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Martin Schwab steht mit 80 noch auf der Bühne und spielt jetzt den König Lear. Foto: Reinhard Werner
Bühne

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Schwäbische Anfänge und die Zukunft des Theaters: Martin Schwab tritt wieder in Stuttgart auf, als König Lear in der Regie von Claus Peymann.

20.02.2018
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Stuttgart. Glück im Unglück: Erst vor ein paar Tagen ist er gestürzt – bei den Proben auf schrägem Untergrund. Doch jetzt „geht es schon wieder“, lacht Martin Schwab. Der Mann hat Humor. Und ist ein Phänomen: Mit 80 Jahren steht er noch regelmäßig auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Spielt Sophokles, Handke und mehr. Jetzt kehrt er – erstmals seit 1979 – ans Stuttgarter Staatsschauspiel zurück, wo er einst im legendären Ensemble unter Claus Peymann mitgewirkt hat. Was zieht ihn nun nach Stuttgart? Peymann, na klar. Denn der inszeniert hier den „König Lear“, und er, Schwab, soll die Hauptrolle spielen.

Wir treffen uns am Birkenwald in seiner Stuttgarter Wohnung. Dort, hoch über den Dächern der Stadt, hat er eine tolle Aussicht über den Kessel. Das inspiriert, sagt er, dieser Blick ins Weite. Hier studiert er seine Rolle, und beim Gespräch liegt das Textheft aufgeschlagen auf dem Tisch – die Lear-Worte sind grün markiert. Gibt es Lieblingssätze? Schwab überlegt. Vielleicht Lears späte Einsicht, als er, entmachtet, vertrieben und aufs nackte Menschsein reduziert, bei Sturm auf der Heide herumirrt und sich selber ermahnt: „Nimm Arznei, o Prunk! Gib dich preis, fühl einmal, was Armut fühlt!“ Ein Satz, findet Schwab, wie er aktueller nicht sein könnte.

Klar, dass er keine Details zu Peymanns Regie ausplaudern will. Nur so viel: Die Bühne ist eine schiefe Ebene, und mitten im Raum prangt die Krone. Der Ton: „nicht kitschig, nicht sentimental“. Dieser Lear, der in den Wahnsinn driftet, gilt als Traumrolle – geprägt von Theatergiganten wie Will Quadflieg, Klaus Maria Brandauer und Gert Voss. Schwab ist anders gestrickt: „Ich bin Ensemblespieler.“ Mit Leib und Seele. „Nie, nie“ habe er Wunsch- oder Hauptrollen gesammelt. Wenn, dann sind sie zu ihm gekommen – wie Nathan in Berlin oder Woyzeck, mit dem er zum Theatertreffen eingeladen war.

Oder jetzt eben König Lear. Vom Wiener Burgtheater hat Schwab die ausdrückliche Erlaubnis für diesen Ausflug nach Stuttgart. Direktorin Karin Bergmann gab grünes Licht: „Du musst das machen“, sagte sie zu Schwab, „sonst bist du nicht froh!“

Überhaupt, Schwab und Peymann: Das ist eine lange Geschichte. Sie fängt 1974 in Stuttgart an, ein Jahr, das die beiden Weggefährten spaßhaft den „Beginn unserer Zeitrechnung“ nennen. Denn damals war Schwab, von Verleger und Feuilletonist Kurt Fried aus Ulm ans Staatstheater empfohlen, Teil des Peymann-Ensembles, von dem viele heute noch schwärmen. „Eine tolle Zeit“, sagt er und erinnert sich an „Faust“, „Die Gerechten“ oder Friedrich Wolfs „Cyankali“. Schwab, gebürtig aus Möckmühl, hat auch den „Entaklemmr“ gespielt. Später, in Bochum, verließ er die Peymann-Truppe – zum Ärger des Chefs. Bei den Salzburger Festspielen 1986 kam es zur Versöhnung. Und als Peymann die Burg übernahm und von Gegnern als „Fall für die Psychiatrie“ attackiert wurde, war Schwab zur Stelle. Seit 1987 ist er Mitglied im Burgtheater-Ensemble, seit 2009 sogar Ehrenmitglied – verewigt in einem Ölbild der Burg-Galerie. Höher hinauf in den Theaterhimmel geht's nimmer.

Schwab blieb in Wien, Peymann ging nach Berlin. Jetzt, für den Stuttgarter „King Lear“, kommen die beiden wieder zusammen. Beide sind Jahrgang 1937, bekennende „Theatertiere“, wie man so sagt. Schwab, der Burgtheater-Profi, kann den Schnodder-Sprachstil Peymanns übrigens sensationell gut parodieren. Sie schätzen sich in ihrer Gegensätzlichkeit: „Er hat immer auch Macht gehabt.“ Mit Peymann zu arbeiten, sei wie eine „große Tour auf einen ganz hohen Berg“, ein „physischer und psychischer“ Ausnahmezustand.

Und was meint Schwab zur aktuell wieder beschworenen Krise des Theaters? Wieder mehr auf „die Sprache“ besinnen, rät er. Nicht so viel Action und Hektik. Es gehe es doch um „Worte – und um „die Stille dazwischen“. Der Weg zu den Stücken führe „von innen nach außen“, nicht umgekehrt. „Man verstellt sich – und ist trotzdem man selbst.“ Mit Regietheater könne er leben, aber nicht mit „Regisseurstheater“. In Wien wird Schwab derzeit als Teiresias in „Antigone“ gefeiert. Als blinder Seher in Mantel und Sonnenbrille singt er da Leonard Cohens Kultsong „The Future“ – und gibt beim Gespräch eine Kostprobe: düster, rau, rockig.

Seit 1987 Burgschauspieler

Schwab wohnt seit langem in Wien. Er hat schon vier Burg-Direktoren erlebt, auch den 2014 geschassten Matthias Hartmann. Beim offenen Brief von 60 Burg-Mitarbeitern mit Vorwürfen gegen Hartmann ist er nicht dabei – er wurde nicht gefragt. Nun hat auch Martin Kusej, der designierte Burg-Direktor 2019, mit seiner Ankündigung, er „schütte sicher mal die Hälfte oder zwei Drittel von diesem Suppentopf aus“, für Ärger gesorgt. Wird er, Schwab, im neuen Kusej-Ensemble wieder dabei sein? Abwarten, lächelt der 80-Jährige. Wenn ja, ist's gut, wenn nein, ist's auch gut: „Dann nehm‘ ich das zum Anlass“, um aufzuhören. Seine Frau, erzählt Schwab, bleibe da skeptisch: „Das machst du dann doch nicht.“

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20.02.2018, 06:00 Uhr
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