naypyidaw. Foto: afp
Myanmar steht vor einem Neuanfang - Erster ziviler Präsident seit 50 Jahren gewählt

Zwischen Hoffnung und Skepsis

Die einstige Militärdiktatur Myanmar könnte sich zu einer Demokratie entwickeln. Doch der politische Umschwung steht noch auf wackeligen Beinen, die Bevölkerung bleibt skeptisch.

16.03.2016
  • KLEMENS LUDWIG

Naypyidaw. Wenn Sein Li auf die Demokratisierung in seiner Heimat angesprochen wird, antwortet er mit einem gequälten Lächeln. Wie nahezu alle Menschen in Myanmar hofft er, dass sich mit dem Wahlsieg der oppositionellen NLP von Aung San Suu Kyi das Land verändert.

Die Erinnerungen an die Willkür der Militärs sind noch frisch. Sie machen es Sein Li schwer, der Entwicklung zu vertrauen. Er ist Kachin, eine überwiegend christliche Minderheit im Norden des Landes. Seit der Unabhängigkeit kämpfen die Kachin, wie andere ethnische Gruppen, für mehr Selbstbestimmung. Die letzten großen Offensiven der Armee vertrieben 2012 und 2015 Zehntausende aus ihren Dörfern. Doch Sein Li wollte die Vertreibung nicht hinnehmen. Heimlich machte sich der 36-Jährige mit drei Freunden auf den Weg, um nach den Feldern zu schauen. Die kleine Gruppe wurde von einer Militärpatrouille aufgegriffen und verhaftet. "Mitgliedschaft in der KIA, der Kachin-Armee", lautete der Vorwurf. Dafür gab es zwei Jahre Gefängnis. Sein Li streitet jede Verbindung zur KIA vehement ab.

Die Kachin sind nicht die einzigen, die der demokratischen Entwicklung mit Skepsis begegnen. Im benachbarten Shan-Staat wird immer noch gekämpft. Etwa 130 000 Menschen, 80 000 Kachin und 50 000 Shan, leben als Binnenflüchtlinge in Lagern. Ihre Versorgung ist dank internationaler Hilfe gewährleistet. So engagiert sich die Deutsche Welthungerhilfe. Gemeinsam mit einheimischen Organisationen ermöglicht sie über die Versorgung hinaus Schulunterricht und Berufsausbildung. Myanmar ist ein Vielvölkerstaat, auch wenn das Staatsvolk der Burmesen gut zwei Drittel der 53 Mio. Einwohner stellt. Die nicht-burmesischen Völker bewohnen mehr als die Hälfte der Staatsfläche. Seit der Unabhängigkeit 1948 war die ethnische Vielfalt immer wieder Anlass für blutige Bürgerkriege, die durch Drogen, Edelsteine und Holz finanziert wurden. Teilweise hatten sich ein Dutzend ethnische Guerillagruppen gegen die Zentralregierung erhoben.

Die abgewählte Militärregierung sendet widersprüchliche Signale. Im Vorfeld der Wahlen hatte sie sicher gestellt, dass drei Schlüsselministerien in ihrer Hand bleiben, das Innen-, Verteidigungs- und Grenzministerium. Das sorgt für Skepsis. Doch es gibt Hoffnungsschimmer, die Militärs riefen zu Friedensverhandlungen auf. Acht Guerillagruppen haben inzwischen einen Waffenstillstand unterzeichnet. "Bei einer wirklichen Demokratisierung muss sich das Militär der gewählten Regierung unterstellen und aus unseren Dörfern zurückziehen", fordert Daw Seng Pan, die für ein großes Flüchtlingslager nahe der Provinzstadt Mansi verantwortlich ist.

Mehr als 1000 Kilometer südlich, in der Metropole Yangon, zeigt sich ein entspanntes Bild. Noch vor wenigen Jahren hielt Angst die Menschen fest im Griff. Wenn nur der Name Aung San Suu Kyi fiel, drehten sie sich auf dem Absatz um; es könnte ja ein Spitzel mitbekommen haben. Diese Angst ist verschwunden. Das zeigt nicht nur die allgegenwärtige Präsenz der Nationalheldin, die wie eine Heilige verehrt wird. Poster und Kalender mit ihrem Konterfei werden an jeder Straßenecke angeboten; auch ihre Bücher sind überall zu erwerben.

Die Militärs haben die Wahlniederlage akzeptiert. Auch wenn Aung San Suu Kyi aufgrund ihrer Ehe mit einem britischen Staatsbürger nicht Präsidentin werden kann, hält sie die Fäden in der Hand. Gestern wurde ihr Vertrauter Htin Kyaw im Parlament zum Präsidenten gewählt.

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16.03.2016, 08:30 Uhr
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