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Gewaltspirale durchbrochen

Zwei Tübingerinnen haben eine Doku über Versöhnung im Nahen Osten gedreht

Die Ehefrau eines jüdischen Terroropfers reicht der Familie des palästinensichen Attentäters die Hand zur Versöhnung. Diese Geschichte erzählt der Dokumentarfilm "Nach der Stille", gedreht von den Tübingerinnen Jule Ott und Stephanie Bürger. Am heutigen Donnerstag startet er im Kino Museum; zur Vorstellung am Samstag, 24. September, kommt auch die Heldin des Films, die Israelin Yaël Chernobroda.

21.09.2011

Von Klaus-Peter Eichele

Yaël Chernobroda und Nadije Tobassi (mit Kopftuch), die Mutter des Attentäters, bei der finalen Versöhnung in Jenin.

Jüdische Soldaten schießen gezielt auf arabische Zivilisten, behauptet der Mann von den Al-Aksa-Brigaden. Palästinenser gaukeln der Weltöffentlich­keit durch den Gestank verwesender Ziegen ein israelisches Massaker vor, hält die andere Seite dagegen. Soweit das übliche Propaganda-Sperrfeuer, das der Film "Nach der Stille" beiläufig abhakt. Es geht aber auch anders in Nahost.

Am Ende des Dokumentarfilms sitzen Juden und Palästinenser friedlich plaudernd bei Kaffee und Kuchen zusammen. Kennt man die Vorgeschichte, kommt das - übrigens streng nach Geschlechtern getrennte - Kränzchen fast einem Wunder gleich. Denn nach der üblichen Kriegslogik hätte die Israelin Yaël Chernobroda, die mit Freunden nach Jenin in die palästinensisch verwaltete Westbank gereist ist, einigen Grund, Palästinenser und speziell ihre Gastgeber-Familie Tobassi zu hassen. Am 31. März 2002 hat deren damals 24-jähriger Sohn in einem Restaurant in Haifa eine Splitterbombe gezündet. Außer ihm selbst kamen 14 Menschen ums Leben, darunter Yaëls Ehemann Dov Chernobroda, ein Architekt, der sich zeitlebens für den jüdisch-palästinensischen Dialog stark gemacht hatte. Der Anschlag war wiederum einer der Auslöser für die israelische Bodenoffensive nach Jenin, bei der auch palästinesische Zivilisten getötet wurden.

Jetzt im Kino: Neue Tübinger Doku über Frieden in Nahost - "Nach der Stille"
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Jetzt im Kino: Neue Tübinger Doku über Frieden in Nahost - "Nach der Stille" --

02:20 min

Dass diese Gewaltspirale - wenn auch mit achtjähriger Verspätung - nun im Kleinen durchbrochen wurde, ist nicht zuletzt dem Tübinger Marcus Vetter zu verdanken. Der erfolgreiche Dokumentarfilmer hatte bereits vor drei Jahren einen Hoffnungsschimmer im Nahost-Konflikt filmisch überliefert: die Geschichte des Palästinensers Ismael Khatib, der die Organe seines von der israelischen Armee getöteten Kindes gespendet hatte - ausdrücklich auch an Juden. Bei einer Vorführung von "Das Herz von Jenin" in Haifa kam Vetter in Kontakt mit Witwe Chernobroda. Vom Khatibs Großmut berührt, wollte die aus Frankreich stammende Jüdin trotz des Schmerzes über den Tod ihres Mannes ihrerseits ein Signal des Friedens auf die andere Seite der Front senden und sich mit der Familie Tobassi treffen. "Hätte mein Mann das Attentat überlebt, wäre er der erste gewesen, der die Hand ausgestreckt hätte", so ihre Begründung.

Vetter, dem "Das Herz von Jenin" verschiedentlich den Vorwurf pro-palästinensischer Einseitigkeit eingebracht hatte, erklärte sich sofort bereit, auch der jüdischen Versöhnungsgeste einen eigenen Film zu widmen. Da er selbst zu dieser Zeit mitten in der Arbeit an seiner Doku über das Cinema-Jenin-Projekt steckte (Kinostart im späteren Herbst), übertrug er die Regie an zwei junge Tübinger Medien-Studentinnen. Jule Ott und Stephanie Bürger waren ihm bei einem Seminar am Brechtbau als "besonders interessiert und engagiert" aufgefallen.

Jule Ott und Stephanie Bürger bei den Dreharbeiten.

Obwohl die beiden Frauen noch nie einen längeren Film gedreht hatten, sprangen sie mutig ins kalte Wasser und reisten im Oktober 2009 ins Westjordanland. Was ihnen an Erfahrung fehlte, kompensierten sie durch Zeit: rund ein Jahr konnten die Regie-Novizinnen in Ruhe dies- und jenseits der Checkpoints recherchieren. Als besonders heikel erwies sich, das Vertrauen der Tobassis zu gewinnen. Zu Angehörigen wahlweise eines Massenmörders stigmatisiert oder eines Märtyrers hochgejubelt, hat sich die arabische Familie eingeigelt - und nach Jule Otts Einschätzung das Attentat und seine Folgen acht Jahre lang verdrängt. Entsprechend einsilbig und gewunden äußert sich Vater Zakaria nach langem Zögern vor der Kamera: Vom möderischen Plan seines Sohns habe er damals nichts geahnt, andernfalls hätte er ihn davon abgehalten. Andererseits: Die jüdischen Opfer des Anschlags kenne er doch gar nicht, warum also um sie trauern? Aber immerhin: Gegen eine Begegnung mit Yaël Chernobroda hat der alte, sichtlich gebrochene Mann nichts einzuwenden.

Gerade in ihrer Gegensätzlichkeit sind die beiden Protagonisten ein Glücksfall für den Film. Hier die kluge und warmherzige Witwe, die ganz offen über ihre Trauer und Angst, aber auch die Notwendigkeit der Aussöhnung spricht: "Wenn sich die Feinde nicht ins Gesicht sehen, wird es niemals Frieden geben". Dort der geistig eher schlicht gestrickte Vater Tobassi, der sich ganz vorsichtig an den Frieden (auch mit sich selbst) herantastet - was ihn aber umso menschlicher macht.

"Feindbilder gibt sie nur, weil niemand weiß, wie die Menschen auf der anderen Seite leben. Die Begegnung zeigt, dass man sie durchbrechen kann", sagt die Ko-Regisseurin Jule Ott im Interview. Dass eine Jüdin in Frieden nach Jenin kommt, sei für viele Palästinenser eine ganz neue Erfahrung.

Ist das Treffen demnach die Keimzelle für den Friedensschluss auf höchster Ebene? "Das ist mir eine Nummer zu groß", meint Marcus Vetter, den seine langen Aufenthalte in Jenin, was das Ende der Gewalt angeht, eher skeptisch gemacht haben. Der Film gebe ein gutes Beispiel, mache den Gutwilligen Mut, mehr nicht. "Gut möglich, dass die kaltblütigen Hardliner auf beiden Seiten weiterhin am längeren Hebel sitzen. Dann wäre dieser Konflikt nicht lösbar." Ein Indiz dafür: Ein Film mit einer jüdischen Heldin ist im Westjordanland noch immer ein zu heißes Eisen. Selbst im von Vetter selbst initiierten Versöhnungsprojekt, dem Cinema Jenin, wurde er bis jetzt noch nicht gezeigt.

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Erstellt:
21. September 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
21. September 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. September 2011, 12:00 Uhr

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