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Energie

Zurück auf Null

Kaum läuft der Windkraft-Ausbau, folgt die Vollbremsung: Im Vergabe-System geht der Südwesten leer aus. Nun kommt es auf die neue Bundesregierung an.

10.10.2017

Von ROLAND MÜLLER

Vor düsteren Zeiten: Windkraft im Südwesten. Foto: dpa Foto: dpa

Stuttgart. Im Stuttgarter Umweltministerium hat man lange auf gute Nachrichten bei der Windkraft gewartet, nun werden sie auch ausgekostet. Auf mehr als 600 ist die Zahl der Rotoren im Land mittlerweile geklettert. Bei der Strom-Ausbeute fallen Rekordmarken: Der erste Sturm Mitte September wehte laut Netzbetreiber TransnetBW für einige Stunden erstmals über 1000 Megawatt Windkraft-Strom ins Netz. Das entspricht etwa der Leistung eines kleineren Atommeilers. Für Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) der Beweis, dass Windkraft im Land „maßgeblich zur Energiewende und zum Klimaschutz beitragen kann“.

Doch die Zeit der guten Nachrichten ist bald vorbei. Der Windkraft im Land droht eine jähe Vollbremsung. Die Zahl der Bauanträge nähert sich bereits der Nulllinie. Genehmigte Projekte werden noch abgearbeitet – neue kommen nicht hinzu. „Dass der Ausbau im Land einbricht, ist keine Frage“, sagt Ralf Heineken, Sprecher des Umweltministeriums. Nur ändern könne das Land daran nichts. „Wir haben darauf nur noch wenig Einfluss und hängen am Tropf des Bundes.“

Ursache für das Ende des Windkraft-Märchens ist das neue Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das Anfang 2017 in Kraft getreten ist. Das Gesetz hat zwei Elemente: Erstens wird der jährliche Ausbau gedeckelt. Und zweitens wird per bundesweiter Ausschreibung entschieden, welche Projekte zum Zug kommen. Bewerber müssen sich beim Vergütungssatz für den Strom gegenseitig unterbieten, das soll den Wettbewerb erhöhen. Dabei wird Süddeutschland abgehängt: Aus beiden Tranchen, die die Bundesnetzagentur dieses Jahr vergeben hat, bekam kein einziges Projekt aus Baden-Württemberg den Zuschlag. In Bayern sieht es kaum besser aus.

Wie Ananas auf Grönland

„Wir sehen ein klares Ungleichgewicht“, sagt Christian Oberbeck, Landesvorsitzender des Windenergie-Verbands BWE. „Es kommen fast nur Projekte in Norddeutschland zum Zug.“ Eigentlich sollen regionale Unterschiede in der Wind-Ausbeute per „Referenz-Ertragsmodell“ berücksichtigt werden. In der Praxis klappt das aber offenbar nicht. „Mit den Werten, die da berechnet werden, kommen wir bei weitem nicht hin“, sagt Oberbeck. Zudem würden höhere Erschließungs- und Logistikkosten nicht berücksichtigt.

„Wir haben auch in Süddeutschland gute Standorte für die Windkraft“, sagt Minister Untersteller auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE. Der Aufwand für den Bau sei aber wegen der „völlig anderen landschaftlichen Voraussetzungen“ im Süden höher im Norden. So verteuern etwa die umständlichere Zuwegung sowie längere Leitungen bis zum nächsten Netzanschluss die Projekte. Das werde im Vergabemodell nicht berücksichtigt. Schon früh hatte Untersteller sich für ein „eigenes Kontingent für den Süden“ ausgesprochen – vergeblich.

Was der grün geführten Landesregierung und der Branche Sorgen macht, lässt Windkraftgegner frohlocken. So fühlt sich etwa die FDP im Landtag bestätigt: Durch die Netzagentur sei amtlich verbrieft, was die Liberalen schon lange vermuteten. „Ganz offensichtlich ist Baden-Württemberg im Wettbewerb der Standorte nicht attraktiv genug“, sagt Gabriele Reich-Gutjahr, bei der FDP-Fraktion für Umwelt zuständig. Es sei im Sinne der Effizienz sinnvoll, dort zu bauen, wo am meisten Wind weht – also nicht im Süden. „Es werden große Investitionen getätigt, um Windstrom aus dem Norden, der dort keine Abnehmer findet, in den Süden zu bringen“, sagt Reich-Gutjahr. Weitere Dezentralisierung sei nicht nötig – auch im Sinne der Verbraucher, die alles bezahlen müssten: „Windräder in Baden-Württemberg sind so sinnvoll wie Ananas-Anbau auf Grönland.“

Im Umweltministerium sieht man das anders. „Auch die aktuellen Pläne zum Netzausbau setzen den weiteren Ausbau der Windenergie im Süden voraus“, sagt Untersteller. Es sei durchaus sinnvoll, Energie auch dort zu produzieren, wo die industriellen Verbrauchszentren seien.

Banger Blick nach Berlin

Mit Spannung blicken die Befürworter deshalb im Moment zu den anstehenden Koalitionsverhandlungen nach Berlin – wie es weitergeht, entscheidet die neue Koalition im Bund „Die neue Bundesregierung muss die aktuelle Schieflage beim EEG beseitigen“, fordert Untersteller. Ob er bei einem möglichen Jamaika-Bündnis Gehör findet, ist völlig unklar.

„Es ist auch die Frage, wie ernst man es mit dem Klimaschutz nimmt“, sagt Oberbeck. Denn Windkraft sei weltweit schon lange keine Energie mehr, die man massiv subventionieren müsse – sondern vielmehr die kostengünstigste Erzeugungsform für Strom. Derzeit beherrschten aber noch Überkapazitäten durch billigen Kohlestrom den Markt. „Es steht auch eine Entscheidung an, ob man endlich die Kohlekraft zurückfährt – oder die heimischen Windkraft-Branche gegen die Wand fahren lässt.“

Grafik: swp

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Erstellt:
10. Oktober 2017, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
10. Oktober 2017, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2017, 06:00 Uhr

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