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Samstag im Gericht: Die radikale Lese-Lösung

Zwei Krimis, Urteile der Leser und Fehlurteile der Justiz

Vor Gericht fügt sich nicht immer alles ineinander. Auch am Samstagabend im Schwurgerichtssaal des Tübinger Landgerichts nicht. Wohlgemerkt: Samstagabend! Nach der Verhandlung wurde weiter nach Schuld und Schuldigen gesucht – und Wein getrunken.

09.02.2014
  • Ulla Steuernagel

So entspannt sitzt selten jemand auf der Anklagebank. Wer am Samstag hier Platz nahm, hatte nichts zu befürchten. Vor der Saaltür begrüßte Landgerichtspräsident und Hausherr Reiner Frey persönlich die Gäste, und später im Saal übernahm er kein Richteramt. Stattdessen verriet er auf Nachfrage von SWR-Moderator Thomas Hagenauer, dass er gerne Romane mit Justizbezug lese. Aus dem Stoff, der vor Gericht verhandelt wird, könne man eben viel machen. Die psychologische Komponente interessiert Frey sehr, sein juristischer Sachverstand bleibt dabei nicht ausgeschaltet. Eine kleine Korrektur bei einem der später verhandelten Gegenstände konnte er sich aber nicht verkneifen: „Beim Versäumnisurteil hat die Ziffer 3 gefehlt“, sagte er. Er fügte das nicht an, um besserwisserisch triumphieren zu wollen, sondern einfach der Korrektheit halber.

Verbrechen bestimmten den Abend vor Gericht: Mord, Totschlag und Raub waren hier jedoch fiktional – wenn auch mit Anleihen in der Wirklichkeit. Die Justiz, der Tübinger Verlag Klöpfer und Meyer und der SWR hatten gemeinsame Sache gemacht und eine Veranstaltung mit den beiden Krimiautoren Uta-Maria Heim und Lothar Müller-Güldemeister ausgeheckt.

Die 150 Saalplätze waren belegt, mit immer neuen Stühlen rückte das Publikum in die Nähe des hohen Gerichts. Auf dem Stuhl des Kammer-Vorsitzenden nahm zunächst der Autor und Jurist Lothar Müller-Güldemeister Platz, der mit seinem Roman „Uhlandgymnasium“ eine fast vergessene Vergangenheit aufgewühlt hatte: Es geht dabei um die sogenannte Rotbart-Bande, eine Clique von Uhland-Gymnasiasten, die Anfang der sechziger Jahre mit Diebstählen, Einbrüchen und sogar einem Raubüberfall die Stadt in Atem hielt. Mittenmang dabei: Söhne aus prominenten Tübinger Häusern. Müller-Güldemeister verlas eine TAGBLATT-Notiz vom Januar 1962. Unter der Überschrift „Frei erfunden“ teilte der damalige Oberstaatsanwalt mit, es sei nichts dran an dem Gerücht, Söhne prominenter Bürger seien in kriminelle Handlungen verwickelt.

Die Justiz damals schien eine Art doppelte Buchführung zu betreiben. Die „Prominenten“-Akten wurden sorgfältig von denen der anderen jugendlichen Straftäter getrennt. Und sind später – gemäß einem Brief, den Müller-Güldemeister bekam – verschwunden, vermutlich sogar vernichtet worden.

Beim Wein hinterher wurde weiter über diesen Tübinger Krimi spekuliert, in dem die damalige Justiz eine tragende Rolle gespielt haben könnte. Jener „Rotbart“, der damals zu viereinhalb Jahren verurteilt wurde, arbeitete später als Sozialpädagoge mit Straftätern. Mittlerweile sei er pensioniert, dies verriet der Autor. Und es scheint, als ob in Tübingen noch mancher mehr über die Sache weiß, als er offiziell zugeben will. Hinter vorgehaltenen Händen fielen Namen, die einer genaueren Recherche harren.

Müller-Güldemeister ist daran gewöhnt, dass die Geschichte hinter seinem Buch immer wieder das Buch in den Hintergrund drängt. Dabei hatte die Passage, die er vorlas, nichts mit Rotbart und Co, sondern mit einem Anwalt zu tun, der das ihm verhasste Tübingen nach Jahren wegen eines lukrativen Prozesses aufsuchen muss. Müller-Güldemeister beschreibt diesen Konstantin Raffay ganz nach dem Gesetz der Schwarzen Serie: Der Mann ist lustlos, niedergeschlagen, leidet an Tinnitus, kämpft gegen einen Schwächeanfall, aber sobald es um Recht und Gerechtigkeit geht, ist er voll bei der Sache. Am Ende der vorgelesene Passage heißt es: „Er wusste, dass er richtig gehandelt hatte. Und dass es ein tödlicher Fehler gewesen war, richtig zu handeln.“

Ein harter Schnitt, die zweite Autorin des Abends. „Wem sonst als Dir.“, diese Widmung Hölderlins an Diotima ist der Titel des Romans, mit dem Uta-Maria Heim ganz vorne auf der Krimibestenliste der „Zeit“ rangiert. Die Autorin gibt sich betont bodenständig. Nein, sie stamme nicht aus Schramberg, sondern aus Sulgen (bei Schramberg) und lebt in Baden-Baden. Für ihren Roman, ein psychologisches Verwirrspiel voller historischer und literarischer Bezüge, habe sie „Geistesgrößen und ein Landgericht“ gebraucht, also kam sie auf Tübingen. Die Hörspieldramaturgin betonte, wie froh sie sei, kein Jurist zu sein: „Ich scheue Verantwortung“, sagte sie. „Als Autorin kann ich nix kaputt machen.“ Und ermunterte das Publikum zu einer radikalen Lösung: „Lesen Sie keine Bücher, die Ihnen nicht gefallen!“ Andererseits glaubt sie an den Leser in jedem Menschen: „Es gibt keine Nicht-Leser, es gibt nur Leser, die noch nicht das richtige Buch gefunden haben!“

Ihr von der Kritik begeistert aufgenommener Roman um einen Hölderlin-Spezialisten, der seine Mutter beim Kartoffelschälen erstochen haben soll, ist nur vordergründig ein Kriminalfall. Nach abgesessener Strafe begegnet der Verurteilte erneut seinem Richter K., und es entspinnt sich ein Dialog um und voller Schuld und Sühne.

Ist da ein Fehlurteil ergangen? Und was sagt die Justiz dazu? Man gehe von einer Fehlerquote von 25 Prozent aus, sagte Reiner Frey. Im literarischen Vor-Fall sah er durchaus die Grundlage für ein Fehlurteil gegeben. Doch wenn eine subjektive richterliche Gewissheit vorliege, könne nicht von Fehlurteil gesprochen werden. „Die Wahrheitsfindung“, so Frey, „ist nun mal fehleranfällig.“

Info:Uta-Maria Heim: „Wem sonst als Dir.“, Klöpfer & Meyer, 20 Euro; Lothar Müller-Güldemeister: „Uhlandgymnasium“, Klöpfer & Meyer, 22 Euro. Einen Mitschnitt der Veranstaltung gibt es am Montag zwischen 16 und 17 Uhr bei SWR 4.

Zwei Krimis, Urteile der Leser und Fehlurteile der Justiz
Lothar Müller-Güldemeister liest aus seinem Roman „Uhlandgymnasium“, eine Tübinger Geschichte, die immer noch Wellen schlägt.

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09.02.2014, 12:00 Uhr
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