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In der Troia-Debatte antwortet Frank Kolb dem Grabungs-Team

Zur Handelsstadt fehlt alles

TÜBINGEN. Ein weiterer Beitrag zur Troia-Debatte. Wie sehen die archäologischen Funde aus? Und welche Schlüsse darf man aus ihnen ziehen? Der Althistoriker Frank Kolb antwortet auf die Erklärung des Troia-Grabungsteams (die wir am Dienstag veröffentlichten) und erläutert im Folgenden anhand der Grabungsdokumentation des Archäologen Manfred Korfmann, weshalb er dessen Vorstellung von einer Handelsmetropole für Fiktion hält. Von Frank Kolb

11.08.2001

Der Troia-Ausgräber Manfred Korfmann hat seine Grabungsmannschaft, der gegenüber ich keinerlei Vorwürfe erhoben habe, zu einer „Erklärung“ gegen mich bewogen. Darin wird behauptet, dass auch „ungeübte Augen“ die große Residenz- und Handelsstadt Troia erkennen könnten. Als Begründung werden im Wesentlichen die bisher bereits von Korfmann vorgetragenen Argumente in zum Teil abgeschwächter Form präsentiert. Sie werden dadurch nicht richtiger. Der Hinweis auf die Studia Troica als Diskussionsgrundlage ist freilich nützlich, denn eben auf die dort publizierten Grabungsberichte sowie auf den Ausstellungskatalog stützt sich meine und meiner Kollegen Kritik an den Interpretationen Korfmanns. In der Grabungskampa-gne dieses Jahres angeblich erzielte Ergebnisse sind hingegen bis zu ihrer Publikation nicht überprüfbar; die jetzt ins Internet eingestellten Grundrisse (Stand Juli 2001) bieten zudem keine nennenswerten Veränderungen des Forschungsstandes.

In der „Erklärung“ werden erneut Troia VI (1700 bis 1300 vor Christus) und Troia VII a (1300 bis 1200) mitei-nander vermischt, obwohl es sich um zwei durch eine Zerstörungsschicht voneinander getrennte Siedlungen handelt. Korfmanns große Residenz- und Handelsstadt ist Troia VI (siehe Ausstellungskatalog, Seite 348 ff.) mit seiner beeindruckenden Burgmauer, welche einige geräumige Gebäude umfasst. Der Charakter der Siedlung Troia VII a unterscheidet sich davon nicht zuletzt durch eine Verdichtung der Besiedlung mit kleinen Häusern innerhalb und unmittelbar außerhalb der Burgmauer. Dies deutet auf wichtige politische und soziale Veränderungen hin. Auf keinen Fall darf man mithin die archäologischen Befunde von Troia VI mit jenen von VII a, erst recht nicht mit jenen der folgenden Siedlungen Troia VII b 1 bis 3 (1200 bis 950) zusammenwerfen, wie Korfmann das tut. Die Bauten dieser ver-schiedenen Siedlungsschichten existierten nicht gleichzeitig.

Die in den Studia Troica und im Ausstellungskatalog publizierten Pläne zeigen für die Troia-VI-„Unterstadt“ nur unmittelbar außerhalb der Burgmauer kärgliche Mauerreste, die sich nicht zu Hausgrundrissen zusammenfügen lassen. Für ein großes freigelegtes Areal in zirka 200 Meter Entfernung von der Burg hält der Grabungsbericht fest (Studia Troica 8, 1998, 52), dass dort aus Troia VI Überreste von Bauten aus vergänglichem Material zum Vorschein kamen und „dieses Gebiet der Unterstadt nur locker verbaut war“. Keramik und sonstige Kleinfunde in anderen Bereichen der „Unterstadt“ sind nicht aussagekräftig, da derartiger Siedlungsschutt sich erfahrungsgemäß infolge von Witterungseinflüssen und Bodenerosion hangabwärts bewegt und einen großen Kranz um die Siedlung bildet. Ein den bisherigen Grabungsberichten zufolge nur am Südhang eindeutig der Troia-VI-Zeit zuweisbarer, zirka 400 Meter von der Burgmauer entfernt verlaufender Graben enthält Vegetationsreste, die als Indiz einer agrarischen Nutzung des in Richtung Burg angrenzenden Areals gedeutet werden (Studia Troica 4, 1994, 60). Dies alles spricht für eine nur lockere, eher landwirtschaftliche Besiedlung in gartenartigem Gelände.

