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Einige Probleme drängen

Zwei Abgeordnete in der Ergenzinger Flüchtlingsaufnahmestelle

Gut zwei Stunden sahen und hörten sich die Bundestagsabgeordneten der Grünen Beate Müller-Gemmeke (Reutlingen) und Chris Kühn (Tübingen) gestern in der Ergenzinger Flüchtlingsaufnahmestelle um. Probleme liegen beim unklaren Status der Einrichtung, bei der Registrierung der Flüchtlinge, beim Geld für sie und beim Essen.

06.10.2015
  • Gert Fleischer

Ergenzingen. Die Flüchtlinge – gestern waren es 541 – merkten rasch, dass da Menschen mit Einfluss zu Besuch waren. Mit Hilfe von Leuten, die ihre Sprache können, trugen sie ihre Wünsche und Forderungen vor. Ein Mann klagte, dass seine Frau diese Woche ein Kind bekommt; sie wüssten nicht, wie es dann weiter geht. Da war selbst Bruno Gross, der Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Tübingen, teilweise ratlos: „Wenn die Frau ihre Wehen bekommt, bringen wir sie mit ihrem Mann in die Klinik“, sagte er. „Und danach?“, fragte Müller-Gemmeke. Gross: „Wir wissen es nicht.“

Zwei Abgeordnete in der Ergenzinger Flüchtlingsaufnahmestelle
Beate Müller-Gemmeke (Mitte) und Chris Kühn (mit Brille, ganz links am Bildrand) im Gespräch mit Flüchtlingen. Die junge Frau in DRK-Jacke übersetzt. Bild: Fleischer

Männer aus Afghanistan, Pakistan und Indien beschwerten sich bei den Abgeordneten, sie würden benachteiligt gegenüber Flüchtlingen aus Syrien. Ob es tatsächlich so ist, war nicht prüfbar. Vielleicht liegt es an der Verständigung. Fatima Habida, die von Meßstetten nach Ergenzingen kommt und Registrierungsformalitäten erledigt, spricht Arabisch. Im Sicherheitsdienst gebe es eher Arabisch sprechende Männer. Sie drängten angeblich die Mittelasiaten von Habidas Tisch weg.

Den Flüchtlingen sicherte Müller-Gemmeke, alle hätten Anspruch auf Gleichbehandlung. Den Funktionären vom Regierungspräsidium (RP) und vom Roten Kreuz legte sie nahe, in diesem Punkt doppelt sensibel zu sein: „Da steckt Sprengstoff drin. Das sind Gefühlslagen, die irgendwann nicht mehr kontrolliert werden können.“

Aus Afghanistan stammt ein Mann, der sagte, er sei seit sechs Wochen in Deutschland und habe noch kein Geld bekommen. Er habe schon sein Handy veräußert, um sich Zigaretten kaufen zu können. Viele Muslime seien mit dem Essen nicht zufrieden. Sie hätten Angst, dass es Schweinefleisch enthält. Die Tübinger Großküche U.D.O. reagiere darauf, in dem sie vegetarisches Essen liefere, hieß es. „Dabei essen die Muslime ja Hähnchen oder Fisch“, sagte Ulrich Stahl vom RP, der nun täglich in Ergenzingen ist. Irgendjemand habe entschieden, dass es keinen Saft mehr gibt. Mineralwasser steht in Tetrapacks da, weil der Flaschennachschub nicht klappte.

Ein Flüchtling zeigte ein Formular. „Afghanistan“ stand bei Herkunftsland, „married“ („verheiratet“) beim Familienstand. Seine Frau sei in der Heimat. Mit seinen Fingern deutete er an, dass er Fingerabdrücke abgeben, also registriert werden will, damit er Asylantrag stellen kann. Bei einem Landsmann schien es, als sei er schon in Stuttgart registriert worden, bevor er nach Ergenzingen kam. Fatima Habida soll heute prüfen, ob er bereits Asyl beantragen darf. Habida sei ein Glückfall für Ergenzingen, sagt Gross. Viele Stunden arbeite sie jeden Tag, bleibe immer ausgeglichen. Manchen Abend fährt sie um 23 Uhr erst nach Meßstetten.

Am Samstag gab es zum ersten mal etwas heftigeren Streit unter den Asylbewerbern (siehe Polizeimeldung links). Es sei „ein kleiner Vorfall“ gewesen, beruhigte Gross. Chris Kühn meinte: „Wenn man den Bundestag in so eine Haller sperren würde, wäre auch was los.“

Die Werkshalle zeigt nach drei Wochen intensiver Nutzung deutliche Abnutzungsspuren. Der Boden ist schwarz vom Dreck, den die Hunderte von Menschen hereintragen; das zunehmend feuchte Wetter trägt dazu bei. Auch Reinigungsdienste müssen erst Personal einstellen, um den Anforderungen gerecht zu werden. Vielfach sind Flüchtlinge selbst mit Besen oder Wasserschlauch reinigend zugange. Eine Reinigungsmaschine ist noch nicht da, es fehlt an Besen. Die ständig verstopften, immer noch zu wenigen Klos zu säubern, sei wegen der Hygiene eine Aufgabe für Fachpersonal.

