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Eingeschlossen im Gedankenraum

Zwischen Attacke und leisem Stillstand: "Fidelio" an der Oper Stuttgart

Lodernde Flammen gewissermaßen aus dem Orchestergraben, aber auf der Bühne eine unterkühlt gespielte Story: Ludwig van Beethovens "Fidelio" an der Oper Stuttgart. Viel Beifall und auch Buhs.

27.10.2015
  • JÜRGEN KANOLD

Stuttgart Zu Beethovens Zeiten wurden noch keine Kanzlerinnen-Handys abgehört, aber auch der "Fidelio"-Gefangenenchor von 1814 warnt im Staatsgefängnis: "Sprecht leise, haltet euch zurück! /Wir sind belauscht mit Ohr und Blick." Man muss nun wirklich nicht über die Relevanz dieser gut 200 Jahre alten Oper grübeln.

Auch ein jetzt wieder im Stuttgarter Programmheft zitierter Satz Theodor W. Adornos gilt unverdrossen: "Vielleicht ist das Nicht-Veralten Beethovens nichts anderes als dass seine Musik noch nicht von der Wirklichkeit eingeholt ist: ,Realer Humanismus'". Diese "Gattenliebe" Leonores bleibt ein Ideal, ebenso ihre "emanzipatorische Zivilcourage". Und das alles verschlingende Freiheitspathos in einer sehr aktuellen Oper fesselt und irritiert gleichermaßen.

In diesem Gedankenraum spielt die Inszenierung Jossi Wielers und Sergio Morabitos: real und konkret, aber in distanzierter Künstlichkeit zum Alltag der Straße. Eine gleißend weiß ausgeschlagene Bühne, in der Mitte eine graue Garage mit Sehschlitz; Mikrofone hängen von der Decke: offene Verwanzung. Eine Hollywood-Schaukel steht für die biedere Bürgerlichkeit der Wärter und ächzt unter der Last Roccos (Roland Bracht). Was die Kisten enthalten, die vom Förderverband fallen und die Jaquino (Daniel Kluge) öffnet und wieder verklebt, bleibt ein Rätsel. Eine Anzeigetafel für die Übertitel beherrscht zudem die Szenerie (der letzte Bühnenraum des verstorbenen Bert Neumann): Der darauf notierte gesprochene, gesungene Text könnte auch ein Überwachungsprotokoll sein; nur leider fehlt's an Timing. Im zweiten Akt wechselt alles auf Schwarz: "Gott! Welch' Dunkel hier." Der vortreffliche, sehr fokussierte Tenor Michael König erinnert sich als gedemütigter, verzauselter Florestan an des Lebens Frühlingstagen.

Da wird nichts politisch plakativ ausgespielt, die Story ist einfach; die Szenerie richtet den Spot eigentlich auf die von der Musik beseelten Menschen. Nur fehlt seltsam die Emotion in dieser Inszenierung. Nicht nur, wenn der hervorragend singende Gefangenenchor in beglitzerten, gelben, asiatisch geschneiderten Kostümen (Nina von Mechow) eine Polonaise joggt. Guantánamo Camp, aber ganz putzig.

Das Problem liegt vielleicht darin, dass die szenischen und musikalischen Aggregatszustände nicht zusammenpassen. Wieler/Morabito sind um eine Ehrenrettung der oft verschmähten Dialoge des "Fidelio" bemüht und pochen auf ein tatsächlich leises, zurückhaltendes Sprechen. Sie setzen lange, reflektierende Pausen. Das ist eine interessante Schauspielstudie. Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling aber greift gewissermaßen von der anderen Seite an, entfesselt Beethoven con brio, befeuert - auch mal ohne Rücksicht auf Klangverluste - das runtergekühlte Spiel. Er zieht heftig das Tempo an, als ob er der Aktion einen neuen Rhythmus verordnen müsste. Das ist auch spannend, geht aber freilich zu Lasten der Balance. Auch überdeckt Cambreling damit die Sänger zuweilen.

Wie das ausgeht? Gut, im besinnungslosen Taumel. Man hört endlich zu, nicht nur ab. Don Pizzaro (Michael Ebbecke rechtschaffen böse) wird ins Loch gestoßen. Die von Rebecca von Lipinski liebevoll, aber nicht gerade furios dramatisch gesungene Leonore befreit nicht nur Florestan und sich selbst zur Frau, sondern entdeckt auch in der Garage den Aktenvernichter des Terror-Systems. Menschenschicksale sind geschreddert worden, neue Leben können beginnen.

Auch Buhs für das Regieteam, sonst ordentlicher Premierenjubel.

Info Nächste Aufführungen: 30. Oktober; 3.,5., 8., 12., 15. November.

Zwischen Attacke und leisem Stillstand: "Fidelio" an der Oper Stuttgart
Das letzte Bühnenbild des Ende Juli verstorbenen Bert Neumann: ein weißer, mit Mikrofonen verwanzter Raum für Beethovens "Fidelio" in Stuttgart. Foto: A. T. Schaefer

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27.10.2015, 12:00 Uhr
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