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Zwischen Angst und Outing

Zwei Lehrer berichten, wie sie mit ihrer Homosexualität umgehen

Die Debatte um das Thema "sexuelle Vielfalt" im Unterricht bewegt auch schwule Lehrer im Land. Der einer reagiert mit gesteigerter Vorsicht, der andere mit einer klaren Positionierung. Zwei Erfahrungsberichte.

27.10.2015
  • STEFANIE JÄRKEL, DPA

Villingen-Schwenningen Als Referendar hat Fabian Müller den Schülern nicht gesagt, dass er schwul ist. "Man ist denen halt komplett ausgeliefert", sagt der 30-Jährige. "Das hätte in der Phase zum Problem werden können." Für die Lehrproben, für seinen Abschluss brauchte er das Wohlwollen der Jugendlichen in Freiburg. Erst als ihn seine Klasse zum Abschiedsfest einlud, erzählte er von seinem Freund. Die Reaktion: Sie hätten es schon vermutet, sagt Müller und lacht. An seiner aktuellen Schule ist er offener.

Dabei ist das Thema Homosexualität an Schulen umkämpft. Die grün-rote Landesregierung bemüht sich mit dem Bildungsplan 2016 unter anderem um die "Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt" - so heißt eine der sechs zentralen "Leitperspektiven". Schüler sollen lernen, Menschen in all ihrer Vielfalt zu achten und zu schätzen - auch in ihrer sexuellen Orientierung und Identität. In einem Arbeitspapier hatte noch prominent das "Leitprinzip Sexuelle Vielfalt" gestanden - was zu massiver Kritik aus konservativen Kreisen geführt hat.

Im derzeit online für alle einsehbare und kommentierbare Bildungsplanentwurf behandelt den Aspekt nun deutlich dezenter - was das Lager der "Bildungsplangegner" aber nicht besänftigen will. Sie sehen weiterhin die Gefahr einer "Sexualisierung" ihrer Kinder. Erst vor zwei Wochen gingen 5000 Menschen in Stuttgart bei der sogenannten "Demo für alle" auf die Straße.

Dass das Thema heikel ist, weiß Stefan Richter. Auch er ist Lehrer und homosexuell. Doch outet er sich vor den Schülern nicht. Wenn er über Toleranz und Akzeptanz von Homosexualität spricht, fragen ihn seine Schüler manchmal: "Sind Sie schwul, Herr Richter?" Dann antwortet der 40-Jährige: "Denk mal genau nach, dann hat sich die Frage schon erledigt." Die Schüler denken noch mal nach - und die Frage habe sich für sie erledigt.

Vielleicht wissen sie, dass er einen Sohn hat. Vielleicht entspricht Richter, der eigentlich anders heißt, nicht ihrer Vorstellung eines Schwulen. Er ist groß, kräftig, hat eine tiefe Stimme. Richter hat Angst, dass er Probleme mit konservativen oder muslimischen Eltern bekommen könnte. "Dass Eltern sich über mich beschweren, Sturm laufen beim Schulamt und der Schule", sagt Richter, dass er sich für etwas ganz Persönliches rechtfertigen müsse. Manche Schüler sagen beim Thema Homosexualität: "Das ist gegen die Natur". Oder: "Das ist gegen Gott".

Jüngere Lehrer outeten sich mittlerweile eher, sagt Udo Fleige, Gründer des Arbeitskreises Schwulenpolitik der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg. "Oft ist die Angst unbegründet." Jeder wisse für sich, warum er sich zurückhalte. "Manche haben einen richtigen Grund, weil sie einen schwulenfeindlichen Chef haben." Fleige hat nie mitbekommen, dass Eltern Stimmung gegen einen homosexuellen Lehrer gemacht haben. Auf bundesweiten Treffen höre er eher von Beschwerden von Pietisten, weil im Unterricht "Krabat" von Otfried Preußler gelesen werde. In dem Buch geht es um Magie.

Fabian Müller hatte keine Probleme nach dem Coming-out. Die Kollegen erfuhren es durch die Bildungsplan-Debatte: Ende 2013 starteten die Gegner eine Petition. Den Link zur Gegenpetition mailte der Gymnasiallehrer im Kollegium herum. Wer bei den anderen unterschreibe, "der ist auch gegen mich". Eine Kollegin redete daraufhin nicht mehr mit ihm. Der Schulleiter steht hinter ihm. Sagt der Schulleiter. Und sagt auch Müller.

Wie er sich bei den Schülern geoutet hat, wisse er nicht mehr genau. Vermutlich habe ihn mal jemand gefragt, was er in den Ferien mache, und er habe auf die Pläne mit seinem Freund verwiesen. Die zwei sind seit sechs Jahren zusammen. "Ich würde mich nicht hinstellen: Ich bin Euer Klassenlehrer. Ich bin schwul." Schülerinnen habe er später einmal Bilder von seinem Freund gezeigt. "Oh, der ist aber süß", quietschten die Mädchen. "Finger weg, das ist meiner", habe Müller daraufhin gesagt. Er lacht.

Zwei Lehrer berichten, wie sie mit ihrer Homosexualität umgehen
"Man ist denen halt komplett ausgeliefert": Im Referendariat hat Lehrer Fabian Müller seinen Schülern lieber nicht gesagt, dass er schwul ist. Foto: dpa

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27.10.2015, 12:00 Uhr
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