Bruno Gross, der nicht nachlässt, die Zusammenarbeit zwischen den Behörden und den Hilfsorganisationen sowie den Einsatz der vielen Ehrenamtlichen zu loben, bringt Verständnis fürs Landesinnenministerium auf, obwohl noch immer vieles „chaotisch“ läuft, wie es ein häufig verwendetes Wort sagt. Es sei schlecht, wenn 200 Flüchtlinge für eine bestimmte Uhrzeit angekündigt, die Ehrenamtlichen geholt werden und dann ewig warten müssen. Da musste ein Zug aus Freilassing überraschend in Augsburg seine Fahrt unterbrechen, da fuhren Busfahrer in Esslingen einen falschen Bahnhof an und konnten dann, weil sie die zulässigen Lenkzeiten überschritten hatten, nicht weiterfahren.

Manche Flüchtlinge wurden dorthin zurückgebracht, wo sie gerade hergekommen waren, weil sie dort Bekannte oder Verwandte haben. Oberbürgermeister Stephan Neher: „Ich verstehe nicht, dass man das nicht vorher abfragt.“ Er nannte es einen „unhaltbaren Zustand, dass wir bis heute keine Aussage haben, was soll das hier sein, bekommen wir eine Erfassungsstelle oder nicht?“ Das müsse die Stadt wissen, um zu entscheiden, ob sie einen Spielplatz bei der Unterkunft baut oder nicht.

Ulrich Stahl vom RP meinte, die Aufenthaltsdauer der Flüchtlinge in Ergenzingen hänge mit dem geplanten Drehkreuz in Heidelberg zusammen. Würden die Menschen nicht spätestens nach fünf Tagen von Ergenzingen aus weitergeleitet, sollte das Taschengeld hier ausbezahlt werden können.

Ärztliche Überprüfungen müsse das Innenministerium beauftragen. Selbst das DRK Kreis Tübingen ist noch unsicher: Sein Betreibervertrag liege noch zur Prüfung beim RP. Stahl nahm die Behörden in Schutz. Sie würden so von Mails überflutet, dass die Mitarbeiter sie gar nicht mehr richtig lesen könnten. So verdrehe sich mancher Inhalt beim Weiterleiten von Nachrichten.

In den nächsten Tagen werden die Feldbetten, die auf dem Industrieboden keinen Halt finden, gegen breitere und bequemere Doppelstockbetten ausgetauscht. Damit solle nicht die Belegungszahl erhöht werden. Die Organisatoren vor Ort wünschen sich mehr Abtrennungsmöglichkeiten zwischen den Betten. Muslimische Frauen, die neben fremden Männern schlafen, könnten nachts ihr Kopftuch nicht abnehmen.

Das DRK plant deshalb, Zelte innerhalb der großen Halle aufzustellen, erzählte Gross. Das RP finde die Idee gut, aber es müssten erst die Folgen für den Brandschutz geprüft werden.

Siehe auch Umbau in der Dräxlmaier-Halle: THW und Johanniter stellten Handy-Ladestation auf · Bundeswehr baute Feldbetten ab 10.10.2015 Keinen Anspruch auf Saft: Für Flüchtlinge ist Tee und Wasser vorgesehen / Tetrapaks ersetzen Pfandflaschen 06.10.2015 Einige Probleme drängen: Zwei Abgeordnete in der Ergenzinger Flüchtlingsaufnahmestelle 06.10.2015 Rottenburg/Ergenzingen: Zwei falsche Gerüchte zu Flüchtlingen 05.10.2015 Feste Strukturen schaffen: Das Rote Kreuz regelt zunehmend den Alltag in der Ergenzinger Flüchtlingsaufnahme 02.10.2015 Noch immer extrem kurzfristige Aktionen: Erfahrung aus zehn Tagen Erstaufnahme in Ergenzingen 25.09.2015 Großartige Arbeit: Stephan Neher zollt Helfern höchste Anerkennung 25.09.2015 Maximal 1000 Flüchtlinge in der Ergenzinger BEA: OB Neher will sich in Stuttgart für eine Obergrenze einsetzen 23.09.2015 Nach einer Odyssee: Weitere 250 Flüchtlingen wurden erwartet 23.09.2015 Drei Busse mit 130 Menschen: Weitere Flüchtlinge in Ergenzingen angekommen 18.09.2015 50 Flüchtlinge wurden verlegt: Stadt und Polizei wollen in Ergenzingen verstärkt Präsenz zeigen 17.09.2015 Große Verunsicherung: 800 Menschen kamen in Ergenzingen zum Informationsabend über die neue Erstaufnahmestelle 17.09.2015 Flüchtlinge brauchen Schuhe: DRK bittet um Spenden – aber nicht in Ergenzingen direkt 17.09.2015 Stichwort · Flüchtlinge: "Über 40 Prozent wurden gefoltert" 17.09.2015 Streit um Flüchtlinge im Land: Kommunen greifen Grün-Rot scharf an: Zu spät informiert 17.09.2015 Leitartikel · Flüchtlingspolitik: Geht doch! 17.09.2015 Kommentar: In Not und Krise sind Tugenden gefragt 17.09.2015 Ungewissheit auf allen Seiten: Über die Zukunft des Ergenzinger Bedarfsaufnahmestelle sagt die Landespolitik nichts 16.09.2015 Plötzlich kamen Flüchtlinge: Ergenzingen musste überraschend 450 Menschen unterbringen 16.09.2015 450 Menschen kamen am Dienstagabend nach Ergenzingen: Land bringt Hunderte Flüchtlinge in leerstehender Halle unter 15.09.2015

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06.10.2015, 12:00 Uhr
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