Gesundheit

Zweifel an Schutzmasken

Vom Land an Lehrer verteilte Ausrüstung verunsichert Pädagogen. Ministerin Eisenmann fordert Aufklärung, der Philologenverband verlangt Tests.

30.12.2020

Von AXEL HABERMEHL

Stuttgart. Von der Landesregierung an die baden-württembergischen Schulen ausgelieferte Schutzmasken haben unter Lehrern Verunsicherung und Kritik ausgelöst. Beim Kultusministerium sowie bei Gewerkschaften und Verbänden sind etliche entsprechende Beschwerden eingegangen. Lehrer beklagen, dass Masken der Qualitätsklasse FFP2 angekündigt waren, jedoch solche der Klasse KN95 geliefert wurden. Zudem zweifeln sie die Qualität an.

Auf den Masken sei kein CE-Siegel aufgedruckt, sie röchen unangenehm nach Chemie. Eine Lehrerin berichtet in einem Schreiben an den Philologenverband, sie habe eine Maske „kurze Zeit getragen und sofort an den Auflagerändern im Gesicht einen (allergischen) roten Hautausschlag bekommen, der erst nach einiger Zeit wieder verschwunden ist“. Ein Schulleiter sagt: „Das Misstrauen im Kollegium gegen diese Masken ist sehr groß. Nur die wenigsten tragen sie. Wer Wert darauf legt, eine FFP-2-Maske zu tragen, beschafft sich selbst welche.“ Ralf Scholl, Landesvorsitzender des Philologenverbands, fordert Nachtestungen der Masken. Sonst müssten sie aus dem Verkehr gezogen werden.

Die Masken, um die es geht, stammen aus chinesischer Produktion der Firmen Ryzur und Freshing. Beschafft hat sie das Landes-Gesundheitsministerium, nach eigener Aussage im Frühjahr und „in Zusammenarbeit mit der Marktüberwachungsbehörde“. Vermittelt habe beim Kauf die Firma Porsche. Auf Beipackzetteln, die dieser Zeitung vorliegen, sind Herstellungsdaten aus dem Mai vermerkt.

Das Ministerium betont, der Hersteller habe 14 Tage nach Zuschlag ein Zertifikat der Prüfgesellschaft Dekra vorgelegt. Zudem seien die Masken geprüft worden. Jedoch bestätigt die Dekra einen „Spiegel“-Bericht, wonach sie diese Masken nicht geprüft habe. Das entsprechende Logo sei eine Fälschung, man prüfe rechtliche Schritte.

Laut Ministerium wurde eine „zweistufige Qualitätsprüfung“ vorgenommen. Die KN95-Masken seien am Flughafen Shanghai durch TÜV-Mitarbeiter anhand einer Checkliste geprüft worden. In Deutschland hätten dann hinsichtlich Filterleistung und Atemwiderstand stichprobenartig Laboruntersuchungen stattgefunden. Die Masken wurden vor allem an Schulen, aber auch andere Einrichtungen geliefert. Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Gesundheitsminister Manfred Lucha (beide Grüne) tragen sie im Dienst.

Masken waren zu Beginn der Pandemie ein knappes Gut, das vor allem in China beschafft wurde. Weil der Bedarf so groß war, wurden befristet Standards gesenkt. Deutschland erkannte zwischen März und Oktober auch Material als verkehrsfähig an, das zwar grundsätzlich dem EU-Standard entspricht, nicht jedoch den formalen Vorgaben. „Diese Ausnahme galt ausdrücklich auch für den chinesischen Standard KN95“, erklärt das Gesundheitsministerium. Seit Oktober ist eine CE-Kennzeichnung auf FFP-Masken wieder verpflichtend – jedoch nur für Masken, die neu in Verkehr gebracht werden, nicht für bereits im Handel befindliche oder vorher beschaffte.

Die Verteilung der vom Land als „FFP2-Masken“ bezeichneten Ware übernahm das Kultusministerium. 8,4 Millionen Stück lieferte es allen weiterführenden Schulen und kündigte weitere 24 Millionen an. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sagt nun, sie habe Verständnis für die Sorgen der Lehrer im Hinblick auf die Qualität der Masken. Sie sei „natürlich davon ausgegangen, dass es sich um einwandfreie und zertifizierte Ware handelt. Ich erwarte, dass Minister Lucha die von der Dekra erhobenen Vorwürfe, wonach diese Masken nicht verkehrsfähig seien, zügig und fundiert entkräften kann.“

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Erstellt:
30. Dezember 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
30. Dezember 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. Dezember 2020, 06:00 Uhr

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