Union

Zurück am Steuer

Angela Merkel hat die Quarantäne hinter sich und erzielt Rekordwerte. Der Kampf um ihre Nachfolge aber wird weitergehen - irgendwann und unter neuen Vorzeichen.

06.04.2020

Von ELLEN HASENKAMP

Mit einer Videobotschaft meldete sich Angela Merkel am Wochenende aus der Quarantäne zurück. Foto: afp Photo/Bundeskanzleramt

Berlin. Angela Merkel ist zurück. Nach zwei Wochen Quarantäne regiert die Kanzlerin wieder vom Kanzleramt aus – und hat sogleich eine neue Videobotschaft aufgenommen: In hellblauem Blazer vor tiefblauem Hintergrund ermahnt sie die Bürger, auch über Ostern nicht nachzulassen mit den Kontaktbeschränkungen. Zurück ist Merkel aber auch im übertragenen Sinn: Sie, die viele schon auf der politischen Auslaufstrecke sahen, steuert Deutschland nun durch die schwerste Krise der Nachkriegszeit.

Nach Kontakt mit einem später Corona-positiv getesteten Arzt war die mächtigste Frau Europas buchstäblich von der Bildfläche verschwunden, im Gegensatz zu einigen Kollegen übrigens: Der britische Premier Boris Johnson beispielsweise brachte sich und seine bereits seit Jahren gepflegte Homeoffice-Frisur immer wieder mittels verwackelter Handy-Videos in Erinnerung. Von Merkel dagegen, einer der meistfotografierten Frauen der Welt, war nichts zu sehen. Selbst Pressekonferenzen gab sie per Telefonschalte, was mal besser und mal schlechter klappte. Sich zu Hause vor die Laptop-Kamera zu klemmen oder gar Smartphone-Selfies zu drehen, ist bei aller Technik-Begeisterung nicht unbedingt Merkels Ding.

Trotz Kanzlerin im Homeoffice weiß das Land nun also immer noch nicht, wie es bei Merkels daheim aussieht. Dafür aber weiß man inzwischen, wie sich die Kanzlerin am Telefon meldet: „Ja? Merkel“ nämlich. So zu hören während einer der technisch etwas rumpelnden Fernsprech-Konferenzen mit Journalisten. Und weil Merkel nicht wusste, dass die Presse längst wieder zugeschaltet war, konnte man auch noch verfolgen, wie sie ihre Kollegen auf die Wiederholung des Statements einstimmte: „Ich muss das leider nochmal losleiern.“ Trotz des Zwangs-Rückzugs aber war Merkel für die Bürger offenbar äußerst präsent. Zweistellig schossen ihre Zufriedenheitswerte nach oben, auf den höchsten Stand dieser Legislaturperiode, die doch erklärtermaßen ihre letzte sein soll. Schon wird die Frage gestellt, ob Merkel nicht doch nochmal antreten sollte bei der Wahl im nächsten Herbst.

Das allerdings ist unwahrscheinlich. Zum einen gilt noch immer Merkels Wort, nicht als „halbtotes Wrack“ aus der Politik ausscheiden zu wollen, zum anderen aber weiß die erfahrene Kanzlerin, dass es bei den guten Werten nicht bleiben wird. Wenn das Virus halbwegs eingedämmt, aber die Wirtschaft am Boden liegt, spätestens dann wird die Kritik kommen. Auch an ihr.

Das gilt wohl auch für ihren möglichen Nachfolger Armin Laschet. Als Ministerpräsident des von Corona besonders betroffenen Bundeslands Nordrhein-Westfalen steht er gerade ebenfalls in der ersten Reihe der Anti-Virus-Front. Ein guter Platz, um sich zu profilieren, ein guter Platz aber auch für Fehler, auf die sich insbesondere die Konkurrenten im Kampf um den CDU-Vorsitz stürzen werden. Derzeit aber ruht der innerparteiliche Wettstreit. Und es gibt Stimmen in der Partei, die sagen, dass das ruhig so bleiben könne. „Einigt Euch“, die Devise, die auch schon Mitte Februar zu hören war, bevor erst Norbert Röttgen, dann Friedrich Merz und schließlich das Team Laschet/Jens Spahn offiziell ins Rennen gingen, könnte wieder lauter werden. Vor gut zwei Wochen forderte die wenig bekannte, aber einflussreiche CDU-Kommunalpolitiker-Organisation KPV die Kandidaten auf, die Sache zu klären. „Die Beteiligten müssen sich unter der Moderation der Vorsitzenden von CDU und CSU zusammensetzen bis weißer Rauch aufsteigt“, so KPV-Chef Christian Haase.

Auch Söder gehört zum A-Team

Ob den CSU-Chef und bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder ein solcher Hilfsdienst in einem Unions-Konklave zufriedenstellt, wird allerdings zunehmend fraglich. Denn auch Söder, der zu Jahresbeginn noch jede Ambition aufs Kanzleramt zurückwies, gehört inzwischen zum A-Team im Kampf gegen Corona. Er, der lange als Unterstützer von Laschet galt, findet den Kollegen aus Düsseldorf inzwischen zu zögerlich und macht daraus auch kein Geheimnis. „Er war zu Beginn zurückhaltend bei Schulschließungen. Zwei Tage später hat mich Armin wissen lassen: ,Du hast recht.' Das hat Größe.“ Dieses Lob von Söder für Laschet war vor allem eins: vergiftet.

Allerdings scheut auch Laschet den Konflikt nicht. Während die Kanzlerin noch eindringlich um Geduld warb, erklärte der Ministerpräsident wenig diplomatisch: „Der Satz, es sei zu früh, über eine Exit-Strategie nachzudenken, ist falsch.“ Und auch die Merz-Anhänger in der Union haben ihre Hoffnungen nicht aufgegeben. Irgendwann werde die Frage gestellt, wer die ganzen Krisenpakete denn bezahlen solle, sagt einer von ihnen. Und dann sei die Wirtschaftskompetenz von Merz wieder gefragt. Der hat erste Überlegungen nun schon mal in der „Zeit“ veröffentlicht. „Ist unsere Demokratie reif genug für harte Entscheidungen?“, fragt er dort. Und antwortet: „Ich bin und bleibe zuversichtlich, aber wirklich wissen werden wir auch dies erst aus der Rückschau.“

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Erstellt:
6. April 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. April 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. April 2020, 06:00 Uhr

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