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Bis auf die Knochen

Zwischen Appetit und Ekel: "Fleischeslust" im oberschwäbischen Museum Villa Rot

Eine brutal gute Idee hatte man da im Museum Villa Rot: "Fleischeslust" heißt die neue Ausstellung, die buchstäblich an die Eingeweide geht.

23.10.2015
  • LENA GRUNDHUBER

Burgrieden/Rot Reingesetzt hat sich noch niemand. Der Sessel sieht abgewetzt aus und riecht komisch. Dabei ist sein Bezug erst vor zwei Wochen spezialangefertigt worden. Aus etwa 40 Kilo Rindfleisch. "Chair Apollinaire" hat ihn die Künstlerin Jana Sterbak genannt und spielt damit auf die Vorlieben des Dichters an: Das Bett benutzte der nur zum Schlafen, für alles andere war der Sessel da. Das müffelnde Möbel verkörpert zweideutig die "Fleischeslust" - so heißt die Ausstellung in der Villa Rot, die hinreißend unbekümmert um Geschmacksfragen ihr Thema verwurstet.

Selten gelingt es einer Schau, den Besucher von Kopf über Nase bis zu Herz und Magen derart zu beanspruchen. Es sei ja auch das erste Mal, dass Fleisch im Museum umfassend behandelt werde, verkündet Chefin Stefanie Dathe stolz. Ausgehend von der Ästhetik fotografischer Stillleben von Vera Mercer arbeitet sich die Schau von Hackfleisch zu Wurstteppich, unter die Oberfläche und die Haut. Fleisch ist nicht mehr nur Motiv, sondern Material der Kunst. Jana Sterbak, die sich Jahrzehnte vor Lady Gaga in ein "Fleischkleid" gehüllt hat, erklärt, warum uns das so angeht: "Fleisch ist ein sehr viel emotionalerer Stoff als jeder andere - es führt uns unsere animalische Natur vor."

Nicht nur die Tiere sind aus Fleisch, wir sind es auch. Nur denken wir ungern drüber nach, denn dann könnte man zu dem Schluss von Francis Bacon kommen: Immer wenn er beim Metzger sei, wundere er sich, dass da ein Tier liegt und nicht er selbst, schrieb der Künstler.

Was da in uns drin sein könnte, hat Ian Haig ans Licht gezerrt: Ein surreales "Some Thing" atmet gespenstisch unter Hermann Nitschs Tierblutorgien. Und so taumelt man zwischen Appetit und Ekel, lässt sich anmachen vom Speckberg Cindy Wrights und abtörnen von Speckschwarten der Filderbahnfreundemöhringen, die "Made in Germany" wörtlich nehmen. Wie Lust in Gewalt kippt, führt Sarah Lüdemann vor - im "Schnitzelporno" streichelt sie ihr Schnitzel zärtlich. Um es dann in Fetzen zu schlagen.

Da klingt es schon an, unser Verdrängungsverhältnis zum Fleisch, das wir verzehren. Etwas didaktisch stößt uns Miriam Songster drauf. Ein Pfad führt uns wie das Schwein zur Schlachtbank zu Bildern von Massentierhaltungsanlagen. Subtiler pirscht sich Francisco Sierra in "Porträts" von Supermarktfleisch heran. Durch feinste Zeichnung verleiht er ihnen eine Aura von Kostbarkeit. Auch der "Fleischproduzent" hat seinen Auftritt. Im Garten wird ein Gehege mit Tieren besiedelt - unter der Devise "Fütter dein Essen". Die nackte Wahrheit kann so blutig sein wie ein rohes Steak, auch in Eva Heldmanns Video. Zu Brechts Song vom "Surabaya Johnny" - "warum bist du so roh?" -, inszeniert die nackte Künstlerin die tragische Liebe zu einem Steak. Am Ende zerquetscht sie den Kummer. Und setzt sich drauf.

Info "Fleischeslust" bis 21. Februar in der Villa Rot in Burgrieden/Rot.

Zwischen Appetit und Ekel: "Fleischeslust" im oberschwäbischen Museum Villa Rot
Museumschefin Stefanie Dathe vor dem spektakulären Rindfleischsessel von Jana Sterbak. Foto: dpa

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23.10.2015, 12:00 Uhr
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