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Zwei Lehrer aus Leidenschaft gehen
Wolfdieter Kopf (gerade noch 63) und Christa Eichert (64) gehen zum Schuljahresende in Ruhestand. Bild: Franke
Schulleiter-Wechsel in Öschingen und Talheim: Wolfdieter Kopf und Christa Eichert hören auf

Zwei Lehrer aus Leidenschaft gehen

Sie bereuen nichts. Ihr Beruf hat Spaß gemacht. Und nun? Kommt das Heimweh nach der Schule? „Wenn eine Tür zugeht, geht auch wieder eine auf“, sagt Christa Eichert, Rektorin in Öschingen. Sie geht zum Schuljahresende in Ruhestand, genauso wie ihr Talheimer Kollege Wolfdieter Kopf.

17.07.2009
  • Gabi Schweizer

<strong>Öschingen / Talheim.</strong> Mit 63 Jahren hat Wolfdieter Kopf es geschafft. Er hat alle Fächer durch. Seit diesem Schuljahr sogar Hauswirtschaft. „Ich koche auch daheim gern“, sagt der Rektor der Talheimer Grund- und Hauptschule. Das wird er bald öfter tun können. Auch fürs Klavierspielen wird er Zeit haben, wenn keine Klassenarbeiten sich mehr auf seinem Schreibtisch stapeln; fürs Schnitzen und Tonen – Hobbys, zu denen er in den vergangenen Jahren selten kam. Und doch: Kopf war gerne Lehrer. Seit sieben Jahren ist an der Talheimer Andeckschule, davor war er Konrektor in Bodelshausen.

Eichert ist seit noch längerer Zeit im Flecken verwurzelt. Sie kam 1977 als Konrektorin an die Öschinger Grund- und Hauptschule, die sie nun seit 15 Jahren leitet. Ihren Schülern wird sie auch nach der Pensionierung öfter begegnen, sie hat ein Haus im Ort. Gerade denkt sie selten an die Zeit nach dem 29. Juli, dem letzten Schultag: „Wir sind noch zu stark involviert“, sagt sie über sich und ihren Kollegen. „Aber schwerfallen wird’s uns bestimmt, dass wir die Menschen nicht mehr um uns haben, für die wir bisher gesorgt haben.“

Eicherts Utopie: Schulen für alle Begabungen

Für Kopf rückt der 38-jährige Mario Gabel nach, ein Lehrer aus Trochtelfingen. Eicherts Nachfolge ist noch ungeklärt – allerdings gibt es an der Öschinger Filsenbergschule im Gegensatz zu Talheim einen Konrektor, Markus Jung, der die kommissarische Leitung übernehmen könnte. Wer auch immer dort Rektor wird: Die Neuen werden viel miteinander zu tun haben. Auch Kopf und Eichert haben eng zusammengearbeitet, und das hat gut funktioniert, wie sie versichern. Denn in jeder der beiden Hauptschulen gibt es nur bestimmte Klassenstufen: fünf und sechs in Talheim, sieben bis neun in Öschingen. Das hat Vorteile, sagt Kopf: „Für manche Schüler ist es ein Neuanfang, wenn sie in der Siebten nach Öschingen kommen. Da wachen manche nochmal auf.“

Kleine Klassen, eine familiäre Atmosphäre, in der die Lehrer alle beim Namen kennen: Kopf und Eichert wissen, dass sie in ihren Schulen eine gute Ausgangslage haben. Wenn überall nur 17, 18 Kinder in einer Klasse wären, „dann könnten die Lehrer ganz anders agieren“, sagt Eichert: „Das ist das, was unsere Jugend heute braucht.“ Ihre Vision von einer perfekten Schule sieht so aus: Die Kinder können die Einrichtung mit genau dem Profil auswählen, das auf sie passt. Sei es nun künstlerisch, sportlich, sprachlich, naturwissenschaftlich. „Es gibt keinen Schüler, der nicht irgendwo eine Stärke hat“, ist die 64-Jährige überzeugt. Das ist eine „Utopie“, Eichert ist sich darüber sehr wohl im Klaren: „Es bedeutet, dass viel mehr Geld in Erziehung gesteckt wird.“

