Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Empfang für Kinder und Enkel der Pausa-Gründer – Schilder für Löwenstein-Platz

Zurückgekehrt nach 73 Jahren

Schilder für einen Löwen-Stein-Platz hat die Stadt schon anfertigen lassen. Sie wurden gestern beim Empfang für die Nachkommen der Pausa-Gründer als symbolische Geste des „Aufeinanderzugehens“ von OB Werner Fifka überreicht.

23.07.2009
  • Ernst Bauer

<strong>Mössingen.</strong> Es war ein zweistündiger Festakt in der vollbesetzten Langgass-Turnhalle – einem ebenfalls symbolträchtigen Ort: Die Halle war 1933 Ausgangspunkt des Mössinger Generalstreiks gegen Hitler, bei dem auch die Pausaner mitmarschiert waren – drei Jahre später mussten die Gebrüder Löwenstein vor den Nazis fliehen, ihre Fabrik aufgeben. 73 Jahre danach kehrten zwei Kinder der Firmengründer nun nach Mössingen zurück, aus England, mit Enkeln und Verwandten auch aus den USA: „Ich bin sicher, dies war für sie kein leichter Schritt“, sagte Fifka. „Für mich und für viele hier im Raum ist es ein bewegender Moment.“

Mit dem Empfang wolle man dazu beitragen, dass der Name Löwenstein mit Mössingen dauerhaft verknüpft bleibe. Nach 73 Jahren würdigte erstmals ein Mössinger Stadtoberhaupt das Werk der einstigen jüdischen Besitzer der Pausa, die 1919 eine Weberei in der Falltorstraße übernommen und zu einem der international führenden Stoffdruckunternehmen entwickelt hatten. Pausa sei in Mössingen der Motor der Industrialisierung gewesen, sagte Fifka, und das Brüderpaar an der Spitze ungemein kreativ – „hochbegabte, liberale und weltoffene Menschen, innovative schwäbische Tüftler und Macher“.

Fifka: Zeit, über das Unrecht zu reden

Umso bitterer das Unrecht, das ihnen und ihren Familien widerfuhr. Fifka: „Es ist damals Unrecht geschehen in unserer Stadt und es ist Zeit, darüber zu sprechen. Es waren aktive Nationalsozialisten und ihre Mitläufer, die die Vertreibung der Löwensteins aus Mössingen und die ‚Zwangsarisierung‘ ihres Betriebs in die Wege leiteten. Diese Vorgänge waren Unrecht. Es waren antisemitische Verbrechen.“ Auch die damalige Stadtverwaltung habe sich mitschuldig gemacht. Für das zugefügte Leid wolle er die Nachkommen um Entschuldigung bitten.

Doris Angel, die Tochter von Felix Löwenstein, schilderte in kurzen, knappen, aber umso bewegenderen Worten die Geschichte ihrer Familie, die Ursprünge der Pausa – in der kleinen Stadt im Vogtland mit diesem Namen. Die Väter verlegten von dort ihren Firmensitz nach Mössingen, hatten 43 Arbeiter, darunter 18 junge Frauen – „freundliche Fabrikarbeiterinnen, die gerne mit mir scherzten“. Da gab es einen Fabrikhund namens Boris und viele kleine Kätzchen. Und 1933, „als ich neun Jahre alt war, hatte dies schlagartig ein Ende“.

Wie Angel dankte auch Harold Livingston der Stadt für die Einladung nach Mössingen und die Ehrung des Vaters und Onkels nach so langer Zeit. Man sei angenehm überrascht. Für seinen Vater Artur sei der Arisierungs-Verkauf der Pausa damals „natürlich ein großer Schlag“ gewesen. Livingston schilderte eindrucksvoll, wie schwierig es für ihn war, wieder auf die Beine zu kommen, wie sehr die Familie und seine Mutter „Flörle“ unter der Flucht – zuerst nach Italien – litten.

Lothar Frick von der Landeszentrale für politische Bildung betonte in einem längeren Referat die Notwendigkeit des Erinnerns: „Demokratie erneuert sich nicht von selbst. Menschenwürde und Menschenrechte sind jeden Tag aufs Neue gefährdet“, mahnte er. Zu den Löwensteins hatte er einen ganz besonderen Bezug: Das Haus der Landeszentrale in der Stuttgarter Stafflenbergstraße war früher der Familienwohnsitz der Pausa-Fabrikanten.

Für den Löwenstein-Forschungsverein, der in fast detektivischer Arbeit die Nachfahren aufgespürt hat, erinnerte – in Anwesenheit von Jan Robert Bloch – Irene Scherer an einen weiteren roten Faden der Familiengeschichte: Bea Löwenstein, eine Schwester der Firmengründer, und ihr Mann Adolph Lowe waren enge Freunde der Blochs. Und jene wiederum, wie die Pausa-Gründer, dem Bauhaus sehr zugetan. Zwei Enkelinnen der Familie Lowe sind jetzt auch in Mössingen zu Besuch.

Die Würdigung der Löwensteins, so Scherer, sei eine öffentliche Angelegenheit geworden. „Namen und Gesichter sind zurückgekehrt. Es liegt an uns Nachgeborenen, wie gut die unabgegoltene Erbschaft der Löwensteins weiter wirken und sich entfalten kann.“ Langer Beifall, auch für die jungen Bläserensembles der Jugendmusikschule.

<div class='kasten_ueberschrift'> <div class='grundtext'> Goldenes Buch, Gespräch mit Schülern </div> </div> <div class='kasten_text'> <div class='grundtext'> Ins Goldene Buch der Stadt Mössingen trugen sich die Löwenstein-Nachkommen gestern Vormittag ein. OB Fifka überreichte dabei einen Druck von HAP Grieshaber mit dem Pausa-Schriftzug. Er selber bekam später ein kleines Musterbuch mit Entwürfen aus der Zeit vor 1933 geschenkt. Heute steht noch ein Gespräch mit Schülern auf dem Besuchsprogramm und um 20 Uhr in der Bücherei ein Gedenkabend. </div> </div>

Zurückgekehrt nach 73 Jahren
Oberbürgermeister Werner Fifka (links) überreichte Harold Livingston und Doris Angel (rechts) schon mal zwei Schilder vom Löwenstein-Platz – so soll künftig der neu gestaltete Pausa-Innenhof heißen. Der Gemeinderat beschloss, auf diese Weise „dauerhaft die Erinnerung an die Pausa-Gründer zu bewahren“. Bild: Franke

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

23.07.2009, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen M&ouml;ssingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular