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Zwei Ohren zur Miete
Foto: © schankz - fotolia.com
Professionelle Zuhörer

Zwei Ohren zur Miete

Manchmal hört einem einfach niemand zu – obwohl es so nötig wäre. In Japan gibt es dafür jetzt Zuhörer. Sie sitzen einfach nur da und lassen sich alles erzählen – für 1000 Yen (8,50 Euro) pro Stunde.

01.08.2016
  • KARYN NISHIMURA-POUPEE

Takanobu Nishimoto ist 48 Jahre alt, hauptberuflich Stylist und inzwischen professioneller Zuhörer. Vor vier Jahren kam er auf die Idee, Fremden gegen Geld sein Ohr zu leihen. Inzwischen betreibt er eine Online-Agentur, die im ganzen Land etwa 60 Zuhörer vermietet – alle männlich und zwischen 45 und 55 Jahre alt.

Nishimoto trifft 30 bis 40 Kunden pro Monat, zwei Drittel von ihnen sind Frauen. „Für mich ist diese Dienstleistung in erster Linie ein Hobby“, sagt er und versichert, dass seine Dienste übers Zuhören nicht hinausgehen – sonst wäre seine Frau mit dem Job auch nicht einverstanden. Eine über 80 Jahre alte Dame buche ihn jede Woche für einen gemeinsamen Spaziergang im Park, erzählt Nishimoto. „Ich bin inzwischen fast wie ein Sohn für sie.“ Aber auch ein Fischer, der das stundenlange schweigsame Warten beim Angeln satt hatte, zählt zu seinen Kunden.

Viele Menschen in Japan kämpfen mit sozialer Isolation. „Hikikomori“ wird das Phänomen genannt, wenn Jugendliche und junge Erwachsene das Haus nicht mehr verlassen und sich stattdessen allein mit Videospielen beschäftigen.

Seine Kunden litten jedoch nicht unter Einsamkeit, sagt Nishimoto. Ihnen gehe es vielmehr darum, mit jemandem zu sprechen, der im Gegensatz zu Freunden und Familie keinerlei Erwartungen an sie habe. Die gesellschaftlichen Normen seien in Japan besonders starr, sagt der Psychologe Hiroaki Enomoto. Sie regelten genau, was man selbst engen Vertrauten gegenüber sagen kann und was nicht. Sobald aber jemand fürs Zuhören bezahlt werde, handele es sich um eine geschäftliche Beziehung, in der andere Regeln gälten, erklärt der Psychologe.

Nishimoto war schon mehrmals kurz davor, seinen Nebenjob aufzugeben. Doch immer wieder habe er gemerkt, dass er seine Kunden genauso brauche wie sie ihn, sagt er. „Ich weiß nie genau, was sie von mir wollen, wenn sie mich mieten. Das ist ein bisschen beängstigend, aber genau das macht es auch so spannend“, erklärt er die Faszination seines Jobs.

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01.08.2016, 06:00 Uhr
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