Gleichwohl plädiert sie ganz klar für sechs gemeinsame Grundschuljahre – ein Ansatz, den Kopf teilt, obgleich er an der Hauptschule und damit am dreigliedrigen Schulsystem festhält. Nach der Vierten seien die Kinder einfach noch zu klein für den Schulwechsel. Und noch ein gemeinsamer Wunsch: Um jeder Begabung gerecht zu werden, dürften nicht nur Deutsch, Mathe und Englisch zählen. Früher gab es noch Arbeitsgruppen, erinnert sich Kopf – dafür ist mittlerweile kein Budget mehr da. Der Lehrer bedauert das: Gerade dort hätten er und seine Kollegen die Neigungen der Schüler am besten erkennen können.

Der Rektor und seine Talheimer Kollegen verwenden viel Zeit dafür, den Fünft- und Sechstklässlern das Selbstwertgefühl zu vermitteln, das ihnen in der vierten Klasse abhanden kam: „Das Lerntempo ist vielen zu schnell.“ Auch die Bewertungsmethoden machten viel kaputt, weiß Eichert: „Man schreibt unter ein Diktat nicht: ,Du hast 350 Wörter richtig‘, sondern: ,Du hast fünf Wörter falsch‘.“

In Öschingen geht es dann mehr um die Berufsfindung: Infoveranstaltungen, Praktika – Eichert bemüht sich, ihren Schützlingen Perspektiven zu eröffnen, ihnen Werte zu vermitteln wie gutes Benehmen oder einen guten Umgang miteinander. Werte sind ihr auch bei ihrer eigenen Arbeit wichtig – darunter so „altmodische wie Liebe zum Kind“. Einen Beruf, der nichts mit Menschen zu tun hat, könnte Eichert sich nicht vorstellen – sie arbeitete sogar ein Jahr länger, als sie gemusst hätte.

Kopf, der bald 64 wird, würde sofort wieder Grund- und Hauptschullehrer werden, müsste er noch einmal wählen. Ans Gymnasium ginge er nicht. Wohl hatte er in Tübingen zunächst Mathe und Geographie studiert, doch nach vier Semestern merkte er: „Ich will kein Wissenschaftler werden.“

„Du machst mal Abi!“ Und so war’s

Manchmal trifft Eichert ehemalige Schüler nach Jahren wieder. Wie jenen jungen Mann, der soeben das Gymnasium beendet hatte und meinte: „Ich werde nie vergessen, wie Sie zu mir gesagt haben: Und du machst mal Abitur!“ Kopf hatte neulich ein ähnliches Erlebnis, als Neuntklässler ihn besuchen kamen: „Meine Güte, haben die sich verändert!“

Der jahrzehntelange Schuldienst hat die beiden nicht ausgebrannt – auch nicht das Organisieren. „Es ist vielleicht so, dass manche das Leben ein bisschen lockerer nehmen können“, glaubt Eichert: „Er mit seinem trockenen Humor!“ „Und du mit deinem Orga-Talent“, kontert Kopf. Eichert hat keine Angst vor der Pensionszeit: „Ich weiß, dass ich mich auf einen neuen Lebensabschnitt freuen kann.“ Die Kollegen wollen in ihrer Freizeit mal gemeinsam kochen. Und sich dabei, so fügt Kopf hinzu, von alten Zeiten erzählen.

Info

Wolfdieter Kopf wird am Dienstag, 21. Juli, um 18 Uhr in der Andeckschule Talheim verabschiedet. Christa Eicherts Verabschiedung ist am Donnerstag, 23. Juli, um 17 Uhr in der Filsenbergschule Öschingen sowie beim Schulfest am 29. Juli ab 8 Uhr.

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17.07.2009, 12:00 Uhr
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