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Unfallursache bleibt rätselhaft: Land nach Entgleisungen in Sorge

Zwei weitere Weichen mit gleichem Radius im Gleisvorfeld

Die Landesregierung hegt nach den mehrmaligen Zugentgleisungen Zweifel an der Sicherheit des Bahnverkehrs im Stuttgarter Hauptbahnhof. Man sei "derzeit nicht in der Lage" dies abschließend zu beurteilen.

07.11.2012

Von OLIVER STORTZ

Stuttgart In Stuttgart wurde jetzt bekannt, dass neben der unfallträchtigen Weiche 227 zwei weitere Weichen mit dem gleichen Radius im Gleisvorfeld eingebaut sind. An der Weiche 227 waren im Juli und September jeweils mit Passagieren besetzte Intercity-Züge und Anfang Oktober ein Testzug entgleist.

Das Verkehrsministerium verweist in seiner Antwort auf eine Landtags-Anfrage der Grünen, die unserer Redaktion vorliegt, auf eine Stellungnahme der Bahn. Darin heißt es, es könne "von einem absolut regelkonformen und sicheren Infrastrukturzustand über alle Gewerke hinweg ausgegangen werden". Hermann erklärt jedoch, die Landesregierung sei angesichts der Vorkommnisse "in großer Sorge". Grünen-Fraktionsvize Andreas Schwarz, der die Anfrage an das Verkehrsministerium gestellt hatte, mahnte das Eisenbahn-Bundesamt zu rascher Aufklärung. "Solche Vorfälle, wie sie sich im Sommer und im Herbst ereignet haben, dürfen nicht mehr vorkommen", sagt der Kirchheimer Abgeordnete.

Die Ursache für die dreimaligen Entgleisungen ist weiter rätselhaft. Experten mutmaßen, sie könnten Folge sogenannter Überpufferungen sein. Dabei schieben sich die Puffer der Waggons hintereinander und verkanten, wenn der Kurvenradius zu eng wird. Nach der Kurve hebeln sich die Wagen regelrecht aus dem Gleis. Der Effekt tritt vor allem bei lokbespannten, geschobenen Zügen auf. Im Stuttgarter Fall wurde auch spekuliert, welche Rolle der in den Intercitys eingereihte Speisewagen spielt - erst ist gut einen Meter länger als die Reisezugwagen und zeigt folglich ein anderes Kurvenverhalten.

Die Bahn sieht es derweil nicht als erwiesen an, dass die Weiche 227, an der sich alle drei Unfälle ereigneten, auch ursächlich für die Entgleisungen ist. In der Stellungnahme des Ministeriums heißt es, im Gleisvorfeld gebe es zwei weitere baugleiche Weichen. Ein Bahnsprecher erklärte jedoch auf Nachfrage, diese Angabe beziehe sich auf einen provisorisch hergestellten Zustand nach dem Unfall am 29. September und sei mittlerweile überholt. Korrekt sei jedoch, dass die Weichen 218 und 228 den gleichen Radius hätten wie die in Verdacht geratene Weiche 227. Bei dieser handele es sich jedoch um eine sogenannte Doppelkreuzungsweiche, die in vier Richtungen befahren werden kann.

Die Weiche 227 wurde mittlerweile zwar erneuert, darf auf Anordnung des Eisenbahnbundesamtes aber weiterhin nicht in alle Richtungen befahren werden. Zum Gleis 10 besteht derzeit keine Fahrstraße. Von den 16 Gleisen im Kopfbahnhof stehen somit nur 15 zur Verfügung. Dies führe vereinzelt zu Verspätungen, sagt der Bahnsprecher.

Die Bundesregierung relativierte in einer Stellungnahme zu den Vorfällen im Stuttgarter Hauptbahnhof unterdessen Spekulationen über einen Zusammenhang mit den Bauarbeiten für Stuttgart 21. Der betreffende Gleisabschnitt sei zwar im Zuge der Vorbereitungen für den Bau des neuen Tiefbahnhofs im Februar 2011 umgebaut worden. Seitdem hätten jedoch zahlreiche Züge das Gleis "ohne Beanstandungen befahren".

Aus dem Papier des Bundesverkehrsministeriums geht auch hervor, dass seit Anfang 2011 im Bereich des Hauptbahnhofs noch vier weitere Züge entgleist sind, drei davon bei Rangierfahrten. Alle diese Unfälle führt das Eisenbahnbundesamt auf menschliches Versagen zurück.

Bedarf für Verbesserungen an ihrem Sicherheitskonzept sieht die Bahn laut der Stellungnahme des Landesverkehrsministeriums unterdessen nicht. Nach der Entgleisung des Intercitys am 29. September war immer wieder kritisiert worden, dass die Reisenden eine Stunde lang im Zug verharren und anschließend von der Feuerwehr mit Drehleitern evakuiert werden mussten.

Am 29. September entgleiste an Weiche 227 der Intercity nach Hamburg-Altona. Seitdem forscht das Eisenbahnbundesamt nach der Ursache. Foto: dpa/Marijan Murat

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Erstellt:
7. November 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
7. November 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. November 2012, 12:00 Uhr

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