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Kultur

Zurück ins Herkunftsland

Das Linden-Museum muss sich wahrscheinlich von vier Gegenständen aus seiner Sammlung trennen. Eine Bibel, eine Peitsche und Schädel sollen an Namibia und Australien zurückgegeben werden.

11.10.2018

Von MELISSA SEITZ

Die Bibel und die Peitsche von Witbooi werden an den afrikanischen Staat zurückgegeben. Foto: Foto

Stuttgart. Mit der Rückgabe von geraubten Kulturgütern aus der Kolonialzeit ist das so eine Sache. Ob man bestimmte Objekte zurückgeben muss oder nicht, wird immer wieder neu diskutiert. Auch weil es zu diesem Thema keine genauen Regelungen gibt. Bei jedem dieser Artefakte ist eine Einzelfallentscheidung fällig. Im Linden-Museum sind rund 160 000 Objekte ausgestellt, 25 400 davon sind aus früheren Kolonialgebieten. Vier Gegenstände stehen im Moment besonders im Focus: eine Familienbibel und eine Peitsche aus Namibia und zwei Schädel von indigenen Australiern.

Diese vier Kulturgüter wurden von ihren Herkunftsländer Namibia und Australien zurückgefordert. Die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg sind die Eigentümer der Sammlungen im Linden-Museum – somit auch von den vier Objekten. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur Baden-Württemberg ist im Moment mitten in der konkreten Vorbereitung für die Rückgabe der Bibel und Peitsche an Namibia. Auch die Schädel sollen wieder in ihr Herkunftsland zurück. Was jetzt noch aussteht, ist die haushaltsrechtliche Grundlage für die Rückgabe im Etat des Landes. Diese soll zum nächstmöglichen Zeitpunkt vom Kabinett beschlossen werden.

Die Rückgabeforderung ist gerechtfertigt, findet Denise Burgert, Pressesprecherin beim Wissenschaftsministerium: „Die Kulturgüter sind wichtig für die Länder.“

Bei der Familienbibel handelt es sich um ein Neues Testament, das in der afrikanischen Sprache Nama verfasst wurde. Die geistliche Schrift ist aber nicht nur irgendeine Bibel, sie gehörte dem namibischen Nationalhelden Hendrik Witbooi. „Die Bibel ist eines der wenigen erhaltenen Objekte, auf denen handschriftliche Anmerkungen von Witbooi zu finden sind“, sagt Burgert.

Witbooi war einer der wichtigsten Anführer der Nama-Gruppen während der deutschen Kolonialzeit. Die Bibel gelangte während eines Angriffs auf seinen Hauptsitz in die Hände des deutschen Militärs. 1902 kam sie als Schenkung in das Linden-Museum nach Stuttgart. Mit der Bibel wurde auch eine Peitsche des namibischen Nationalhelden entwendet, die ebenfalls im Besitz des Museums ist.

Ein letztes Mal ausgestellt

Beide Objekte aus der Kolonialzeit in Namibia wurden 2007 und 2008 in einer Ausstellung im Linden-Museum präsentiert. Die Schau fand im Rahmen des 100. Jahrestages des Widerstandskrieges der Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft statt, erklärt Martin Otto-Hörband, Pressesprecher des Museums. „Ansonsten waren die Objekte nie bei uns ausgestellt“, sagt er weiter. Das könnte sich aber bald ändern. Bevor Namibia die Bibel und die Peitsche im Frühjahr 2019 entgegennehmen wird, sollen die Kulturgüter nochmal in Stuttgart gezeigt werden.

Bei der Entscheidung von Stadt und Land, die Gegenstände wieder zurück in ihre Herkunftsländer zu schicken, geht es laut der Pressesprecherin des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst nicht nur um die reine Rückgabe: „Es geht auch um eine Kooperation zwischen Namibia und Baden-Württemberg.“ Wie diese Zusammenarbeit aussehen kann, ist noch nicht genau geklärt. „Aber ich könnte mir vorstellen, dass man gemeinsam Ausstellungen auf die Beine stellt, Leihgaben untereinander austauscht oder auch im wissenschaftlichen Bereich zusammenarbeitet“, sagt Burgert.

Vergleichsweise wenig weiß man über die zwei Schädel, die nach Australien zurückgegeben werden. „Der erste Schädel kam 1905 als Schenkung in die Sammlung“, erzählt der Pressesprecher des Linden-Museums. 1931 folgte der zweite. Woher die menschlichen Knochen kommen, ist nicht klar. Die Australier gehen davon aus, dass es sich um Schädel indigener Völker handelt. Die menschlichen Überreste haben Museumsbesucher noch nie zu Gesicht bekommen: Die Schädel wurden nicht ausgestellt.

Für das Linden-Musuem ist die Rückgabe von Objekten mit kolonialer Vergangenheit etwas Neues. „Wir hatten bislang – abgesehen von den aktuellen Fällen – keine Forderungen erhalten“, sagt Otto-Hörband.

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Erstellt:
11. Oktober 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Oktober 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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