Natürlich lässt das die Möglichkeit einer Befestigungslinie offen. Eine solche konnte auch agrarisch genutztes Gelände umgeben. Vielleicht gehörte der nur 2,50 bis 4 Meter breite Troia-VI-Graben, angeblich ein Annäherungshindernis gegen Streitwagen (vielleicht aber nur ein Entwässerungsgraben), zu einer relativ schlichten Verteidigungslinie, falls er wirklich ringsum lief. Aber seine Gestalt ist meines Wissens ohne Parallele in Anatolien, und man konnte über ihn hinwegspringen. Zudem ist er ausge-rechnet dort, wo das Gelände besonders flach ist, die Siedlung daher am leichtesten zugänglich war, bisher nicht gefunden worden. Die mehr als zehn Meter breite Durchfahrt im Süden war nicht durch ein Tor versperrt. Die Deutung zweier, etwa 3,50 Meter hinter dem Graben in den Fels geschlagener und mit dem Graben nicht verbundener, kurzer Rinnen als Palisade mit Tordurchlass ist mehr als fraglich. Das weniger als zehn Meter lange, schmale und niedrige Mauerstück nahe der Ostbastion der Burg, welches Korfmann als Siedlungsmauer interpretiert, widerspricht von seiner Konstruktion her dem Typus einer anatolischen Befestigungsmauer. Es fehlt ferner ein Beweis für die Gleichzeitigkeit von Graben und Mauer: Letztere setzt angeblich an die um 1400 errichtete Ostbastion an und kann daher nicht vor dieser errichtet worden sein; der Graben hingegen war damals vermutlich bereits verfüllt (Studia Troica 4, 1994, 64 f.) Eine dicht bebaute, von Mauer und Graben umgebene „Unterstadt“ von Troia VI ist mithin durch nichts erwiesen. Es bleibt eine Burg als Wohnsitz eines „Fürsten“ und einiger Aristokraten mit einer kleinen Außensiedlung. Für eine Residenzstadt mit großen Palästen, Tempeln und sonstigen öffentli-chen Bauten gibt es keine Indizien.

Die wirtschaftlichen Grundlagen bildete zweifellos die fruchtbare Troas, denn erst recht fiktiv ist die „Handelsmetropole“ Troia VI. Natürlich hatte Troia ? wie andere Siedlungen ? Außenbeziehungen. Aber von welcher Qualität waren sie? War Troia Knotenpunkt eines internationalen Handelsnetzes, gar Zentrum einer prähistorischen Hanse, wie Korfmann behauptet, oder nördlicher Endpunkt einer „Sackgasse“ im ägäisch-levantinischen Gelegenheitshandel? Die als „Beleg“ zitierten hethitischen Staatsdokumente sagen dazu gar nichts. In der „Erklärung“ werden ferner Funde der Epochen Troia VI und VII (1700 bis 950) als „Beweis“ für eine Handelsstadt Troia angeführt, ohne dass nach Jahrhunderten differenziert und Quantitäten angegeben würden. Wie viele Fayencen, Straußeneier sowie minoische und zyprische Keramikscherben wurden denn entdeckt? Aus welcher Zeit stammen zum Beispiel letztere? Der Ausgräber selbst betont, dass nur fünf Prozent der Keramik Troias, mithin der quantitativ einzig nennenswerten Fundgattung, Importware sei, und zwar in erster Linie mykenische Ware. Es handelt sich jedoch nur um „einige hundert bis tausend“ Scherben (Ausstellungskatalog, Seite 399), die sich über mehrere Jahrhunderte verteilen! Korfmann selbst schreibt zu Troia VI und VII a (Katalog, Seite 397 ff.): „Bezeichnend ist nun das fast völlige Fehlen solcher Befunde (. . .), inklusive Keramik, die auf die traditionellerweise befürwortete Bindung Troias an die Ägäis (. . .) hinweisen könnten. Der Blick nach Norden, nach Bulgarien, ergibt ebenfalls wenig Vergleichbares.“ Er kann auch keine Handelsobjekte nennen, die nachweislich von Troia aus verteilt worden wären.

Aber es fehlt noch mehr: Es fehlen Importwaren aus dem Hethiterreich, es fehlen Magazine, Archive mit Tontäfelchen und ein Hafen, folglich alles, was zu einer Handelsstadt gehört. „Keinerlei auf einen Hafenplatz hinweisende Merkmale an der Küste“ hat der Geologe Ilhan Kayan (Katalog, Seite 313) gefunden. Was bleibt? Ein Haufen Pferdeknochen, ein in der Wissenschaftsgeschichte wohl singuläres Argument für die Existenz einer Handelsmetropole. Hängt Korfmann ernsthaft der von ihm angedeuteten Vorstellung an, aus dem nördlichen Schwarzmeerraum, in dem jegliche Indizien für Handelskontakte mit der Ägäis aus jener Zeit fehlen, seien jährlich Pferdeherden über den Kaukasus nach Troia getrieben oder gar verschifft und von Troia aus weiterverkauft worden? Wie schreibt doch Korfmanns „Kampfgefährte“ Michael Siebler in der FAZ vom 6. August? Die Debatte solle „auf gleicher Augenhö-he“ stattfinden. Dazu bedarf es freilich der beiderseitigen Beachtung wissenschaftlicher Methoden.

Kolb will eine Troia-Konferenz

TÜBINGEN. Das von der Universitäts-Leitung vorgeschlagene Forum, bei dem der Archäologe Manfred Korfmann zu den Vorwürfen Stellung nehmen soll, kann laut Kolb keinen Beitrag zu einer „seriösen wissenschaftlichen Diskussion“ leisten. Eine solche Veranstaltung würde zu einer „Troia-Vorstellung mit kleiner Fragestunde“, so Kolb. Er schlägt deshalb eine zweitägige Konferenz vor: mit maximal vier Wissenschaftlern auf jeder Seite und einem Moderator. Für seine Seite schlägt Kolb unter anderem Prof. Harald Hauptmann (Prähistoriker, ehemaliger Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts Istanbul) und Prof. Dieter Hertel (Archäologe, Uni München) vor. Der Prähistoriker Prof. Bernhard Hänsel (FU Berlin) wäre bereit, die Moderation zu übernehmen.

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Erstellt:
11. August 2001, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
11. August 2001, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. August 2001, 12:00 Uhr

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