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Zwei Klassen bei der Grippe-Impfung
Vierfach- oder Dreifach-Wirkstoff? Das macht jetzt einen großen Unterschied. Foto: dpa Foto: dpa
Medizin

Zwei Klassen bei der Grippe-Impfung

Das Serum für Kassenpatienten wirkt so gut wie gar nicht gegen die heranrollende Infektionswelle. Privatversicherte sind besser geschützt.

18.01.2018
  • HAJO ZENKER

Ulm. Es klingt wie aus dem Lehrbuch der Zwei-Klassen-Medizin. Sowohl Kassen- als auch Privatpatienten können sich gegen Grippe impfen lassen. Doch der Impfstoff für die gesetzlich Versicherten wirkt so gut wie nicht, während die Privatpatienten vor der teilweise schwer verlaufenden Krankheit geschützt sind. Nach Aussagen der Ständigen Impfkommission ist nur ein teurer Vierfach-Impfstoff zu empfehlen, und den erstatteten bislang nur die privaten Krankenversicherungen.

Influenza, gemeinhin Grippe genannt, kann tödlich sein. Oder zumindest schwere Folgen haben. Besonders Ältere sind gefährdet. Aber die Deutschen sind Impfmuffel. Das Robert-Koch-Institut (RKI) geht für die Grippesaison 2016/17 davon aus, dass nur 35 Prozent der Senioren geimpft waren. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 75 Prozent.

Bislang elf Todesfälle

Auch wer jetzt geimpft ist, ist nicht unbedingt auf der sicheren Seite. Denn, so die RKI-Experten: Fast 60 Prozent aller Grippe-Fälle wird aktuell durch Influenza-B-Viren der so genannten Yamagata-Linie verursacht. Und dagegen wirkt der Dreier-Impfstoff nicht. Laut dem RKI gehen von den bislang elf Todesfällen der aktuellen Grippewelle in Deutschland vier auf den Typ-B-Virus zurück. Und die Welle rollt erst richtig an. In der ersten Woche 2018 wurden bereits über 1300 Grippefälle gemeldet. Rund ein Drittel der Erkrankten musste im Krankenhaus behandelt werden.

Die Ständige Impfkommission beim RKI hat deshalb ihre eigene Empfehlung geändert und legt besonders Menschen mit einer chronischen Erkrankung, Älteren sowie Schwangeren und auch Beschäftigten im Gesundheitswesen ans Herz, sich mit dem Vierfach-Präparat impfen zu lassen. Das aber war den gesetzlichen Krankenkassen bisher zu teuer. Die wirksame Rezeptur gab es für GKV-Patienten nur, wenn der Arzt die Verschreibung mit einer schweren Krankheit des Patienten begründen konnte.

Es sei davon auszugehen, dass sich die veränderte Empfehlung der Kommission „in der Breite erst in der kommenden Saison auswirken wird“, sagt Florian Lanz, der Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, der Dachorganisation aller 110 gesetzlichen Kassen. Ob heute bereits, beispielsweise für Risikogruppen, die Impfung mit dem Vierfach-Impfstoff bezahlt wird, sei eine individuelle Kassenentscheidung.

Gerade für Senioren, denen zur Impfung dringend geraten wird, die aber häufig wenig Geld haben, eine äußerst ungute Situation: Sie stehen vor der Alternative, die Arznei selbst zu bezahlen – oder auf das Beste zu hoffen.

Besser gestellt sind Privatpatienten – die privaten Krankenkassen zahlen bereits die ganze Zeit die Vierfach-Impfung. Der Verband der Privaten Krankenversicherung möchte zwar nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass das bei jeder Kasse in jedem Tarif so ist, sagte sein Sprecher Stephan Caspary. Aber im Grundsatz dürfe man davon ausgehen, dass man den Vierfach-Impfstoff erstattet erhält, wenn der Arzt ihn für medizinisch notwendig hält.

Immer ein Vabanquespiel

Wie aber kann es zu solch einem folgenschweren Fehler bei der Impfstoffauswahl kommen? Das Präparat ist letztlich immer ein Vabanquespiel. Die aktuelle Grippeimpfung beruht auf Prognosen, die Monate vor der kommenden Saison erstellt werden. Grippeviren sind nämlich enorm wandlungsfähig. Jedes Jahr gibt es deshalb einen neuen Impfstoff.

Die Planung der Weltgesundheitsorganisation ist langfristig: Damit der Impfstoff in ausreichender Menge produziert werden kann, entscheidet sie jeweils schon im Februar, gegen welche Virenstämme er wirken soll. Und stützt sich dabei auf eine von Algorithmen gestützte Impfstoffentwicklung.

Diesmal haben die Experten und die Algorithmen danebengelegen. Für Menschen sind Influenza A und B die wichtigsten Infektionsrisiken. Der Dreifach-Wirkstoff enthält Schutz gegen zwei Virusvarianten vom Typ A sowie eine vom Typ B. Die tatsächlich bei uns grassierende B-Variante aber ist nicht dabei. Im vergangenen Jahr dominierte noch Typ A. Und Grippeviren des Typs B führen in der Regel zu weniger starken Symptomen als jene des Typs A.

Immerhin: Wer angesichts der immer stärkeren Grippewelle jetzt noch auf den Vierfach-Impfstoff setzt, kann ihn bei uns zumindest gegen Geld bekommen. In Österreich ist er ausverkauft.

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18.01.2018, 06:00 Uhr
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